Studie Schon kleine Mengen Alkohol verkürzen das Leben

Ein Glas Wein am Tag schadet nicht - heißt es. Doch laut einer aktuellen Studie sind schon geringe Mengen Alkohol schädlich und verkürzen die Lebenszeit. Auch die deutschen Richtwerte sollten demnach überprüft werden.

DPA


Die Richtwerte für den Konsum von Alkohol sind in vielen Ländern einer Untersuchung zufolge zu hoch - auch in Deutschland. Eine große Übersichtsstudie zeigt, dass der Konsum von mehr als 100 Gramm reinem Alkohol pro Woche - das entspricht etwa 2,5 Litern Bier oder etwa einem Liter Wein - die Lebenserwartung verkürzt und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigert. Das berichtet ein internationales Forscherteam, an dem auch viele deutsche Wissenschaftler beteiligt waren, im Fachblatt "The Lancet".

In Deutschland gelten nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung 140 Gramm für Männer und 70 Gramm für Frauen als tolerierbar. Laut "Jahrbuch Sucht" konsumieren Bundesbürger über 15 Jahre im Schnitt 10,7 Liter reinen Alkohol im Jahr - in Form von knapp 134 Litern alkoholischer Getränke. Das entspricht rund 165 Gramm pro Woche.

Das Forscherteam analysierte jetzt 83 Studien aus 19 wohlhabenden Ländern - und damit Daten von knapp 600.000 Menschen. Abstinenzler waren dabei ausgeschlossen. Die Studien erfassten die Menge des Alkoholkonsums und beobachteten die Teilnehmer mindestens ein Jahr lang. Bei der Datenanalyse berücksichtigten die Autoren Alter, Geschlecht, Tabakgebrauch, Diabetes und viele andere Faktoren, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zusammenhang stehen.

Verkürzte Lebenszeit

Das wichtigste Ergebnis: Ab einer Menge von 100 Gramm pro Woche verkürzte Alkohol bei Männern wie bei Frauen die Lebenserwartung, und zwar wie folgt:

Für 40-Jährige sinkt demnach die Lebenserwartung, im Vergleich zu Gleichaltrigen, die weniger als 100 Gramm Alkohol in der Woche zu sich nehmen,

  • um etwa sechs Monate, wenn sie wöchentlich 100 bis 200 Gramm Alkohol konsumieren,
  • um etwa ein bis zwei Jahre, wenn sie wöchentlich 200 bis 350 Gramm Alkohol konsumieren,
  • um etwa vier bis fünf Jahre, wenn sie wöchentlich mehr als 350 Gramm Alkohol konsumieren.

Etwa die Hälfte der Studienteilnehmer trank mehr als 100 Gramm Alkohol pro Woche, rund acht Prozent sogar mehr als 350 Gramm.

Höherer Alkoholkonsum war der Untersuchung zufolge mit einem höheren Risiko für Schlaganfall, Herzschwäche, Bluthochdruck und einem tödlichen Aorten-Aneurysma verbunden. Allerdings ging er mit einer etwas geringeren Gefahr für nicht-tödliche Herzinfarkte einher - warum das so ist, lässt sich anhand dieser Studie nicht beantworten. Bekannt ist aber, dass Alkoholkonsum den Wert eines bestimmten Blutfettes erhöhen kann, das als gut für Herz und Gefäße gilt; die Forscher erklären sich den Schutzeffekt damit.

Doch: "Alkoholkonsum ist zwar mit einem leicht geringeren Risiko für nicht tödliche Herzinfarkte verbunden, aber das muss gegen das höhere Risiko anderer schwerer - und möglicherweise tödlicher - Herz-Kreislauf-Erkrankungen abgewogen werden", sagt Erstautorin Angela Wood von der britischen Universität Cambridge.

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Ko-Autor Dan Blazer von der US-amerikanischen Duke University in Durham ruft Ärzte dazu auf, ihre Patienten darauf hinzuweisen. "Diese Studie hat gezeigt, dass der Konsum von Alkohol in einer Menge, die als sicher galt, tatsächlich mit einer geringeren Lebenserwartung und mehreren ungünstigen gesundheitlichen Folgen verbunden ist."

Die Studie habe durch ihre Größe eine hohe Aussagekraft, sagt Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie. "Der Richtwert von 100 Gramm pro Woche sollte dazu führen, die Grenzwerte für Männer neu zu überdenken und nach unten zu korrigieren."

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Wer hat's bezahlt?

Die Studie wurde unter anderem vom Europäischen Forschungsrat und der britischen Herz-Stiftung finanziert.


Michael Roerecke von der University of Toronto, der ebenso wie Rumpf nicht an der Studie beteiligt war, verweist darauf, dass Alkohol viele Gesundheitsgefahren berge: "Jeglicher Alkoholkonsum ist mit einem Risiko verbunden, und weltweit überwiegt der negative Einfluss bei Weitem. Speziell bei Frauen ist mit jedem Konsum ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs verbunden. Das erhöhte Krebsrisiko, nicht nur für Brustkrebs, aber auch für Mund- und Speiseröhrenkrebs, ist vielen nicht bewusst."

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wbr/dpa



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