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28. Dezember 2012, 15:17 Uhr

Alkoholschäden

"Es gibt keine Dosis, die unbedenklich ist"

Ein halber Liter Bier täglich, bei Frauen noch weniger: so viel Alkohol gilt als noch vertretbar. Doch ab wann steigt das Risiko für die eigene Gesundheit an? Der Arzt und Alkoholforscher Manfred Singer erklärt im Interview, was das Zellgift im Körper auslöst.

SPIEGEL ONLINE: Herr Singer, welche Dosis Alkohol an einem Abend ist unbedenklich?

Manfred Singer: Es gibt keine Dosis, die unbedenklich ist. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO gehen Männer ein geringes Risiko ein, wenn sie weniger als 20 Gramm reinen Alkohol am Tag trinken - das entspricht einem Viertelliter Wein oder einem halben Liter Bier. Für Frauen gilt die Hälfte davon als verträglich.

SPIEGEL ONLINE: Daran halten sich in Deutschland die wenigsten Menschen, besonders zum Jahreswechsel…

Singer: Das mag sein, aber Alkoholkonsum ist nicht notwendig, um gesellig und fröhlich zu sein. In Deutschland haben mehr als 20 Prozent einen riskanten Alkoholkonsum, das heißt sie trinken etwa 60 Gramm Alkohol pro Tag, also mehr Flasche Wein am Tag.

SPIEGEL ONLINE: Nicht alle Menschen, die Alkohol trinken, sind abhängig. Viele trinken nicht täglich, bei einer Feier aber mehr als die von der WHO empfohlene Menge - wie schädlich ist das?

Singer: Es ist ja nichts dagegen zu sagen, dass man mal mehr trinkt - solange das ein Genuss ist. Es gibt einen berühmten Schriftsteller, der hat gesagt: "Ich habe über viele Jahre viel getrunken mit Freude - und auf einmal hat es mir nicht mehr geschmeckt, aber ich musste weiter trinken." Und das ist die klassische Beschreibung der Abhängigkeit. Dann ist es vorbei mit dem Genuss.

SPIEGEL ONLINE: Ich würde für mich und viele Menschen, die ich kenne, in Anspruch nehmen, nicht abhängig zu sein und es zu genießen, zu trinken. Aber ich frage ich mich, ob ich mir an Silvester Schäden zuziehen kann, wenn ich zum Beispiel fünf Gin Tonic trinke.

Singer: Gelegentlich genommen macht das wahrscheinlich gar nichts. Die Frage ist, wie oft Sie das machen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es einmal die Woche wäre?

Singer: Ich vermute mal, dass Sie da gut 100 Gramm reinen Alkohol zu sich nehmen. Das können Sie eine gewisse Zeit machen, aber Sie gehen ein hohes Risiko ein - das kann man nicht wegdiskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Worin besteht das Risiko?

Singer: Weil es die Leber nicht packt, so viel Alkohol abzubauen, wandelt sie ihn zu Fett um und das bleibt in den Leberzellen liegen. Das Heimtückische beim Alkohol ist, dass die Leberveränderungen nicht weh tun. Die Leber schwillt zwar ein bisschen an, aber selbst bei einer fortgeschrittenen Verfettung hat man nur ein geringes Druckgefühl unter dem rechten Rippenbogen und morgens vielleicht gelegentlich Übelkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sind diese Schäden irreversibel?

Singer: Wenn Sie jeden Tag ein Glas Wein oder mehr trinken, haben Sie nach vier Wochen eine leichte Verfettung der Leber. Nach vier bis acht Wochen Abstinenz ist das Fett wieder abgebaut. Im Allgemeinen können Schäden also wieder beseitigt werden. Aber wenn Sie immer weiter trinken, sterben Leberzellen, es wird Bindegewebe gebildet, es kommt zu Entzündungen und eventuell zur Leberzirrhose.

SPIEGEL ONLINE: Okay, diese Gefahr gibt es, wenn ich Sie richtig verstehe, beim gelegentlichen Trinken nicht - auf welche Organe wirkt es trotzdem schädlich?

Singer: Bereits kleine Mengen Alkohol greifen direkt die Schleimhautzellen von Mundhöhle, Speiseröhren und Magen an. Wenn man mehrere Schnäpse trinkt, ruft dies in der unteren Speiseröhre akute Entzündungen hervor - die Immunreaktion macht es noch schlimmer. Alkohol im Blut bewirkt auch, dass der Schließmuskel am unteren Ende der Speiseröhre erschlafft: Magensäure steigt auf, man hat Sodbrennen und die Schleimhautzellen werden weiter gereizt.

SPIEGEL ONLINE: Kann der Magen sich davon erholen?

Singer: Wenn man eine Trinkpause macht schon - aber es dauert zum Beispiel mehr als 24 Stunden, bis eine blutige Magenschleimhautschädigung nach dem Genuss eines scharfen Getränks, zum Beispiel Whisky oder Schnaps, abheilt.

SPIEGEL ONLINE: Ist es also ratsamer, statt Spirituosen Bier und Wein zu trinken?

Singer: Nein. All die Getränke, die ausschließlich durch Gärung entstehen - Bier, Rotwein, Weißwein, Sherry, Champagner - enthalten Äpfel- und Bernsteinsäure. Diese Substanzen stimulieren sehr stark die Magensäure - und das verursacht wiederum Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man denn jetzt trinken?

Singer: Am besten, Sie trinken Alkohol nur zum Essen. Das ist gut für den Magen, weil die Säure dann abgepuffert wird - mit dieser Regel kann man auch seinen Konsum reduzieren.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte doch auch einen Säurebinder oder einen Protonenpumpenhemmer nehmen?

Singer: Damit macht man schon was Medizinisches - aber Sie haben Recht, das hilft gegen die Säure. Allerdings nicht gegen die anderen schädlichen Wirkungen des Alkohols. Er ist ein Risikofaktor für viele Krebserkrankungen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, Alkohol ist krebserregend?

Singer: Nicht direkt, aber die Leber baut Krebs erregende Substanzen normalerweise ab - unter Alkoholeinfluss allerdings viel schlechter, weil sie bevorzugt den Alkohol abbaut. So steigt die Konzentration der Kanzerogene im Blut und sie werden durch den Kreislauf zu den vorgeschädigten Schleimhäuten gebracht. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum schon ab drei großen Bieren pro Tag oder einer Flasche Wein das Risiko um das Dreizehnfache steigt, an Mundhöhlen- oder Speiseröhrenkrebs zu erkranken. Wenn Sie dazu noch rauchen, erhöht sich das Risiko gar um das Vierzigfache.

SPIEGEL ONLINE: Was trinken Sie zu Silvester?

Singer: Ein Glas Sekt auf jeden Fall, und vielleicht noch zwei Glas Wein, damit ist es genug. Ich bin 67, man verändert im Laufe des Lebens sein Trinkverhalten und auch die Verträglichkeit von Alkohol nimmt ab. Im Alter steigt der Blutalkoholspiegel, wenn man trinkt, stärker an als bei jungen Menschen, weil der Wassergehalt des Körpers mit den Jahren sinkt. Sie scheinen mir noch ein junger Mann zu sein und ich kann gut nachvollziehen, dass Sie auch mal feiern. Aber ich habe noch Hoffnung für Sie, dass Sie sich bessern.

Das Interview führte Frederik Jötten

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