Speis und Zank: Das große Saufen

Eine Kolumne von Jan Spielhagen

Was waren das noch für Zeiten, als man sich bei Zigarette und Bierchen über Kiffer, Kokser und Heroinsüchtige unterhielt. Heute herrscht da mehr Konformität: Deutschland säuft. Und die junge Generation gleich mit. Eine Bilanz.

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Weintrinken: Alkohol wird zu allen Gelegenheiten gereicht

Wein gibt es immer und überall. Bei jedem Empfang, auf jedem Geburtstag, bei jedem Essen. Wein ist der große gemeinsame Nenner jeder Veranstaltung. Riesling, Sauvignon Blanc, Chardonnay, Pinot Grigio, gläserweise, flaschenweise. Wer höflich fragt, wird natürlich auch mit Bier und Champagner versorgt. Doch was die Franzosen einst zur perfekten Essensbegleitung kultivierten, hat Limonade, Cola, Sekt und Selters abgelöst. Das Weinglas in der Hand ist so normal wie die Uhr am Arm oder die Füllung im Zahn. Deutschland hat sich entschieden: Für Markus Lanz im Fernsehen. Fürs iPhone. Für den Alkohol.

Früher war das komplizierter. Da gab es irgendwie mehr Drogen. Zum Beispiel solche, die unwiederbringlich ins soziale Elend führten. Christiane F. und ihr furchterregendes Heroin verkörperten die Bedrohung einer ganzen Generation. Oder Haschisch oder Gras, die genau so ein politisches Statement wie ein bedrohliches Suchtmittel waren. Oder LSD, bewusstseinserweiternd, saugefährlich und ein Indiz für extravaganten Musikgeschmack.

Und heute? Heute gibt es Alkohol für alle. Egal, ob Mozart, Robbie Williams oder Justin Bieber. Denn auch die Jüngsten saufen schon mit. Keine Informationsveranstaltung einer weiterführenden Schule, bei der nicht auch schon die Eltern der Siebtklässler über den zu erwartenden Alkoholmissbrauch ihrer Lieben aufgeklärt werden. Klassenfahrten werden zu Komafahrten und Red Bull verleiht auch dem pickeligsten Pubertierenden erfolgreich Flügel, wenn er es im Verhältnis 1:1 mit Billigwodka mischt. Da kann man sich schon mal Sorgen machen als Erziehungsberechtigter und diese gleich nach dem Elternabend bei ein, zwei Gläsern Grünem Veltliner mit Gleichgesinnten teilen.

"Nun also Alkohol total"

Aber was ist mit den anderen Drogen passiert? Und mit ihren Konsumenten, die man früher so sicher am Äußeren erkennen konnte, die sich so herrlich in rechts und links, in erfolglos oder neureich unterteilen ließen? Sie sterben aus. So wie die letzten Kiffer, die sich blöd geraucht und wahrscheinlich deshalb noch nicht mitgekriegt haben, dass der Atomausstieg beschlossene Sache ist. Oder die letzten Kokser, ein paar Stylisten, Kieferorthopäden und eine Handvoll Werbefotografen, die den Umstieg von der analogen auf die digitale Fotografie nicht mit der Halbierung ihrer Tagessätze bezahlen mussten.

Nun also Alkohol total. Deutschlands Große Koalition in Sachen Rausch. Fast zehn Millionen Menschen konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form, etwa 1,3 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig, mindestens 73.000 Menschen saufen sich jedes Jahr zu Tode. Mit fast 140 Litern alkoholischer Getränke oder rund zehn Litern reinen Alkohols gießen wir uns übers Jahr gerechnet die Lampen aus, munter verteilt über die Jahres- und Tageszeiten. Einstand, Ausstand, Geburtstag, Hello und Goodbye, Karneval und Silvester, einen Grund zum Anstoßen gibt es immer.

Und wenn es ein Individuum dabei umwirft, dann ist das eben der unvermeidbare menschliche Kollateralschaden. Und im Falle eines Prominenten ist es den bunten Blättern eine rührselige Geschichte wert, die man sich schön beim Nachmittagsprosecco auf der Zunge zergehen lassen kann.

Wie bei der bemitleidenswerten Jenny Elvers-Elbertzhagen. Ende Januar verkündete sie: "Ich wollte mich zu Tode trinken. Wenn ich in der Dosis weitergemacht hätte, wäre es dazu gekommen." Sechs Wochen und einen stationären Entzug später verkündet sie ihre Blitzgenesung. Potzblitz, das wollten wir hören. Darauf ein Gläschen.

Lesen Sie hier mehr zum Thema Alkohol: Alkohol-Mythen - Ölsardinen und Co. +++ Sprechstunde: Alles zum Thema Alkoholkonsum +++ Risiken des Alkoholkonsums: Es darf ein Gläschen mehr sein

Sie haben das Gefühl, zu viel zu trinken? Ein Angehöriger, Freund oder Kollege hat ein Alkoholproblem? Hier finden Sie Informationen, Adressen und Telefonnummern, unter denen Ihnen geholfen wird.

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1. Ein Aspekt fehlt noch
Martin Franck 08.04.2013
Zwar wurde schon erwähnt, daß man irrigerweise glaubt mit etwas Wein auf einmal die Esskultur der Franzosen zu haben. So glauben ja immer noch Leute, daß zum romantischen candle light dinner auch Rotwein gehöre. Jedoch ist die faulste Ausrede das Nachplappern der Lobbyistenlüge der Weinhersteller, daß Rotwein ja gut füs Herz sei, und Leute mit moderatem Konsum länger leben würden.
2.
XRay23 08.04.2013
Dann ist es wohl nur eine Frage der Zeit bis unsere Regierung, natürlich auf Anraten der EU, massivst die Steuern erhöht um dem einen Riegel vorzuschieben. ;-)
3. Wow!
huginundmunin 08.04.2013
Knapp 140 Liter alkoholische Getränke im Jahr. Macht durchschnittlich 0,38 Liter am Tag. (Statistisch meistens Bier). Mein Gott, was sind wir doch für eine Säufernation. Aber vielleicht sind wir auch nur eine Zeigefingernation, wer weiß.
4. Ich bin verwundert!
Wunderläufer 08.04.2013
Ich bin verwundert über diesen alarmierenden Artikel. Aus meiner eigenen Erfahrung ud Wahrnehmung habe ich ein ganz anderes Bild, eines bei dem Jugendliche und auch Erwachsene deutlich weniger Alkohol trinken als in meiner Jugendzeit. Was sich aber nicht geändert hat: Alkohol wird von der Gesellschaft nicht als Droge geächtet. Auch der Bericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung unterscheidet zwischen der legalen Droge Alkohol und den illegalen Drogen
5. Wer säuft meine 140 Liter?
wollywachtel 08.04.2013
Der Artikel spricht mir aus der Seele. Wäre Alkohol genauso besteuert worden wie Zigaretten und Tabak in den vergangenen Jahren, gäbe es wohl eine Menge Säufer weniger in Deutschland. Und wann gibt es endlich die schlauen Sprüche wie beim Tabak? "Alkoholiker sterben früher" oder "Alkohol schädigt Sie und andere"? Aber wie sähen solche Flaschen aus bei irgendwelchen Empfängen? Oder im Nobel- Restaurant? Das geht natürlich nicht.
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  • Ralf Gellert für BEEF!
    Speis und Zank: Alle Kolumnen
  • Jan Spielhagen ist Chefredakteur von "BEEF!" und Hobbykoch. Seit er das Kochmagazin für Männer gründete, auf dem meist ein Stück Fleisch als Covermodell dient, wird er entweder als Fleischpapst oder Tiermörder denunziert. Beides ist ihm unangenehm, weil ihn nämlich weder religiöse noch kriminelle Motive leiten, wenn er an seinem Lieblingsplatz vor dem Grill steht und Frühlingszwiebeln, Fenchel, Wolfsbarsch und selbstgemachte Würstchen grillt. Im Sommer mit Sonnenbrille, im Winter mit Schal.
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Therapie bei Alkoholsucht
Ziel der Behandlung
Das erste Ziel der Therapie ist, den alkoholkranken Patienten vor einer akuten Vergiftung oder dem Tod im Rausch zu schützen. Anschließend soll sein Alkoholkonsum eingeschränkt werden, um ihm schließlich ein Leben ganz ohne Alkohol zu ermöglichen.

Um diese Ziele zu erreichen, ist es grundlegend, die Alkoholabhängigen so früh wie möglich zu behandeln. Sobald das Problem erkannt ist, sollten die Patienten vor allem Hilfe zur Selbsthilfe erhalten. Wenn möglich erfolgt die Therapie ambulant und dort, wo der Abhängige wohnt. Reicht das nicht, werden die Patienten in spezialisierten Zentren stationär behandelt.

Mit dem Ende einer von Ärzten oder Psychotherapeuten begleiteten Behandlung ist die Alkoholabhängigkeit nicht geheilt - wer einmal getrunken hat, muss lebenslänglich an seiner Abstinenz arbeiten.
Kurzintervention
Hausärzte und Krankenhausmitarbeiter sollten bei Patienten sofort aufmerksam werden, wenn sie eine Alkoholsucht bemerken. Lange vor einer stationären Behandlung können sie durch ein vertrauensvolles Gespräch, Hilfestellungen im Alltag und regelmäßige Termine früh eingreifen. Untersützt werden sie dabei von Suchtberatungsstellen, die es in ganz Deutschland gibt.

Problematisch ist, dass auch die vermeintlichen Profis häufig schlecht auf den Umgang mit Süchtigen vorbereitet sind. Ärzte vermeiden es zum Beispiel häufig, ein offensichtliches Alkoholproblem bei ihren Patienten anzusprechen - und werden so zu Co-Abhängigen, die die Sucht des Patienten verleugnen.
Entgiftung & Entwöhnung
Für die akute Entgiftung kann der Patient in einem normalen Krankenhaus aufgenommen werden. Für die Entwöhnungsphase sind dagegen Fachkliniken oder psychiatrische Abteilungen zuständig, die sich auf Suchtkranke spezialisiert haben.

Der Klinikaufenthalt schützt den Patienten vor seiner gewohnten Umgebung, gemeinsam mit anderen Patienten lernt er, einen Alltag ohne Alkohol durchzustehen. Psychiater und Psychologen arbeiten in dieser Phase mit tiefenpsychologischen oder verhaltenstherapeutischen Verfahren. Schwierig ist vor allem der Schritt zurück ins Leben außerhalb der Klinik.
Nachsorge
Kehrt der Patient in seine gewohnte Umgebung zurück, gilt es, einen Rückfall zu verhindern. Dabei helfen vor allem Selbsthilfegruppen, wie die Anonymen Alkoholiker , der Kreuzbund , die Guttempler oder das Blaue Kreuz .
Mehr Informationen & Hilfe
Hintergrundinformationen zum Thema Alkohol und das Heft "Alkoholabhängigkeit" zum Download als PDF bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V.

Aktion "Kenn dein Limit." der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Anonyme Alkoholiker

Kreuzbund

Guttempler

Blaues Kreuz

Quelle: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen