Zeitmessung beim Joggen: "Sich zu vergleichen, motiviert unglaublich"

Läufer sind zahlengetrieben. An der Hamburger Alster hat der Softwareentwickler Michael Brügmann eine Anlage installiert, die die Rundenzeiten misst. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt er, warum alsterrunning.de Jogger so sehr motiviert.

Blitzer für Jogger: Anlage misst Rundenzeiten um die Alster Fotos
DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Brügmann, Sie sind schuld daran, dass Läufer an der Hamburger Alster geblitzt werden.

Michael Brügmann: Das ist richtig (lacht). Wir haben sechs Messstationen für Jogger um die Alster installiert. Wenn ein Läufer an einer der Anlagen vorbeirennt, blitzt es kurz einmal grün auf. Dann weiß er, dass er "eingecheckt" hat und vom System registriert wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wieso braucht es eine fest installierte Chip-Zeitmessung um die Alster? Es gibt doch GPS-Uhren, Smartphones, Apps.

Brügmann: Viele Läufer finden es cool, dass man an nichts denken muss. Ich muss nicht auf Start oder auf Stopp drücken, kann mein Telefon zu Hause lassen. Das Entscheidende ist aber die Community, über die ich mich mit all den anderen Läufern auf dieser Strecke vergleichen kann. Außerdem ist es eine offizielle, also unabhängige und vergleichbare Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Ähnlich wie bei einer Laufveranstaltung.

Brügmann: Genau. Und wie bei einem Marathon will ich nach dem Lauf auf jeden Fall meine erfasste Zeit in der Liste sehen, auch wenn ich eine eigene Uhr dabei hatte. Alles, was man dazu braucht, ist ein Chip, den man am Schuh befestigt. Die Zeiten tauchen automatisch im eigenen Account auf. Man sieht die Rundenzeit, die Geschwindigkeit und Zeiten der einzelnen Teilabschnitte und die Gesamtkilometer im Monat. Ich habe die Möglichkeit, überall anzufangen, überall aufzuhören, in jede Richtung zu laufen, auch zwischendurch umzudrehen - das System merkt alles.

ZUR PERSON:

Michael Brügmann, Jahrgang 1979, Software-Entwickler und Erfinder von alsterrunning.de, wohnhaft in Hamburg-Rotherbaum. Der Freizeitläufer hat eine Chip-Zeitmessung um Hamburgs beliebteste Laufstrecke installiert. So können Freizeitläufer ihre Rundenzeiten messen lassen. Das Ergebnis wird automatisch gespeichert und im persönlichen Account gelistet. Brügmann hat seine Festanstellung bei einer Softwarefirma auf 80 Prozent reduziert, um mehr Zeit für sein Projekt zu haben. Drei Jahre lang hat er daran gearbeitet. Seit Juli 2012 ist alsterrunning.de online. Zurzeit sind mehr als 900 Läufer angemeldet.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist das nicht ein bisschen überambitioniert? Viele wollen doch einfach nur joggen gehen.

Brügmann: Klar, die gibt's auch, aber die haben dann auch keinen Chip. Die Idee war von Anfang an: Niemand sollte sein Laufverhalten ändern müssen, um daran teilzunehmen. Und es motiviert unheimlich, sich mit anderen zu vergleichen . Viele Läufer schauen nach einem Lauf sofort auf die Seite. Gar nicht so sehr, um zu wissen, wie schnell sie waren, sondern, um zu gucken, ob sie es an dem Tag in die Top Ten geschafft haben oder auf welchen Platz sie in ihrer Altersklasse gelaufen sind.

SPIEGEL ONLINE: Läufer sind eben zahlengetrieben. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Brügmann: Klassischerweise fangen die besten Ideen bei einem Bier in einer Kneipe an, so auch hier. Ich laufe selber viel um die Alster und bin auch schon Marathon gelaufen und habe mir einfach irgendwann gedacht, dass es doch toll wäre, wenn man eine Zeitmessung für Freizeitstrecken hätte. Dann habe ich mich schlaugemacht, wie man die Idee technisch lösen kann, und irgendwann bin ich zum Bezirksamt Eimsbüttel gegangen und habe gefragt, was die davon halten, wenn wir ein paar hundert Meter Kabel in der Grünanlage um die Alster verbuddeln.

SPIEGEL ONLINE: Da wurden Sie sicher für verrückt erklärt, oder?

Brügmann: Ich hatte auch gedacht, dass das so sein würde, aber der Sachbearbeiter war sofort begeistert.

SPIEGEL ONLINE: Selber ein Läufer.

Brügmann: Genau (lacht). Ich habe dann ein Konzept eingereicht, und innerhalb von vier Wochen wurde es genehmigt.

SPIEGEL ONLINE: Wie teuer waren die Messstationen?

Brügmann: Ich habe es nie genau ausgerechnet, aber alles in allem hat die Anlage sicher einen unteren fünfstelligen Betrag gekostet.

SPIEGEL ONLINE: Und wer hat es finanziert?

Brügmann: Die Stadt hat alles genehmigt und auf den Weg gebracht, mit allem unterstützt, was nichts extra gekostet hat. Die Anlage habe ich aber mehr oder weniger selbst bezahlt.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Investition schon rentiert?

Brügmann: Nein, mein Ansatz war auch nie, damit reich zu werden. Man braucht einen Chip, der einmalig 28 Euro kostet. Das ist quasi wie eine Aufnahmegebühr für ein Fitness-Studio. Wenn 2000 Leute mitmachen, ist die Anlage abbezahlt, momentan sind es mehr als 900. Und wenn noch mehr Leute mitmachen, dann verdient man auch mal was.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Zeit können Sie ja auch bestimmte Angaben zum Laufverhalten machen. Wer ist denn schneller: Männer oder Frauen?

Brügmann: Männer sind schneller. Im Durchschnitt brauchen die Frauen 48 Minuten, die Männer 41 Minuten für die Runde. Noch mehr unnützes Wissen: Die meisten Läufer umrunden die Alster im Uhrzeigersinn, und der Tag, an dem am häufigsten gelaufen wird, ist der Montag.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch im "echten Leben" Berührungspunkte zwischen den Läufern?

Brügmann: Ich weiß, dass es Leute gibt, die sich über die Plattform kennengelernt haben. Wenn man regelmäßig auf der Seite ist, sieht man, wer zu einer ähnlichen Zeit läuft, wer ein ähnliches Tempo hat und kann denjenigen auch anschreiben und fragen: Läufst du auch Marathon? Wollen wir zusammen trainieren? Es ist eine virtuelle Community, die real greifbar ist. Das Nette ist auch: Wenn man um die Alster läuft, erkennt man sich an dem Chip am Schuh und findet das Gesicht vielleicht online wieder.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon Betrugsfälle verzeichnet?

Brügmann: Schummler meinen Sie? Wenn jemand sehr schnell ist, fällt das schon auf. Wir hatten kürzlich jemanden, der auf Platz 1 in der Tageswertung war, mit 28 Minuten. Der braucht aber sonst eher 50 Minuten, das kam mir dann schon komisch vor. Abends hat derjenige mir eine E-Mail geschrieben - mit schlechtem Gewissen. Er hatte die Strecke mit dem Fahrrad absolviert. Ich habe die Zeit wieder gelöscht.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es schon Anfragen aus anderen Städten?

Brügmann: Meist nur von Läufern, die so etwas auch gerne an ihrer Lieblingsstrecke hätten. Bislang aber hat es noch keinen gegeben, der es in die Hand genommen hat.

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Das Interview führte Frank Joung

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1. Die armen Irren
Frau Mau 03.05.2013
Zitat von sysopLäufer sind zahlengetrieben.
...meinte mein Orthopäde mal. Joggen ist für die Gelenke höchst bedenklich und darf nicht allgemein als gesundheitsfördernd gesehen werden. Naja, die Kliniken die sich auf Prothesen, Hüften, Gelenke spezialsiert haben, boomen jedenfalls parallel zum Jogging Boom. Da muß was dran sein und wenn ich jetzt von zahlengetriebenen Joggern lesen darf, frage ich mich ernsthaft, wie vorteilhaft diese Sportart sein kann ? Nach neustesten Studien sollen Schnellgeher jedenfalls die Gelenke kaum belasten und der Fitnesseffekt sei ebenso hoch. Ich denke man muß nicht jeden Hype immer mitmachen, einen zahlengetriebenen , schonmal gar nicht.
2.
spon-facebook-10000351791 03.05.2013
Zitat von Frau Mau...meinte mein Orthopäde mal. Joggen ist für die Gelenke höchst bedenklich und darf nicht allgemein als gesundheitsfördernd gesehen werden. Naja, die Kliniken die sich auf Prothesen, Hüften, Gelenke spezialsiert haben, boomen jedenfalls parallel zum Jogging Boom. Da muß was dran sein und wenn ich jetzt von zahlengetriebenen Joggern lesen darf, frage ich mich ernsthaft, wie vorteilhaft diese Sportart sein kann ? Nach neustesten Studien sollen Schnellgeher jedenfalls die Gelenke kaum belasten und der Fitnesseffekt sei ebenso hoch. Ich denke man muß nicht jeden Hype immer mitmachen, einen zahlengetriebenen , schonmal gar nicht.
Sie gehören ja offenbar nicht zu diesen "selbstzerstörerischen" Joggern. Darf man fragen, weshalb sie dann einen Orthopäden ihr Eigen nennen? Gibt es einen Beleg dafür, dass "Kliniken die sich auf Prothesen, Hüften, Gelenke spezialsiert haben" parallel zum Jogging boomen? Es mag sein, dass die Belastung für die Gelenke beim Laufen für Übergewichtige ungesund ist, diese sollte zunächst mit Walking anfangen. Aber bei trainierten Läufern mit einem richtigen Laufstil insbesondere mit der richtigen Ausrüstung (Schuhe) sollte kein übermäßiger Verschleiß an den Gelenken auftreten. Oder wieso gibt es Marathonteilnehmer mit deutlich über 60 Jahren?
3.
sample-d 03.05.2013
Zitat von Frau Mau...meinte mein Orthopäde mal. Joggen ist für die Gelenke höchst bedenklich und darf nicht allgemein als gesundheitsfördernd gesehen werden. Naja, die Kliniken die sich auf Prothesen, Hüften, Gelenke spezialsiert haben, boomen jedenfalls parallel zum Jogging Boom. Da muß was dran sein und wenn ich jetzt von zahlengetriebenen Joggern lesen darf, frage ich mich ernsthaft, wie vorteilhaft diese Sportart sein kann ? Nach neustesten Studien sollen Schnellgeher jedenfalls die Gelenke kaum belasten und der Fitnesseffekt sei ebenso hoch. Ich denke man muß nicht jeden Hype immer mitmachen, einen zahlengetriebenen , schonmal gar nicht.
Das kann man sich alles einreden wenn man sich nicht überwinden kann regelmässig Ausdauersport zu machen ;) - stimmt aber nicht. Wenn man die Distanz nicht übertreibt (>100km/Woche) ist Laufen nicht schädlich für die Gelenke. Und dass man sich über die Laufzeit vergleicht und mit anderen misst liegt in der Natur des Menschen.
4. Wäre auch anderen Ortes prima...
johnrawls 03.05.2013
...und schön, dass das mal gesammelt wird. Aber mich ärgert, dass man dafür einen Account der Datenkrake Facebook braucht. Dann eben ohne mich.
5.
spon-facebook-10000351791 03.05.2013
Zitat von johnrawls...und schön, dass das mal gesammelt wird. Aber mich ärgert, dass man dafür einen Account der Datenkrake Facebook braucht. Dann eben ohne mich.
Sie würden also bei einer Community mitmachen, bei der ihr Aufenthaltsort inkl. Uhrzeit gespeichert und angezeigt wird, regen sich aber über die "Datenkrake" FB auf?
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  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.