Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Apple Watch: Hier bin ich optimiert, hier darf ich's sein

Aktivitätsmuster, Herzschlag, Kalorienverbrauch: Die Apple Watch weiß viel. Das ist auch gut so, meint Wunderläufer Achim Achilles. Durch den permanenten Optimierungszwang hofft er, endlich ein noch besserer Mensch zu werden.

Tim Cook bei der Vorstellung der Apple Watch: Körperfunktionen stets Blick Zur Großansicht
REUTERS

Tim Cook bei der Vorstellung der Apple Watch: Körperfunktionen stets Blick

Ich kann's kaum noch erwarten. Ich will unbedingt eine Apple Watch. Vielleicht sollte ich mein Ergometer neben den Wartezelten vor diesem Laden aufbauen, der den Elektronikmüll von morgen verkauft. Endlich gesünder laufen, alle Körperfunktionen rund um die Uhr im Blick und für die ganze Welt online zu begucken.

Will ich die totale Transparenz? Aber klar! Wer sich dagegen sperrt, der hat doch was zu verbergen. Ich nicht, auch wenn ich an meinen Emotionen arbeiten muss. Ich möchte mein ganzes Potenzial nutzen, um ein besserer, fitterer, edlerer Mensch zu werden, ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft, so wie die jungen Optimisten im Silicon Valley, die unsere Welt jeden Tag ein wenig besser machen.

Mit der neuen Uhr am Arm weiß Mona zum Beispiel, wann ich mich wo aufhalte. Durch die Bezahlfunktion der Uhr erfährt meine Gattin umgehend, ob ich an der Tanke neben Benzin noch einen ungesunden Schokoriegel erworben habe. Riegel sind böse, die darf ich nicht, wegen der Folgekosten für die ganze Gesellschaft. Endlich wird mein gesamter Konsum öffentlich, und das ist auch gut so.

Habe ich etwa seit drei Monaten keine Laufklamotten erworben, warnt mich die App des Finanzministers, dass ich meinen Status als Triple-A-Shopper und die dazugehörige Platin-App verlieren werde, weil ich der Volkswirtschaft meine Kaufkraft verweigere.

Meine Krankenkasse hat ebenfalls Zugriff auf meine Daten. Schwänze ich ein Training oder lege gar ein Kilogramm Körpergewicht zu, steigt mein Beitrag im nächsten Monat, während die prognostizierte Lebensversicherungssumme schrumpft. Gut so. Disziplin hat noch keinem geschadet. Sagt die AfD auch. Nur das Zwicken im Meniskus macht mir Sorgen. Ich kann doch der Gemeinschaft nicht zumuten, meine privaten Krankheiten zu finanzieren.

Drei Mal täglich automatische Blutprobe

Zum Glück stehe ich unter minutiöser Kontrolle. Die Mikronadeln der Uhr nehmen drei Mal täglich eine Blutprobe, um zu prüfen, ob ich meine Antidepressiva ebenso regelmäßig einnehme wie die Leistungspillen, rein pflanzlich natürlich. Ich habe zwar gar keine Depression, aber das Gen-Screening hat eine 54-prozentige Wahrscheinlichkeit ergeben, dass ich eine bekommen könnte. Da beugen wir lieber vor.

Besonders schätze ich die automatische Laufpartnervermittlung. Früher rannten wir einfach nur so, mit Leuten, auf die wir Lust hatten. Aber das ist total "eighties", völlig unoptimiert. Die neue RunBuddy-App teilt mir optimale Trainingspartner zu, die etwas schneller sind, um mich sanft zu motivieren, und genau die Gesprächsthemen auf Lager haben, die mich emotional und intellektuell weiterbringen. Neulich bekam ich eine pensionierte Lateinlehrerin zugewiesen, die mir mit sehr fein dosierter Empathie die Feinheiten von Gerundivum und Ablativ nahezubringen versuchte.

Toll, wenn man die Traumata von einst noch mal durchleben kann. Mehrfach signalisierte mir ein Vibrieren der Uhr, dass meine Emotionen nicht im optimalen Bereich lagen. Nächste Woche erklärt mir ein Nerd während des Trainings, wie man Excel-Tabellen baut und liest. Toll, wenn man immer weiter wachsen kann und die ganze Welt guckt zu. Ich freu mich schon.

Und wehe, wenn nicht. Am Hautwiderstand merkt die Uhr umgehend, wenn ich maulig bin. Umso härter arbeite ich daran, beim Anblick von Hunden und Walkern total positive Gefühle zu entwickeln. Nach jedem Training werden all meine Vital- und Laufdaten automatisch gepostet, was mir täglich etwa 250 Tipps und Tricks einbringt, wie ich meine Ernährung optimieren, effizientere Trainingspläne kaufen und meine Emotionen versanften kann. Seit der Klarnamenpflicht sind die Trolle aus dem Netz verschwunden; alle gehen wir total sportlich fair und freundlich miteinander um. Transparenz ist total schön.

Gute Platzierungen sind wichtiger als Freundschaften

Ich mache mir nur etwas Sorgen um Klaus-Heinrich. Leider hat uns die Laufpartner-App noch nie zusammen trainieren lassen, was daran liegen mag, dass mein bockiger alter Sportsfreund keine Apple Watch tragen will. Was hat der Mann wohl zu verbergen? Die Uhr misst alle Erregungen - vielleicht schämt er sich für seine erotischen Schübe, wenn er eine Frau in Laufklamotten sieht?

Er habe sich "digitales Detox" verordnet, sagt Klaus-Heinrich, weil er ganz krank werde von zu viel Selbstoptimierung. Wie schade. Der Gute hat die Vorteile einfach nicht begriffen. Leider kann ich ihm das nicht erklären, weil eine Verabredung mit Klaus-Heinrich mein soziales Ranking gefährden würde. Klar, wir sind ein freies Land, da kann jeder machen was er will. Aber Treffen mit Intransparenten sehen die Herrschaften von der Bundesglückskontrolle gar nicht gern. Und gute Platzierungen sind Läufern nun mal wichtiger als Freundschaften.

Ich freue mich auf die nächste Generation meiner Uhr, die dann sogar über einen Flüssigkeitssensor verfügen soll, für den Morgenurin. Während ich meinen Unterarm wasche, wird analysiert, was ich idealerweise zum Frühstück aufnehmen soll. Eine Drohne liefert den nährstoffoptimierten Breakfast-Smoothie, wahrscheinlich auf Fenchel -und Auberginenbasis, weil ich dagegen die größten Aversionen habe. Die Glücklichkeits-App findet, ich müsse meine Emotionen gerade gegenüber Gemüsen verbessern, mit denen ich früher nicht mal meine Feinde beworfen hätte.

Es ist ein gutes Gefühl, jeden Tag ein noch viel besserer Mensch zu werden.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Super Artikel
nb2101 16.09.2014
Ich finde ihre Artikel eh immer toll und spannend zum lesen, aber mit diesem haben sie sich selbst übertroffen. Einfach fantastisch geschrieben.
2. 2057 - Leben in der Zukunft ...
RacingGreen 16.09.2014
... so hieß vor längerer Zeit eine Doku im ZDF. Dort wurde genau das vorrausgesagt. Gute Doku übrigens
3. Genauso ist es ...
janzen1 16.09.2014
... und letztendlich rennen wir alle vor dem Tod davon.
4. Selten so gelacht
Haha4711 16.09.2014
Ist das noch Satire oder der größte Schwachsinn der Welt? Übertreibung macht bekanntlich anschaulich ..
5. Härrlischer Artikel
Jochen2002 16.09.2014
vor 15 Jahren stieg ich mit meinem erstem Palm Pilot in die persönliche Digitalisierung ein. Ich glaube, ich habe davon profitiert. Aber mittlerweile macht auch mir die Big-Data-Welle Sorgen...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Person
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

Anzeige


Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: