Farbstoffe in Lebensmitteln: Bunt und gefährlich

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Bunte Bonbons: Farbstoffe sind nicht immer unbedenklich

Mehr als 300 Zusatzstoffe für Lebensmittel sind in der EU zugelassen. Bei fast der Hälfte raten Verbraucherschützer vom häufigen Verzehr ab, andere halten sie grundsätzlich für bedenklich - darunter auch Farbstoffe in Süßigkeiten für Kinder.

Der Erdbeerjoghurt lockt mit einem frischen Rot, cremig zergeht er auf der Zunge. Sein Duft steigt in die Nase und weckt den Appetit. Wer schon einmal versucht hat, mit Schnupfennase sein Lieblingsgericht zu genießen oder mit verbundenen Augen ein Lebensmittel zu erkennen, weiß, wie sehr Geruch und Farbe des Essens das Geschmacksempfinden beeinflussen.

Essen ist eine Sinneserfahrung - und das macht sich die Lebensmittelindustrie zunutze. Mit Hilfe von Aromen und Farbstoffen ahmt sie das Aussehen und den Geschmack von Früchten oder Fleisch nach. Die künstlichen Lebensmittel sind für den Verbraucher häufig kaum vom natürlichen Produkt zu unterscheiden. Doch damit nicht genug: Obwohl die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) alle Lebensmittelzusatzstoffe prüft, stehen zahlreiche unter dem Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein.

"320 Zusätze sind inzwischen zugelassen und es werden immer mehr", sagt Silke Schwartau von der Hamburger Verbraucherzentrale. Für einen Ratgeber beurteilten die Verbraucherschützer alle zugelassenen Lebensmittelzusatzstoffe. "Bei vielen Substanzen sind wir, was die Sicherheit angeht, anderer Meinung als die Efsa und die Industrie", sagt Schwartau. Knapp die Hälfte der Zusatzstoffe (143 Stück) empfehlen die Verbraucherschützer, sicherheitshalber nur selten oder in geringen Mengen zu verzehren - darunter fällt unter anderem der Geschmacksverstärker Glutamat. Bei ein paar Zusätzen raten sie sogar ganz vom Verzehr ab, viele davon sind Azofarbstoffe.

Hyperaktivität und Allergien

Bereits 2007 hatte eine Studie aus dem Fachmagazin "Lancet" ergeben, dass Azofarbstoffe Hyperaktivität bei Kindern begünstigen können. Obwohl die Efsa die Aussagekraft der Untersuchung in Frage stellt, müssen Lebensmittel mit den Azofarben Tartrazin (E 102), Gelborange S (E 110), Azorubin (E 122), Cochenillerot (E 124), Allurarot (E 129) oder dem Farbstoff Chinolingelb (E 104) nun einen Warnhinweis tragen: "Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen." Zuletzt entdeckte die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein die Farben Ende 2012 vermehrt in Halloween-Süßigkeiten für Kinder.

Darüber hinaus stehen Azofarbstoffe im Verdacht, Allergien oder Pseudoallergien auslösen zu können. Letztere führen wie echte Allergien zu Asthma oder Hautödemen, lassen sich aber nicht über einen Allergietest nachweisen. Besonders häufig von Nebenwirkungen betroffen seien Menschen, die auch auf den Konservierungsstoff Benzoesäure oder auf Aspirin allergisch reagieren, berichtet die Verbraucherzentrale Hamburg. Die Efsa weist im Zusammenhang mit Tartrazin darauf hin, dass der Farbstoff "bei einem kleinen Teil der Bevölkerung Unverträglichkeitsreaktionen hervorrufen kann". Bei den anderen Stoffen sei ein Zusammenhang mit Allergien nicht eindeutig nachgewiesen, so die Stellungnahme.

Strengere Grenzwerte waren überfällig

Dennoch verschärfte die Behörde Anfang Juni 2013 für drei der umstrittenen Farbstoffe - Gelborange S, Chinolingelb und Cochenillerot - die erlaubten Höchstmengen in Lebensmitteln. Schon vor drei Jahren wurde die zulässige tägliche Höchstdosis für diese Farbstoffe herabgesetzt. Für Chinolingelb, das in den USA als Lebensmittelzusatzstoff ganz verboten ist, sank der Grenzwert damals von zehn Milligramm auf 0,5 Milligramm - also um das 20fache.

"Das zeigt, dass auch die Behörden sich bei diesen Farbstoffen nicht ganz sicher sind", sagt Schwartau. "Langfristig fordern wir ein Verbot von Azofarbstoffen in Lebensmitteln." Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE äußerte sich die Efsa nicht zu den Vorwürfen. Laut Kritikern wäre es aber einfach, die umstrittenen Farbstoffe zu ersetzen: Mit Fruchtsäften aus Rote-Beete- oder Brennnesseln lassen sich Lebensmittel ebenfalls einfärben, allerdings weniger knallig.

Möglichst viele Speisen selbst zubereiten

Um die Dosis umstrittener Lebensmittelzusatzstoffe gering zu halten, empfehlen Verbraucherschützer, auf Fertigprodukte zu verzichten und auch Salatsoßen, Puddings oder Kartoffelbrei selbst zuzubereiten. Daneben können Biolebensmittel eine Lösung sein. Bei ihnen dürfen die Hersteller laut Öko-Verordnung nur aus knapp 50 Zusatzstoffen wählen, die auch die Verbraucherzentralen weitestgehend für unbedenklich halten.

In Biolebensmitteln komplett verboten sind Farb- und Süßstoffe, Stabilisatoren und Geschmacksverstärker, die als Zusatzstoffe gelten. Nur bei vier der in Biolebensmitteln grundsätzlich erlaubten Konservierungsstoffe raten die Verbraucherschützer zum seltenen Verzehr oder warnen vor Unverträglichkeiten bei empfindlichen Menschen: Schwefeldioxid (E 220), Kaliummetabisulfit (E 224), Natriumnitrit (E 250) und Kaliumnitrat (E 252). Gleiches gilt für Kalziumphosphate (E 341 (I)) und fünf Verdickungs- und Feuchthaltemittel: Alginsäure (E 400), Natriumalginat (E 401), Kaliumalginat (E 402), Agar-Agar (E 406) und Carrageen (E 407).

"Der Verbraucher zieht im Kräftemessen mit der Industrie den Kürzeren", sagt Schwartau. In der Vergangenheit ist die Efsa bereits mehrfach in die Kritik geraten, weil im Verwaltungsrat, der auch die Mitglieder der wissenschaftlichen Gremien benennt, Vertreter der Lebensmittelindustrie und industrienaher Organisationen Platz nehmen. Das derzeitige Mitglied Milan Kovác etwa war laut der lobbykritischen Seite Lobbypedia noch bis Juli 2011 Vorstandsmitglied beim International Life Sciences Institute Europe (Ilsi Europe), das als einflussreiche Lobbyorganisation im Lebensmittelbereich gilt.

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insgesamt 85 Beiträge
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1. darum
Stabhalter 14.07.2013
Zitat von sysopMehr als 300 Zusatzstoffe für Lebensmittel sind in der EU zugelassen. Bei fast der Hälfte raten Verbraucherschützer vom häufigen Verzehr ab, andere halten sie grundsätzlich für bedenklich - darunter auch Farbstoffe aus Süßigkeiten für Kinder. Aromen und Farbstoffen: 300 Chemikalien sind in der EU zugelassen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/aromen-und-farbstoffen-300-chemikalien-sind-in-der-eu-zugelassen-a-906851.html)
hätte hier die EU ein grosses Feld zu bestellen,aber diese Triefnasen sitzen nur faul herum und labern Nonsens von früh bis spät anstatt mal die Finger aus dem Hintern zu nehmen und diese Farbpanscherei zu unterbinden.
2. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Zusatzstoffen und Obesie?
incognito@spon 14.07.2013
Folgende Dinge konnte man in den letzten 20 Jahren beobachten: Einerseits eine starke Zunahme an industriellen Lebensmitteln mit Farb-und Aromastoffen, andererseits eine Zunahme an dicken Kindern. Wird es evtl. einen Zusammenhang geben? Schon in meiner Jugend gab es McDonalds und Haribo. Auch ich hatte dies in geringen Maßen konsumiert. Auch Limo hatte ich getrunken und bin dabei nicht dick geworden. Inzwischen findet man kein industriell hergestelltes Produkt, welches nicht "Aroma" enthält. sei es "natürlich" (auch verschimmelte Sägespäne als Erdbeergeschmack gilt als natürlich) oder "naturidentisch" nichts gibt es mehr ohne. Zucker an sich mag überall drin sein, sei es in Schokolade, Obst, Honig oder Säften. Dies ist auch OK so. Ich vermute jedoch, daß die Kombination von Zucker und Aromen etwas Suchtauslösendes mit sich bringen kann. Jeder, der eine Dose Haribo vor sich hatte, und darauf einen Heißhunger bekam, kann davon ein Lied singen.
3. Na, dann bedanken sie sich mal eher bei der Bundesregierung
wt@dd 14.07.2013
statt auf die EU alleine zu schimpfen. Denn die EU ist hier nur der Sündenbock. Hinter den Kulissen sorgen nämlich die Lobbyisten der Nahrungsmittelindustrie hervorragende Arbeit und sorgen dafür, das an den entscheidenden Stellen die nationalen Regierungen jeglicher Verschärfung einen Riegel vorschieben. Da muss man sich nur mit Leuten von der EU unterhalten, was die zur Bundesregierung hinsichtlich Verbraucherschutz zu sagen haben. Da ist nämlich der Merkelismus einer der grössten Verhindere für mehr Verbraucherschutz. "Unsere" Verbraucherschutzministerin hat ja auch die letzten 4 Jahre nur mit nahezu absoluter Untätigkeit geglänzt. Viel Spass mit der Fortsetzung dieser Regierung, die offensichtlich von der Mehrheit der Deutschen so gewollt ist...
4. Selbst schuld
deedl 14.07.2013
Wer sowas kauft ist selbst Schuld. Sicher ist man, wenn man nur Dinge kauft, die Zutaten enthalten, die man selbst kennt. Wenn die Konsequenz daraus ist, dass Kinder keine Süßigkeiten mehr bekommen, dann ist das für deren Gesundheit auch nicht das schlechteste. Mittlerweile sollte doch auch der letzte Mensch in diesem Land mitbekommen haben, dass die "Lebens"-mittelindustrie einem nur bunt verpackten Mist verkauft. Wie kann man immer noch so doof sein und das kaufen? Es sollte wohl jeder erwachsene Bundesbürger in der Lage sein, die Zutatenlisten auf den Lebensmitteln zu lesen. Sobald man was nicht kennt oder versteht, wandert das Produkt zurück ins Regal, fertig. Wer sich das bischen Zeit nicht nimmt, dem ist seine Gesundheit (oder die seiner Familie) scheinbar nicht viel wert. Und bevor jetzt gleich alle schreiben, wie stressig ihr Leben ist und wie wenig Zeit zum kochen sie haben, die sollten mal in sich gehen, wieviel Zeit sie beim Fernsehen verplempern. Solange sogar werktätige Menschen in diesem Land 3-4 Stunden täglich vor der Glotze sitzen, ist offensichtlich genügend Zeit da, auch mal selbst was zu kochen. Ich habe kein Mitleid mit Menschen, die sich am Dreck der "Lebens"-mittelindustrie krank gefressen haben. Ich finde, das ist durch große Fahrlässigkeit selbst verschuldet.
5. Das Verbot gesundheitsschädigender Stoffe
diskantus 14.07.2013
greift tief ein in die Food-Industrie. Das ist die, die nicht nur die gefährlichen Stoffe Glutamat und Aspartam einsetzen, sondern auch Zucker, den schlimmsten Förderer degenerativer Erkrankungen in unserer Zeit. Die Ärzteschaft steckt mit in diesem Kreis: denn wer nicht krank wird, an dem ist nichts zu verdienen. Und daher steckt auch die Politik mit in diesem Kreis: Sie wird nichts verbieten, das der Ärzteschaft und Pharma-Food-Industrie zuwiderläuft. Denn alle verdienen sie am Menschen, der durch sie krank wird. Wer mehr wissen will: Frank Wittig: Die weiße Mafia Thilo Bode: Die Essensfälscher Hans-Ulrich Grimm: Vom Verzehr wird abgeraten d.o.: Garantiert gesundheitsgefährdend - Wie uns die Zucker-Mafia krank macht Alle keine "Verschwörungs"-Literatur, sondern sachlich und mit Quellen belegt. Die Menschen werden mit allen PR-Mitteln aufs Kreuz gelegt, betrogen. Es ist längst an der Zeit, auch für die Medien, die Machenschaften aufzuklären.
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Zur Autorin
  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.