Ultramarathon in der Wüste: "Die ersten 70 Kilometer habe ich unglaublich genossen"
Beim Wüstenrennen Badwater Ultramarathon laufen nur die ganz Harten. Hajo Palm hat dieses Jahr als einziger Deutscher das Ziel erreicht. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt der 63-Jährige, warum Laufen bei 50 Grad Spaß macht und wieso er Trinken in der Sauna trainiert hat.
SPIEGEL ONLINE: Herr Palm, sind Sie heil aus der Wüste gekommen?
Palm: Na klar. War ja nicht schwer. Ich kenne mich gut aus in der Wüste (lacht).
SPIEGEL ONLINE: Jetzt kokettieren Sie aber. Sie haben an einem der härtesten Wüstenläufe der Welt teilgenommen, dem Badwater Ultramarathon. Dort mussten Sie mehr als 200 Kilometer bei 50 Grad Hitze am Stück laufen. Das muss doch hart gewesen sein.
Palm: Ja, aber ich weiß, wie ich mich verhalten muss, damit ich in der Wüste Spaß habe. Fast zehn Jahre habe ich auf diesen Lauf hingearbeitet.
SPIEGEL ONLINE: War es so, wie Sie es sich vorgestellt hatten?
Palm: Es war ein wirklich großartiges, tiefgehendes Erlebnis, das ich so bislang noch nicht hatte. Ich bin zwar schon viele Marathons und Ultramarathons gelaufen, aber mit dem Badwater habe ich mir meinen Traum erfüllt - und jetzt will ich wieder hin.

ZUR PERSON:
Hajo Palm , Jahrgang 1949, läuft seit acht Jahren Ultramarathon und hat diverse Extremläufe absolviert. Dieses Jahr kam er als einziger Deutscher und Zweitältester beim Badwater Ultramarathon im kalifornischen Death Valley-Nationalpark ins Ziel, einem der härtesten Wüstenrennen der Welt. Kurios: Der Hitzeliebhaber und Wüstenfan verkauft seit 30 Jahren Feuerzangenbowle auf dem Wolfenbütteler Weihnachtsmarkt.
SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie doch mal, was am Laufen in der Wüste so toll sein soll.
Palm: Für mich ist es das Beste. Ich bin ein Hitzeliebhaber und ein Wüstenfan, seit ich in den 80er-Jahren die Sahara kennengelernt habe. Das Death Valley ist besonders faszinierend, weil es von 3000 Meter hohen Gebirgsketten umgeben ist. Es ist gigantisch, die Natur ist fantastisch: Die Sonne knallt, die Echsen, Kojoten und Schlangen hinterlassen Spuren im Sand und morgens trällert dir schon mal ein Vogel ein Liedchen. Was mich fasziniert: Die Wüste ist kompromisslos. Entweder man unterwirft sich ihren Bedingungen oder man überlebt nicht.
SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie die Natur bei den Strapazen überhaupt genießen?
Palm: Ja! Die ersten 70 Kilometer habe ich unglaublich genossen. Ich konnte mich umschauen und die Bilder der Landschaft aufsaugen. Am Anfang läuft man noch in der Gruppe und trifft auf die Begleit-Crews, die dich alle anfeuern. Es war eine Riesenparty. Ich hatte immer den Song von Tina Turner im Kopf: "Simply the Best". So habe ich mich gefühlt, ich hatte definitiv ein Runner's High. Das war das beste Rennen in meiner Läufer-Karriere.
SPIEGEL ONLINE: Sie hatten keine Einbrüche, keine dunklen Momente?
Palm: Doch. Nach der Wüste folgten das Gebirge und fiese Fallwinde. Nachdem ich 18 Stunden unterwegs war, überkam mich die erste mentale Schwäche. Da habe ich nur gedacht: Hoffentlich hört das bald auf.
SPIEGEL ONLINE: Aufgeben war aber nie eine Option?
Palm: Nie. Irgendwann war ich am Boden zerstört, weil ich dachte, dass ich das Zeitlimit von 48 Stunden nicht schaffen würde. Aber meine Crew hat mich wieder aufgebaut. Ich habe eine Pause eingelegt, etwas gegessen und wurde massiert. Meine Frau hat mir gesagt, dass ich wenigstens versuchen soll weiterzulaufen. Das habe ich getan - und die Lebensgeister kehrten tatsächlich zurück.
SPIEGEL ONLINE: Am Ende kamen Sie auf den 40. Platz, von 96 Läufern. Damit kann man zufrieden sein, gerade als einer der Älteren.
Palm: Ich habe rund 40 Stunden gebraucht, das ist akzeptabel. Es waren noch zwei Teilnehmer älter als ich, einer war 76. Der kam aber nicht ins Ziel. Ein anderer, ein 66-Jähriger, ist kurz hinter mir platziert. Und Eberhard Frixe, auch Deutscher, hat es leider nicht ins Ziel geschafft.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich auf die Hitze vorbereitet?
Palm: Manche stellen sich ein Laufband in die Sauna - das habe ich nicht getan. Aber ich habe das Trinken in der Sauna trainiert.
SPIEGEL ONLINE: Wie trainiert man Trinken?
Palm: In der Wüste sollte man in der Stunde 2,5 bis 3 Liter trinken. Normalerweise reicht ein Liter. Der Körper muss erst lernen, diese Flüssigkeitsmenge zu verarbeiten. Ich habe einige Läufer gesehen, die dehydriert waren, obwohl sie viel getrunken hatten. Ich saß also viel in der Sauna und habe gemäß meines Lauf- und Trinkzyklus' getrunken. Alle zehn bis zwölf Minuten, so lange wie ich etwa für eine Meile brauche, habe ich mich abgekühlt und etwas Flüssigkeit zu mir genommen. Das war eine super Vorbereitung fürs Rennen.
SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist der mentale Aspekt?
Palm: Du musst die läuferischen Bedingungen mitbringen, klar. Nicht umsonst lassen die Veranstalter beim Badwater nur die zu, die ausreichend Ultramarathon-Erfahrung mitbringen. Erfahrung und Wettkampfhärte ist sehr wichtig - und die bekommt man nur durch Wettkämpfe. Ich weiß: Der Mann mit dem Hammer lauert an jeder Ecke , da musst du durch. No Pain, no Gain. Am Ende läufst du nur mit dem Kopf.
SPIEGEL ONLINE: Sie werden nächste Woche 64. Viele in Ihrem Alter plagen sich mit Zipperlein.
Palm: Die habe ich auch, aber ich denke, dass ich die Wehwehchen besser wegstecke, wenn ich fit bleibe. Ich mag es, meinen Körper in Aktion zu erleben.
SPIEGEL ONLINE: Badwater war Ihr Olympia. Hatten Sie Versagensängste?
Palm: Anspannung habe ich erst am Abend vorher gespürt - Angst hatte ich nicht. Ich bin nicht der Typ, der sich selbst unter Stress setzt. Ich bin aktiv, aber gehe alles relativ ruhig an. Das war schon immer so. Ich hatte aber auch nie einen wirklich stressigen Job. Ich verkaufe seit fast 30 Jahren Feuerzangenbowle auf dem Weihnachtsmarkt - das ist zwar anstrengend, aber nur für rund drei Monate. Und macht dazu sehr viel Spaß. Davor und danach widme ich mich voll dem Laufen.
SPIEGEL ONLINE: Klingt nach einem guten Lebensplan.
Palm: Ja, das Leben hat es gut mit mir gemeint.
Das Interview führte Frank Joung.
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Beatrice Behrens
Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
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