Barfuß-Weltrekordversuch "Schuhe zu tragen, ist für mich eine Qual"

Aldo Berti läuft barfuß - bei jedem Wetter. Jetzt bricht er zu einem Weltrekord auf. Er spricht über saubere Füße, 80 Grad heißen Asphalt und Sekundenkleber als Pflasterersatz.

Barfuß unterwegs (Symbolbild)
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Barfuß unterwegs (Symbolbild)

Ein Interview von David Bedürftig


Zur Person
  • Aldo Berti
    Aldo Berti, Jahrgang 1964, ist Heilpraktiker und Therapeut und läuft seit anderthalb Jahren non-stop barfuß. Sein 2100 Kilometer langer Weltrekordversuch führt ihn ab dem 28. Mai 2017 durch Deutschland und die Schweiz.

SPIEGEL ONLINE: Herr Berti, wie dick ist Ihre Hornhaut?

Berti: Meine Füße haben so gut wie keine Hornhaut. Die bildet sich eher durch Reibung und Scheuern in Schuhen aus. Beim Barfußlaufen verdichtet sich die Lederhaut, die Fettschicht unter der oberen Hautschicht. Das ist wie eine kleine Ledersohle.

SPIEGEL ONLINE: Ledersohle klingt robust.

Berti: Ich bin schon über Glasscherben gelaufen und habe keine Verletzung davongetragen. Meine Füße sind erstaunlich widerstandsfähig geworden. Auch über heiße Kohlen würde ich jederzeit laufen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind stets barfuß unterwegs, egal wo und wie warm oder kalt es ist. Warum?

Berti: Ein Freund von mir lief 2015 barfuß von Hamburg bis zum Bodensee und ich habe ihn dabei teilweise begleitet. Dabei habe ich die Liebe zum Barfußlaufen entdeckt - wenn auch sehr schmerzlich. Nach anderthalb Kilometern hatte ich die ersten Blasen unter den Füßen.

Aber das Barfußlaufen belohnt. Die Füße bauen sich total um, die Fußmuskulatur baut sich aus. Wadenmuskulatur und Schienbeine werden stärker. Meine Rückenschmerzen sind weg, seit ich barfuß unterwegs bin. Ich bin auch nicht mehr erkältet gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange braucht man, um schmerzfrei barfuß zu laufen?

Berti: Ich empfehle, kleine Etappen auf unterschiedlichen Untergründen zu trainieren. Erst einen Kilometer barfuß laufen, dann wieder Schuhe anziehen. Dann mal zwei Kilometer ausprobieren. Zuerst bin ich auch mal mit Barfußschuhen gelaufen. Sie geben der Fußmuskulatur die Möglichkeit, sich auszubauen, und sind anfangs angenehmer, wenn es draußen nass und kalt ist. Aber du hast eben eine dünne Sohle zwischen Erdboden und Fußsohle, insofern kann es das Barfußlaufen nicht ersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort nass und kalt; im Winter wird's barfuß bestimmt unangenehm, oder?

Berti: Einmal musste ich für eine TV-Dokumentation anderthalb Stunden draußen im Schnee stehen. Vier Zehen fror ich mir dabei an. Sechs Kilometer im Schnee zu laufen, ist dagegen gar kein Problem. Das empfinde ich als sehr angenehm. Schlimm wird's im Sommer, wenn der Asphalt sich auf 80 Grad Celsius erhitzt. Da muss ich von Schatten zu Schatten hetzen. Ansonsten habe ich mir nur die kleinen Zehen ein paar Mal gebrochen und mir Splitter eingeholt.

SPIEGEL ONLINE: Läuft man barfuß anders als mit Schuhen?

Berti: Mit Schuhen läuft man im Fersengang. Barfuß tritt man eher mit dem Mittel- und Vorfuß auf, wie man es beim Joggen macht. Das ist gesünder, vermeidet Erschütterungen und entlastet das gesamte Körpersystem. Laufe ich im Fersengang barfuß, bekomme ich schnell Hüftschmerzen.

SPIEGEL ONLINE: Verändern sich die Füße dadurch?

Berti: Sie werden breiter, stabiler und muskulöser. Meine Schuhe sind alle zu eng geworden. Da merkt man, wie sehr die Füße in den Schuhen gefangen gehalten werden. Schuhe zu tragen, ist für mich eine Qual. Wie eine Zwangsjacke an den Füßen.

SPIEGEL ONLINE: Barfußlaufen boomte vor fünf Jahren, heute sprechen nur noch wenige davon: Ist der Trend vorbei?

Berti: Das kann schon sein. Klar, wenn man das Barfußlaufen nicht richtig angeht, kann man schnell Rückschläge erleiden. Eine andere Schwierigkeit ist der Alltag, unsere Umgebung ist nicht gerade barfußfreundlich. Die Füße werden schnell schmutzig und ich muss sie dreimal am Tag waschen. Nicht jeder hat Lust auf diese intensive Pflege.

SPIEGEL ONLINE: Am 28. Mai brechen Sie zu einem Weltrekordversuch auf: In 86 Tagen wollen Sie 2100 Kilometer zurücklegen.

Berti: Mich reizt die persönliche Herausforderung. Ich bin über 50, wiege über 100 Kilogramm und bin nicht mehr der Sportlichste. Trotzdem will ich es schaffen, jeden Tag etwa 20 bis 40 Kilometer zu gehen. Mit 13 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken und einem Durchschnittstempo von 4,5 Kilometer pro Stunde. Über allem steht für mich der Charity-Gedanke: Ich unterstütze mit meinem Weltrekordversuch verschiedene Projekte für notleidende Kinder in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Sie laufen dabei über Scherben, Steine und Schotter - was darf im Unfallkit nicht fehlen?

Berti: Eine kleine Notfallapotheke mit Pinzette und Zeckenzange habe ich immer dabei. Aber ich darf laut Guinnessbuch der Rekorde keine Pflaster benutzen. Sonst käme ich in den Verdacht, mir die Füße zu tapen. Eine größere Wunde schließe ich mit Sekundenkleber.

SPIEGEL ONLINE: Und abends ist stundenlanges Füßewaschen angesagt?

Berti: Ich habe eine gute Bürste und einen Bimsstein. Wenn man die Füße regelmäßig säubert und eincremt, reichen zehn Minuten. Meine Füße sehen jedenfalls sehr sauber aus, ich bin da Ästhet.



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