Joggen "Am besten wäre es, barfuß zu laufen"

Barfußlaufen trainiert die Fußmuskulatur und sorgt für einen natürlichen Laufstil, sagt Bewegungsmediziner Rüdiger Reer. Er empfiehlt, Hightech-Laufschuhe so früh wie möglich gegen minimalistische Varianten auszutauschen - zumindest, wenn der Arzt seine Zustimmung gibt.

Barfuß: Ursprünglich und gut für den Bewegungsapparat
Getty Images

Barfuß: Ursprünglich und gut für den Bewegungsapparat


SPIEGEL ONLINE: In der Szene trifft man beim Thema Laufschuhe auf zwei Lager: Die einen bevorzugen stark gedämpfte Hightech-Schuhe, die anderen sind Minimalisten, nutzen Zehenschuhe oder würden am liebsten barfuß laufen. Was sagt die Wissenschaft dazu?

Reer: Am besten wäre es natürlich, barfuß zu laufen. Aber weil wir keine Steinzeitmenschen mehr sind und keine schützende Hornhaut haben, brauchen wir einen gewissen Schutz. Minimalistische Laufschuhe oder Zehenschuhe sind die bessere Variante, weil man mit ihnen natürlicher läuft und die Fußmuskulatur trainiert, während in Hightech-Schuhen der Schuh die ganze Arbeit übernimmt.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: In Hightech-Schuhen laufen wir unnatürlich?

ZUR PERSON
Professor Rüdiger Reer ist stellvertretender Leiter der Abteilung Sport- und Bewegungsmedizin der Universität Hamburg und Generalsekretär des Deutschen Sportärztebundes.
Reer: In gewissem Sinne - ja. Und deswegen ist es gut, mit Zehenschuhen so früh wie möglich anzufangen, weswegen sie vor allem Kindern und Jugendlichen zu empfehlen sind. Bei Kindern hat man noch ein großes Formungspotenzial, was den Fuß angeht. Das Längs- und Quergewölbe des Fußes wird aufgespannt und durch die Muskulatur stabilisiert. In Hightech-Schuhen ist das weniger ausgeprägt.

SPIEGEL ONLINE: Also, klare Empfehlung: nur noch in Zehenschuhen laufen?

Reer: Das kann man so nun auch nicht pauschal sagen, weil Zehenschuhe nicht für jeden geeignet sind, beispielsweise nicht für Leute mit Fußerkrankungen oder Fehlstellungen des Fußgewölbes, die Einlagen benötigen. Das muss man immer im individuellen Fall entscheiden. Am besten ist es, bevor man sich Zehenschuhe kauft, eine Bewegungsanalyse oder sogar eine sportmedizinische Untersuchung zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es eigentlich so wichtig, die Fußmuskulatur zu trainieren?

Reer: Sie stabilisiert den Fuß und schützt die Achillessehne. Aber es geht noch um mehr. Der Fuß ist ja das letzte Glied in der Körperkette. Probleme in der Fußmuskulatur können sich auch auf das Becken und den Rücken auswirken.

SPIEGEL ONLINE: Kann man mit Zehenschuhen einfach so loslaufen wie mit normalen?

Reer: Nein. Eben weil wir es nicht mehr gewöhnt sind, barfuß zu laufen, wirken stärkere Kräfte auf den Fuß und auf die Achillessehne. Also: langsam angehen lassen und vorsichtig steigern, sonst kann es zu Verletzungen und Schädigungen infolge von Überlastung kommen. Und man muss sich natürlich auch erst nach und nach den anderen Laufstil angewöhnen.

Fotostrecke

5  Bilder
Sinnesfreuden: Jede Zehe in einer Tasche
SPIEGEL ONLINE: Anderer Laufstil?

Reer: Beim Barfußlaufen oder Laufen mit minimalistischen Schuhen wird bei höheren Geschwindigkeiten der Vorderfußlauf bevorzugt, bei längeren Strecken und niedrigeren Geschwindigkeiten der Fersen- oder Rückfußlauf. Die Umstellung auf den richtigen Laufstil passiert automatisch, man sollte nicht versuchen, mit aller Macht seinen Laufstill umzupolen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der Schuh also den Laufstil vorgibt und Hightech-Schuhe uns zu einem unnatürlichen Laufstil zwingen - welchen Sinn machen dann die Laufstilanalysen beim Sportschuhkauf?

Reer: Die Analyse müssen Sie immer in Bezug auf den Schuh sehen. Es wird analysiert, inwiefern der neue Schuh zu Ihrem bereits antrainierten Laufstil und der anatomischen Beschaffenheit des Fußes passt.

SPIEGEL ONLINE: Der Laufstil ist ja aber von vornherein schon nicht mehr natürlich.

Reer: Ja, das stimmt. Aber das ist nun mal die Realität. Wir laufen alle nicht mehr barfuß. Und Sie müssen ja auch bedenken, dass viele Menschen anatomische Besonderheiten haben. Der eine läuft beispielsweise mehr nach innen, der andere nach außen. Und darauf kann man die Schuhauswahl abstimmen. Insofern ist die Analyse schon sinnvoll.

SPIEGEL ONLINE: Es hieß früher immer, Hightech-Schuhe wären gelenkschonender, weil sie den Aufprall mehr dämpfen. Zehenschuhe dämpfen gar nichts mehr, werden aber trotzdem empfohlen. War das nun alles falsch mit dem Gelenkschonen?

Reer: Nein, das war nicht falsch, aber es war zu einseitig gedacht. Man hat einfach nicht bedacht, dass ja der Fuß selbst gut dämpfen kann, wenn seine Muskulatur ans Barfußlaufen oder Laufen mit Zehenschuhen gewöhnt wurde. Nach heutigem Kenntnisstand ist klar: Diese massive Dämpfung, die noch vor einigen Jahren vielfach propagiert wurde, ist nicht nötig und auch nicht sinnvoll, weil sie die natürlichen Systeme ausschaltet und verkümmern lässt. Die Laufschuhindustrie hat diesen Trend mittlerweile auch erkannt, viele große Hersteller haben Minimalschuhe im Angebot und sind damit erfolgreich. Dennoch: Für Leute mit Fuß- oder Rückenproblemen sind Hightech-Schuhe mit Dämpfung gegebenenfalls sinnvoll.

Das Interview führte Jens Lubbadeh.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
alohas 18.09.2013
1. Gefährliche Zivilisation
Am besten wäre es, wir würden alle wieder in die Höhlen zurückkehren. Die Urmenschen haben ja sooo gesund gelebt. Komischerweise sind die meistens nicht älter als 40 Jahre alt geworden.
billhall 18.09.2013
2.
Zitat von alohasAm besten wäre es, wir würden alle wieder in die Höhlen zurückkehren. Die Urmenschen haben ja sooo gesund gelebt. Komischerweise sind die meistens nicht älter als 40 Jahre alt geworden.
Bei mir verhält es sich beim Joggen genau so wie Reer sagt: mit den einfachsten Hallenschuhen und dünner Sohle laufe ich am besten und kraftschonendsten, bei vollgepolsterten und gedämpften Laufschuhen bekomme ich dagegen nach 30 Minuten schmerzen und habe das Gefühl das die Sprungkraft von jedem Schritt wirkungslos verpufft.
BettyB. 18.09.2013
3. Toll...
Endlich ein neuer Markt... Zehenschuhe...
wincel 18.09.2013
4. optional
Kann nur zustimmen, habe schon als Jugendlicher den Tip bekommen vom Physiotherapeuten und Orthopaeden, dass ich versuchen sollte, viel Barfuss zu laufen wegen der Fussmuskulatur, die damals arg schlecht war und Haltungsschwaeche. Damals gab es kaum Minimalschuhe, aber ich hab mir die weichesten, duennsten geholt, die gingen. Und mich irgendwann in normalen Schuhen ueberhaupt nicht mehr wohl gefuehlt, ausser gute Wanderschuhe, wenn es doch mal ins Gelaende ohne ebene Wege geht. Rieker fing dann an mit ganz duennen Schuhen, die waren eine Offenbahrung fuer mich, dann Vibram Zehenschuhe, die mir die Fussohle verbrannt haben trotz Socken auf sehr heissem Asphalt. Mittlerweile bin ich absoluter Fan der Merrel Pace Glove Schuhe. Genuegend Schutz der Fussohle, unglaublich bequem und Fussgewoelbe und Rueckenmuskulatur sind auch ohne jegliches weitere Training mittlerweile sehr sehr gut. Ich hab auch nie Probleme gehabt, dass ich die Minimal/Barfuss-Schuhe einlaufen musste, viele bekommen von denen ja Schmerzen in Waden und Fuss, wenn sie umsteigen und muessen dann sich langsam heranarbeiten, 30 Minuten pro Tag und so. War fuer mich nicht der Fall, absolut natuerliches Laufgefuehl, fantastisch, die Beweglichkeit auch in der Huefte ist ganz anders, kann ich nur empfehlen!
ra.kiefer 18.09.2013
5. Da kann man sich nur wundern,
was in diesem Artikel zu barfuss geschrieben wird. Ich laufe (und gehe) seit vier Jahren barfuss - von Tausalz-Ende bis Tausalz-Anfang - immer und fast überall. Jede Fussfehlstellung wird durch barfuss-laufen positiv beeinflusst. "Angepasstes" Schuhwerk gibt nur die Illusion, besser laufen zu können. Auch bin ich der Meinung, Barfuss-Läufer laufen immer auf dem Vorderfuß. Wer einmal mit der Hacke auf einen spitzen stein getreten ist, weiß auch warum :-). Und wer auf dem Vorderfuß läuft, kann die Schultern gar nicht hängen lassen. Das ist unmöglich. So ist der Barfuss-Laufstiel auch gut für die Wirbelsäule. Ich schrieb oben, ich ginge "fast" immer barfuss. - Richtig - denn dort, wo es mir keinen Spaß macht, wie bei Schotter z. B. trage ich Barfuss-Schuhe. Jedoch keine Zehenschuhe. Denn da ist jede Zehe in ihrem eigenen Gefängnis. Das muss ich mir nicht antun... Und zuletzt das Aufräumen mit einer Mär: Barfuss-Laufen würde die Hornhaut-bildung begünstigen. Größter Schwachsinn. Meine Fußsohle hat sich tatsächlich verändert. Aber mehr in Richtung einer Art geschreidiger Lederhaut. Selbst Glasscherben und Dornen führen so nur zur kurzzeitigen Pein. Für Einsteiger: Nehmt immer ein Paar Schuhe mit. Wenn es zu arg wird, könnt ihr sie anziehen. Das hat nichts mit Schwäche, eher mit Vernunft, zu tun. - Nur Mut. Wenn ihr es schafft, lernt ihr ein Gefühl unsagbarer Freiheit kennnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.