Achilles' Classics Marathon-Zombies erobern Berlin

Es ist wieder so weit: Tausende schräge Gestalten fallen in Berlin ein, um zu laufen, laufen, laufen. Vom Sektenjünger über Tunnel-Rambos bis hin zum angstvollen Novizen - Achim Achilles kennt sie alle.

Szene beim Berlin-Marathon 2016
imago/ Camera 4

Szene beim Berlin-Marathon 2016


Achilles-Klassiker
    In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

    Dieser Text erschien bei SPIEGEL ONLINE ursprünglich im Jahr 2012.

Die ersten Zombies streunern schon Tage vor dem großen Ereignis durch die Stadt, immer an den grünen Strichen entlang, die 42 Kilometer Schenkelschmerz markieren. Mit irrem Blick inspizieren die Perfektionisten Anstiege der Brücken, sie testen die optimale Rennbereifung für Kopfsteinpflaster-Passagen und suchen Standorte für leidgeprüfte Partner, die sich stundenlang mit klebrigen Trinkflaschen hinter Absperrgittern langweilen müssen. Manche tragen einen Chip am Schuh, es könnte ja irgendwo überraschend schon eine Zeitmessmatte ausgelegt sein.

40.000 schräge Gestalten fallen diese Woche wieder in Berlin ein, um halbnackt und spätestens auf der zweiten Hälfte bisweilen ziemlich jämmerlich einen der weltweit größten Volksläufe zu absolvieren. Früher mussten alle sterben, die vom Fluch des Pharaos getroffen wurden. Heute grassiert der Fluch des Marathons: Die Opfer müssen laufen, laufen, immer weiter laufen.

Was sind das für Menschen, die ihr Hirn seit Monaten auf Notbetrieb schalten, um hinterher vom größten Moment ihres Lebens zu schwärmen? Eine kleine Typologie des Irrsinns.

Der Novize

Sein erstes Mal. Er hat jedes Fachbuch gelesen, Internetforen nächtelang durchforstet und alle YouTube-Videos studiert. Dennoch zerfrisst Angst die Freude und produziert immer neue Fragen: Wie kompensiert man etwa den Elektrolyt-Verlust, der durch den anhaltenden Stressdurchfall entsteht? Der Neuling erwirbt drei riesige Tüten voll Wundcremes, Kraftriegel und Transportgürtel auf der Marathonmesse.

Am Renntag könnte er beim Aufbauen der Startzone helfen, weil er schon vier Stunden vor Beginn einsam am Brandenburger Tor bibbert. Den Startschuss verpasst er trotzdem, weil er vom Dixi-Klo nicht loskommt. Vielleicht hätte er den neuen Wunder-Drink von der Messe doch etwas niedriger dosieren sollen. Und die Startnummer ist ihm auch noch in die tiefe blaue Grube gefallen, unangenehm.

Der Jünger

Er war früher ein erfolgreicher, selbstbewusster und gesunder Mann. Dann sog ihn die Sekte auf, Besessene, die auf Zahlen starren. Seither folgt er willenlos Zeitplänen, die sein Guru austeilt. Der Jünger muss "Trainer" zum Guru sagen; er weiß nicht, dass die Zeitvorgaben aus einem simplen Rechenprogramm stammen, das kostenlos im Internet zu haben ist.

Die vielen Verletzungen der letzten Monate betrachtet er als schicksalhafte Strafe, da er natürlich nicht genug trainiert hat. Schafft er ausnahmsweise die Zeitvorgabe, ist es der Verdienst des Gurus. Scheitert er, was der Normalfall ist, ist es seine Schuld. Inzwischen hat er sich zum Experten für großzügige Dosierung von Schmerzmitteln im Rennen entwickelt. Die Magenprobleme seien völlig normal, sagt der Guru. Was den Jünger stutzig machen müsste: Warum läuft der Guru eigentlich nie selbst, wenn Marathon doch der Weg zur Erleuchtung sein soll?

Der Perfektionist

Einfach daran zu erkennen, dass er wie John Rambo mit Sonnenbrille und Kopfhörer durch die Stadt läuft. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird knallhart umgerannt. Der Mann ist im Tunnel, seine Mission heißt: Kampf, ganz egal, warum und wofür. Seine Gedanken kreisen nur um eine Sache, um sich selbst und seinen Erfolg. Sein ganzer Stolz: Sein neues Waden-Tattoo, das einen Fußabdruck in einer Blutlache zeigt.

Der Profi

Der Profi kommt am Tag vorm Rennen eingeflogen, hat nur eine schmale Sporttasche dabei und einen sinistren Manager, der das Antrittsgeld einsammelt. Er wetzt die Strecke locker in zwei Stunden und einigen Minuten und steht schon wieder am Check-in in Tegel, wenn sich die anderen noch über die letzten Kilometer quälen. Ihn zeichnet aus, dass er überhaupt nicht versteht, warum diese Amateure so einen Tanz um diese Lauferei machen.



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