Achilles' Verse: Der Weltspitze entgegen

Marathonläufer am Potsdamer Platz: Die letzten kommen nach siebeneinhalb Stunden ins Ziel Zur Großansicht
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Marathonläufer am Potsdamer Platz: Die letzten kommen nach siebeneinhalb Stunden ins Ziel

Kenias Wunderläufer rennen zu Traumzeiten, Gesundheitsminister Bahr erreicht in passabler Zeit das Ziel: Beim Marathon in Berlin gaben alle ihr bestes, nur Freizeitsportler Achim Achilles läuft wie immer gegen den Strich.

Die ersten Kilometer dieses Berlin-Marathons sind ausgesprochen langweilig. Kein einziger Sportskamerad auf der Strecke, Dixi-Klos mit Kabelbindern verschlossen, weder Getränke noch Jubel. Dafür unglaublich viele fröstelnde Helfer, die alle dasselbe rufen: "Du läufst in die falsche Richtung!" Stimmt. Ist aber Absicht. Denn ich stecke in einem Dilemma. Dieses Jahr schwänze ich meinen Homerun in der Hauptstadt. Dafür starte ich in vier Wochen in Frankfurt, so der Iliopsoas will. Was tun, wenn man die volle Distanz nicht, das Spektakel aber gern mitmachen will? Training im ausgestorbenen Grunewald, während Mutai den Weltrekord versucht? Ausgeschlossen.

Als die drei Charakterdarsteller Schweiger, Hallervorden und Wowereit den Startknopf drückten, bin ich losgerannt am Brandenburger Tor, aber in die Gegenrichtung. Erste Übelkeit. Manche Menschen können tatsächlich morgens um neun Bratwurst essen. Mein Plan, ohne Mathematikbegabung ausgeheckt: Wenn ich mit neun Kilometern pro Stunde laufe, bin ich nach etwa drei Stunden bei Kilometer 15. Wenn die Langsamsten mit fünf Stundenkilometern unterwegs sind, sind sie ebenfalls bei Kilometer 15. Kommt der Besenwagen in Sicht, habe ich alle Athleten gesehen. Training erledigt, Spaß gehabt, Marathon gefühlt. Und dann U-Bahn. Endlich mal ein langer Lauf ohne Ödnis.

Kenianische Landesmeisterschaften mit internationaler Beteiligung

Nach 40 Minuten kommen die ersten Hand-Biker angefegt. Bands spielen sich warm. "Holzmichel" passt perfekt zum Bratwurstdunst. Nach 85 Minuten jagt Kollege Mutai vorbei, von einem halben Dutzend Hasen geschützt. Sehr, sehr locker sieht der Bursche aus, er schwitzt nicht, scheint zu lächeln. Das ist nicht derselbe Sport, den wir treiben. Da kommt auch schon Jan Fitschen. Hat sich was vorgenommen, der Gute. Am Ende wird es eine 2:13, konstant durchgerannt, ein guter Platz 14 bei diesen kenianischen Landesmeisterschaften mit internationaler Beteiligung.

Das Feld wird dichter, die Läufer sehen langsam wie normale Menschen aus. Alberne Schlabberwollmütze, einer hat die Jacke umgeknotet, der erste rennende Rentner. Ein Blick auf die Uhr und kurz gerechnet: Die Leute, die hier bei 1:45 durchjagen, werden immer noch deutlich unter drei Stunden liegen, absolute Spitzenzeiten. Warum verdammt noch mal schießen jedes Mal wieder die Tränen hoch in diesen Momenten, wenn ziemlich gute Sportler ziemlich hart bei der Sache sind? Bald muss Mallorca-Luder Mickie Krause vorbeikommen, der sich auf respektable 3:15 hochtrainiert hat.

Was auffällt: die enorm hohe Dänen-Quote im ganzen Feld. Entweder startet der Däne grundsätzlich im Nationaltrikot. Oder Dänemark ist an diesem Sonntag geschlossen wegen Volksmangels.

Langsam ist die ganze Straße voll mit Läufern. Gesichtskontrolle: Es gibt die Leidenden, die Starrer und meine Lieblinge, die abgetrippten Grinser. Die Natur ist ungerecht: Alle haben Endorphine, nur ich nicht. Wo steckt Daniel Bahr? Unser aller Gesundheitsminister läuft auch mit, allerdings ohne Fischersches Brimborium. Als Bahr die Hälfte geschafft hat, rennt Mutai gerade in einem irren Finale durchs Ziel, wenn auch ohne Weltrekord. Der Minister wird schließlich mit 4:08 ins Ziel kommen, das ist für Münsteraner die Standardzeit.

Ein Marathonfeld ist wie eine Schlange, die eine Maus verschlungen hat: vorne dünn, in der Mitte ziemlich dick, nach hinten wieder mager. Unter den York-Brücken, die schwer manhattanmäßig aussehen, knubbelt sich das Feld beängstigend. Die ersten gehen. Sanitäter kleben Fußteile zusammen. Auf der langen Geraden nach Kreuzberg wird klar, was Marathon-Läufer von Marathon-Wanderern unterscheidet: Die einen haben nichts dabei, die anderen schleppen Rucksäcke, Känguruhbeutel und gern auch alberne Verkleidungen. Warum? Weil es mehr weh tut?

Nach exakt drei Stunden und 25 Kilometern habe ich Rennkilometer 17 erreicht, wo die allerletzten Wanderer vor zwei Besenbussen hermarschieren. Sie werden etwa siebeneinhalb Stunden brauchen bis ins Ziel. Mit Mutai-Tempo hätte man in dieser Zeit 150 Kilometer geschafft. Egal. Jeder hat sein ganz persönliches Marathon-Erlebnis. Und manchen kann es eben nicht lange genug gehen.


Hier gibt's die Fotostrecke vom Berlin-Marathon auf achim-achilles.de. Tragt eure Zeit in die Achilles Läufer Liste ein.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Nach Kenia auswandern
ulisses 02.10.2012
Lasst uns alle geschlossen nach Kenia auswandern, vielleicht klappt es dann mit einer deutichen Steigerung der persönlichen Bestzeit. Der Berlin-Marathon war klasse, tolles Publikum. Glückwunsch an Mutai. Die Rennbetreuung hat sich mit den falschen Zwischenzeiten ganz schön blamiert und Pacemaker sind auch recht heikel. UND: Endlich ein Berich über Deutschlands größtes Sportereignis, gemessen an der Teilnehmeranzahl UND an der Bedeutung für die Sportelite. Warum gab es bisher keinen "normalen" Bericht darüber? Jedes Bundesligaspiel wird beleuchtet, aber der Berlinmarathon nicht!!...WARUM?
2. ich will keine Preisgelder ...
m.a.a.c.h. 02.10.2012
... für gedopte Nur- Läufer bezahlen, und laufe daher auch bei diesen eigentlich tollen Veranstaltungen nicht mehr mit. Wer macht mit dabei, einen (oder mehrere) grosse Volks- Marathons auf die Beine zu stellen, aber ganz ohne "Sieger" - "Ehrungen", sondern allein aus Spass an der Freud !
3. Kenianische Wunderläufer
sancho72 02.10.2012
Bitte lassen Sie künftig diese Formulierung aus. Die afrikanischen und karibischen Läufer unbd Sprinter sind nur wunderbar gedopt und sonst nichts. Dies war schon lange vielen klar und inzwischen ist es auch erwiesen. Kein Respekt für Betrüger!
4.
arvin_g 02.10.2012
Zitat von sancho72Bitte lassen Sie künftig diese Formulierung aus. Die afrikanischen und karibischen Läufer unbd Sprinter sind nur wunderbar gedopt und sonst nichts. Dies war schon lange vielen klar und inzwischen ist es auch erwiesen. Kein Respekt für Betrüger!
Können Sie eine seriöse Quelle nennen die Ihre Behauptung belegt ?
5. sancho72
yeksaa66 02.10.2012
ich weiß nicht, ob Sie sich jemals in Kenia oder in karabischen Ländern aufgehalten haben - scheinbar nicht.? Auf jeden Fall etwas Vorsicht mit voreiligen Dop - Vorwürfen!
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
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