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Biorhythmus: Je später der Abend, desto schlapper die Sportler

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Nachtsport: Top-Leistung zu später Stunde? Fotos
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Top-Ereignisse im Sport werden gern auf den späten Abend gelegt - vor allem wegen der TV-Übertragung. Für die Einschaltquote ist das prächtig, doch was heißt es für die Sportler? Sind abends und nachts überhaupt Spitzenleistungen möglich?

Selten zuvor war die Stimmung vor einem Klitschko-Kampf so aufgeheizt wie am 2. Juli 2011: Schon im Vorfeld hatte "Großmaul" David Haye gehetzt und gespottet. Auf dem Titelblatt einer britischen Zeitschrift zeigte er sich gar mit dem ins Bild montierten Kopf Wladimir Klitschkos - abgeschlagen, versteht sich. Auch Klitschko riss nach etlichen Provokationen der Geduldsfaden, er drohte seinem Gegner mächtig Prügel an. Um ihn in die Schranken zu weisen, musste er allerdings bis zum Folgetag warten, wenn man so will.

Denn der Gong zur ersten Runde ertönte erst um 23.07 Uhr. Per Punktewertung wurde Klitschko deutlich nach Mitternacht, zwölf Runden später, zum Sieger erklärt.

Man kennt das nicht anders vom Boxen. Der dem Nachtleben und Entertainment so nahe Sport legt seine Top-Ereignisse mit Vorliebe auf nächtliche Zeiten. Auch große Fußballspiele werden von den Veranstaltern gerne auf die Hauptsendezeit gelegt, wenn die Preise für Werbeschaltungen am höchsten sind. Primetime nennt man das höchst passend auf Englisch: Die beste - und gemeint ist damit natürlich profitabelste - Zeit.

Man ist versucht, das alles als Nebenwirkung der Nähe zum Showbusiness zu verbuchen. Doch auch auf dem Zeitplan der Olympiade sieht es nicht viel anders aus. Gerade die beim Publikum populären Wettkämpfe finden möglichst spät am Tag statt. Die Finalrunden der Basketballer beginnen ab 22 Uhr, die Schwimmer springen ab 20.30 Uhr ins Becken, der Anstoß bei den Fußballern erfolgt so spät wie in der Champions League.

Regelrecht früh für ihre Verhältnisse holen die Boxer zum Haken aus (Finalrunden ab 21.30 Uhr), dafür steigen dort nicht nur zwei in den Ring, sondern viele in verschiedenen Gewichtsklassen: So werden auch diese Kämpfe zum nächtlichen Sport-Entertainment. Ähnlich ist es mit den Viertelfinalrunden der Beachvolleyballer, deren Spätspiele erst um 23 Uhr beginnen. Die Frage, ob das für den Sport und die erbrachten Leistungen gut sein kann, drängt sich geradezu auf: Kann ein Leistungssportler zu solchen Abend- und Nachtzeiten überhaupt noch seine Spitzenleistungen abrufen?

Das Gegenargument: Der zirkadiane Rhythmus

Dass der Mensch als primär tagaktives Säugetier auf einen Takt geeicht ist, der normalerweise keine Höchstleistungen zur Nachtzeit vorsieht, steht außer Frage. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts entstand mit der flächendeckenden Verbreitung kräftiger künstlicher Lichtquellen überhaupt die Möglichkeit, sich vom Diktat der Tageszeit zu lösen: Dinge wie Nachtleben oder Nachtschichten kamen erst da auf. Doch dass ein permanentes Leben außerhalb unseres "normalen" Taktes unserer Gesundheit schadet, ist eine Binsenweisheit.

Natürlich leisten wir Tagaktiven um 16 Uhr mehr als um 4 Uhr morgens. Vom Kreislauf bis zur inneren Körpertemperatur verändert sich unsere Konstitution im Laufe der 24 Stunden, die unseren Grundrhythmus bestimmen. Bestimmte Tätigkeiten fallen uns zu bestimmten Zeiten deshalb leichter als zu anderen. Sport gehört definitiv dazu.

Aber es geht nicht nur um Leistungskapazitäten. Ein stetes Leben gegen den eigenen Biorhythmus kann sogar gesundheitliche Schäden verursachen, von psychischen Problemen über Herz-Kreislauferkrankungen bis hin zu einer erhöhten Gefahr, Krebs zu entwickeln. Der zirkadiane (circadiane) Rhythmus (von Latein: "circa" = "um herum", und "dies" = "Tag") hat einen unbestreitbaren Einfluss auch auf unsere Möglichkeiten zur körperlichen Regenerierung - für Sportler ein enorm wichtiges Thema.

Es kommt aufs richtige Training an

Das alles heißt jedoch nicht, dass Sport zu später Stunde über die Möglichkeiten der Athleten hinaus ginge. "Im Prinzip", meint dazu Markus de Marées vom Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik der Deutschen Sporthochschule Köln, seien auch bei Spätveranstaltungen Spitzenleistungen möglich: "Nur ist es gut, den Körper darauf vorzubereiten. Das heißt, dass ich im Vorfeld intensive Trainingseinheiten in den Abendstunden realisieren sollte, wenn ich meinen Finallauf am Abend absolvieren muss."

Man müsse dabei aber bedenken, dass die Belastung nicht in dem Wettkampf endet. Marées: "Im Anschluss wird sich jeder Leistungssportler noch auslaufen und eventuell zur Physiotherapie gehen, um den Regenerationsprozess zu beschleunigen. Dies führt dazu, dass erst zwei bis drei Stunden nach Wettkampfende auch die Nachtruhe beginnt. Für den nächsten Vormittag sind die Voraussetzungen für Höchstleistungen dann denkbar schlecht."

Generell ließe sich zu dem Thema noch sagen, dass etwa die Leistungsfähigkeit bei Ausdauersportarten von der Tageszeit weniger abhängig sei als bei Disziplinen, die viel Konzentration erfordern. Und natürlich gelte auch für Sportler, dass die einen besser früh am Tag Leistung bringen können, die anderen dagegen spät - die Aufteilung der Menschheit in Frühaufsteher und Nachteulen gilt natürlich auch hier.

Was heißt das für Freizeitsportler?

Ganz losmachen kann sich aber kein Mensch vom circadianen Rhythmus und seinem Einfluss auf den Stoffwechsel. Das gilt auch für Freizeitsportler, unter denen Nachtsport gerade in den Städten immer mehr zum Trend wird - sei es beim nächtlichen Joggen, sei es im 24-Stunden-Fitnesscenter. Die durch den natürlichen Tagestakt, ohne anpassendes Training vorgegebenen Optimalzeiten für körperliche Leistung liegen meist am Vormittag (circa 8 bis 13 Uhr) und am Nachmittag, nach Verdauung der Mittagsmahlzeit (circa 16 bis 21 Uhr) - auch die meisten Rekorde fallen innerhalb dieser Zeitfenster.

Morgendliches Training vor dem Frühstück hilft dem Gewichtsabbau, während nachmittägliches und frühabendliches Training ideal ist für den Aufbau von Muskulatur und den Zugewinn an Ausdauer. Am späteren Abend sollte man aber auf härteres Training verzichten, meint Sportwissenschaftler de Marées: "Hier sind ruhige Ausdauereinheiten eher als eine Unterstützung der Nachtruhe zu verstehen. Intensives Training putscht eher auf."

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1. Je später der Abend, desto schlapper der Sportler
microscooter 07.08.2012
Zitat von sysopDPATop-Ereignisse im Sport werden gern auf den späten Abend gelegt - vor allem wegen der TV-Übertragung. Für die Einschaltquote ist das prächtig, doch was heißt es für die Sportler? Sind abends und nachts überhaupt Spitzenleistungen möglich? http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,848117,00.html
Seit nunmehr 13 Jahren mühe ich mich nun damit, bei der "Nacht der Nächte", dem 100km-Lauf von Biel 100 km Biel (http://www.100km.ch) auch nur halbwegs anständig über die Runden zu kommen. Schon zum 13. Mal in Folge hat es nur unter Übelkeit und Erbrechen im gefühlten Kriechgang ins Ziel gereicht. Die Zeiten, die ich bei vergleichbaren Tagläufen erreiche, sind um dut 30% schneller. Meine Frau hat es gleich bei meinem ersten Bieler Nachtlauf richtig erkannt. "Du musst halt auch mal zwischen 0:00 und 4:00 Uhr zum Training aufbrechen", hatte sie mir geraten. Gut, dass es die Wissenschaft nun auch so sieht. Und dumm, dass ich nicht gar so ehrgeizig bin und lieber ausschlafe :-) Euch anderen wünsche ich fortan ein frohes Nachttraining. Oder wie stellt ihr es an die 100 Nachtkilometer in Biel unter 10 Stunden zu laufen?
2. optional
berserk 08.09.2013
als nachtmensch kann ich ihnen sagen das es auch anderst geht.. und ich denke von nachtmenschen gibt es mehr davon als man denkt.. die meisten koennen es noch nicht ausleben..
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