Schwermetall in Espressomaschinen So schützen Sie sich vor dem Blei-Kaffee

Der Bleifund im Espresso aus Siebträgermaschinen verunsichert Verbraucher. Das Bundesinstitut für Risikobewertung weigert sich, die Hersteller betroffener Maschinen zu nennen. Doch Kaffeeliebhaber können sich vor dem Schwermetall schützen.

  Kaffeezubereitung: Wann landet Blei im Espresso?
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Kaffeezubereitung: Wann landet Blei im Espresso?

Von Volker Mrasek


In der Antike erging es den Überbringern schlechter Nachrichten oft selbst schlecht. In einer ähnlichen Situation sieht sich gegenwärtig das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Bei Analysen der Fachbehörde hatte sich - wie der SPIEGEL am Wochenende zuerst berichtete - gezeigt, dass teure Siebträgermaschinen für die Zubereitung von Espresso überraschend große Mengen des giftigen Schwermetalls Blei in das Getränk abgeben können.

In ersten Reaktionen kritisieren verunsicherte Verbraucher nun das BfR dafür, dass es die Namen von Herstellern und Modellen nicht nennt; zwei von drei der vom BfR untersuchten Geräte waren im Test betroffen.

Nicht repräsentative Bestandsaufnahme

Oliver Kappenstein vom BfR verteidigt die Zurückhaltung der Behörde: Es handele sich um ein Forschungsprojekt und eine frühe Bestandsaufnahme zur Metallfreisetzung solcher Geräte. Es gebe weitaus mehr Siebträgermodelle auf dem Markt als die getesteten drei Exemplare. Die Untersuchung sei deshalb "nicht repräsentativ", so der Leiter des Nationalen Referenzlabors für Lebensmittelkontaktmaterialien am BfR.

Andererseits spricht das Bundesinstitut klipp und klar von "zu hohen Mengen Blei", die die beiden auffälligen Automaten absonderten. Und davon, dass diese Freisetzungen "minimiert werden sollten, um die Sicherheit des Verbrauchers zu gewährleisten".

Drohende Schäden für ungeborene Kinder

Lebensmittelchemiker Kappenstein sagt sogar, es "kann keine Aufnahmemenge von Blei mehr als unbedenklich eingeschätzt werden". Zu diesem Urteil kam auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA vor kurzem. Von Blei weiß man, dass es Nerven und Nieren schädigt. In einer am Montag veröffentlichten Stellungnahme (PDF hier) nennt das BfR schwangere Frauen als "besondere Risikogruppe, da Blei die Plazentaschranke passiert und zu Schäden in der Gehirnentwicklung des Kindes führen kann".

Eine Handhabe gegen die Hersteller der Espressoautomaten gibt es allerdings nicht. Denn es fehlen gesetzliche Grenzwerte für die Metallfreisetzung aus Materialien im Kontakt mit Lebensmitteln. Zwar existieren neue technische Richtlinien eines EU-Expertenkomitees und eine Resolution des Europarats mit Höchstwerten für mehr als 20 Metalle - doch diese werden lediglich empfohlen. Die Abgabe von Blei aus Haushaltsgeräten, Geschirr und dergleichen sollte demnach zehn Mikrogramm pro Kilogramm Lebensmittel nicht überschreiten - eine Konzentration, die dem Grenzwert der Trinkwasserverordnung entspricht.

Tipps für Verbraucher

Zwei der drei Espresso-Siebträgermaschinen im BfR-Labor übertrafen diese Schwelle deutlich - bis zu hundertfach, jeweils nach der Entkalkung der Geräte, die die Analytiker nach eigenen Angaben gemäß "den Vorgaben der Hersteller sowie unter Verwendung der jeweils empfohlenen Reinigungs- und Entkalkungsmittel" durchführten. An den Folgetagen ging die Bleilässigkeit zwar zurück, laut Kappenstein lag sie aber immer noch im Bereich zwischen 10 und 50 Mikrogramm pro Kilogramm: "Selbst diese Werte liegen über dem vom Europarat festgesetzten Freisetzungsrichtwert."

Auch wenn sie die kritischen Siebträgermodelle nicht kennen, können Verbraucher verhindern, dass übermäßig viel Blei in ihrem Getränk landet. Oliver Kappenstein empfiehlt, nicht gleich einen Espresso zu kochen, nachdem das Gerät entkalkt wurde. Stattdessen "das Wasser einfach längere Zeit ablaufen lassen, bevor man zum eigentlichen Espressogenuss übergeht". Das gelte auch, wenn der Automat für eine Weile nicht in Betrieb war.

Belastung "technisch vermeidbar"

Für das BfR steht auf jeden Fall fest, dass "die hohen Metallabgaben einiger Maschinen technisch vermeidbar sind". So gaben fünf parallel getestete Kaffeepad- und Kapselgeräte Blei lediglich in Spuren ab, die die Prüfer als unbedenklich einschätzen. Auch die dritte Siebträgermaschine war unauffällig.

Laborleiter Kappenstein vermutet, dass in den beiden Espressoautomaten mit den hohen Blei-Emissionen qualitativ minderwertige, mit Blei verunreinigte Leitungen, Kessel oder Pumpen verbaut sind. Säurehaltige Entkalkungsmittel könnten Blei offenbar bei niedrigen pH-Werten in größerer Menge herauslösen. Unter Umständen summierten sich Freisetzungen an mehreren Stellen im Gerät. "Das ist vielleicht eine Erklärung", sagt der Lebensmittelchemiker. Die Hersteller müssten der Ursache für das Malheur auf den Grund gehen und die entsprechenden Bauteile ersetzen.

Mit dieser Forderung werden sich bald vielleicht auch Cafés und Restaurants in Berlin konfrontiert sehen. Dort wollen sich die BfR-Analytiker als nächstes umsehen. Denn gerade in der Gastronomie sind die teuren Siebträgermaschinen weit verbreitet.

GASTRONOMIE: VERRANZT UND ZUGEKÄST

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