Boston-Marathon: Die Antwort auf Gewalt ist ein Lauf

Von Achim Achilles

Die Anschläge von Boston sollen Angst verbreiten und einschüchtern. Aber Laufen ist Freiheit und deswegen das Gegenteil von Terror. Wer Bomben legt, will diese Freiheit zerstören. Dagegen hilft: Weiterlaufen!

Die Läufer in Boston vor dem Bombenanschlag: "Laufen ist ein Symbol der Freiheit" Zur Großansicht
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Die Läufer in Boston vor dem Bombenanschlag: "Laufen ist ein Symbol der Freiheit"

Eigentlich bin ich kein Bekenntnisläufer, der für Parteien oder Ideen rennt, für Amnesty International, hilfreiche Ideen oder Spenden. Heute ist das anders. Der Anschlag auf den Boston-Marathon, der Traditionslauf schlechthin, ist auch ein Anschlag auf mich, auf jeden von uns, auf die Idee einer großen, friedlichen und herrlich verrückten Weltfamilie. Heute laufe ich einmal in Berlin und danach in Einbeck, und heute ist Laufen ein Statement für mich.

Man mag es albern finden, aber ich will mich als Mitglied einer der weltweit größten Bewegungen zu erkennen geben. Diese Bombe hätte jeden von uns und unsere Nächsten treffen können. Nach New York und Berlin ist Boston die dritte Traumstrecke jedes Laufmenschen, der älteste Stadtmarathon der Welt. Wer war schon mal dort oder kennt jemand? Wer würde gern? Eben. Fast jeder. Etwa 250 deutsche Staatsbürger waren dieses Jahr in Boston am Start.

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Boston-Marathon: Explosionen an der Ziellinie
Wer je bei einem Wettbewerb mitgelaufen ist, hat dieses unbestimmte Gefühl, alle anderen zu kennen, die irgendwo auf der Welt rennen. Man kennt sich natürlich nicht, ist nicht mal befreundet - und doch hält uns dieses unsichtbare Band zusammen. Wer selbst läuft, der spürt nach, wie die anderen ticken, der kennt dieses warme Gefühl von Miteinander, der weiß auch, wie es im Zielraum wuselt. Es braucht eine unfassbare Perfidie, um im Zentrum stärkster sportlicher Emotionen eine Bombe zu zünden, offenbar mit Kugellagerkugeln gefüllt und in Bodennähe platziert, die möglichst viele Beine zerstören soll.

Wer läuft, ist verletzlich

Unsere kleinen Läufe irgendwo auf der Welt mögen den Menschen in Boston relativ egal sein. Athleten und Zuschauer, Verletzte und Angehörige, Helfer und Organisatoren haben ganz andere Sorgen. Dennoch ist eine Botschaft gefragt: Es können Bomben geschmissen, Menschen eingesperrt, Veranstaltungen verboten werden - gelaufen wird dennoch und jetzt erst recht.

Wie höchstens die Musik verbindet Sport die Menschen. Kulturen, Nationen, Religionen, selbst Herkunft, Alter und Geschlecht zählen kaum, wenn wir in kurzen Hosen irgendwo auf der Welt an den Kreidestrich treten. Eine gespenstische Vorstellung, dass ein Terrorist den Fernseher ausschaltet, der eben noch eine Sportveranstaltung zeigte, um zum Anschlag zu gehen.

Kaum ein Sport ist offener als das Laufen. Hier gewinnen auch Barfüßige oder Athleten aus Ländern, die bei Hightech-Disziplinen selten eine Chance haben. Es zählen Talent und Fleiß und Hunger. Laufen, das ist die universellste und einfachste Sprache der Welt, die in jedem Slum, in jedem Steuerparadies verstanden wird. Gelaufen wird auf der Straße oder dem Feldweg, öffentlich und ungeschützt, in Leibchen und meist kurzen Hosen. Wer läuft, ist unbewaffnet. Wer läuft, der vertraut der Welt und den Menschen. Wer läuft, glaubt an das Gute. Wer läuft, der bekennt sich zu Wettbewerb und Fairness und Respekt für den anderen, vielleicht besseren Athleten. Einen Sieg im Marathon kann sich kein Mensch kaufen, nicht mal das Gefühl beim Schritt über die Ziellinie. Da helfen keine Milliarden, keine Atombomben, keine Fernseh-Show.

Laufen ist Freiheit und damit das Gegenteil von Terror: offen und ehrlich, meistens jedenfalls, mit geschriebenen und noch mehr ungeschriebenen Regeln: Achte deine Gegner, spiele fair, benimm dich. Stadtläufe demonstrieren zudem konkrete Freiheit: Jeder kann kostenlos zuschauen und ein Transparent in die Höhe halten, jeder kann ein T-Shirt mit irgendeiner Parole tragen, allein oder als Gruppe; Laufen hat elementar mit Freiheit zu tun, mit innerer, äußerer, demokratischer. Deswegen lassen sich Diktatoren auch nur höchst selten auf das Risiko eines weltweit übertragenen Marathons ein.

"Wir antworten nicht mit Gegengewalt, sondern mit einem Lauf"

Wer Bomben legt, will diese Freiheit zerstören. Nicht aus Unwissen, sondern voller böser Absicht. Wie anders kann man diesen Idioten antworten als mit einem öffentlichen Bekenntnis: Wir lassen uns nicht einschüchtern von euren Sprengsätzen. Aber wir antworten nicht mit Gegengewalt, sondern mit einem Lauf. Eine kleine Umfrage auf meiner Facebook-Seite hat ergeben, dass 92 Teilnehmer weiterlaufen wollen und keine Angst haben. 19 wollen zwar weiterlaufen, haben aber ein mulmiges Gefühl und vier Personen müssen noch darüber nachdenken.

Zum Sportsgeist gehört übrigens auch, nicht den ersten naheliegenden Gedanken zu folgen, was mögliche Täter angeht. 1995 in Oklahoma City zerbombte Timothy McVeigh, ein 26-jähriger Kriegsveteran, das Murrah Federal Building, am Vorabend der Olympischen Spiele 1996 legte ein Einheimischer die Rohrbombe in den Olympic Park von Atlanta. Alles was feststeht ist das Motiv: Hass.

Laufen hingegen bedeutet, miteinander ein Ziel zu verfolgen. Und an Tagen wie diesen ist es weniger Sport als vielmehr ein Zeichen globaler Gemeinsamkeit. Bomben sollen Angst verbreiten, Misstrauen säen, die Menschen auseinandertreiben. Wer dagegen läuft, der sagt gemeinsam mit Freunden und Gleichgesinnten: Wir lassen uns nicht einschüchtern.

Wir werden am Wochenende den Marathon in Hamburg laufen und überall anders starten, wo sich Sportler in einem fairen Wettkampf messen. Laufen ist ein Symbol der Freiheit. Nicht laufen ist keine Option, sondern hieße, dem Kalkül des Terrors auf den Leim zu gehen.

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  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.


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