Den Anschlag in Boston werden auch wir Läufer wohl nie vergessen. Jeder weiß noch, wann und wo er von den Bomben erfahren hat. Und die meisten werden ganz ähnliche Gedanken gehabt haben: Warum? Kennen wir eines der Opfer? Hätte uns das tückische Gemisch aus Eisenteilen auch treffen können oder unsere Nächsten? Wie zeigt man Mitgefühl für Menschen, die man nicht kennt, denen man sich aber auf geheimnisvolle Weise verbunden fühlt?
Wer je einen Wettlauf mitgemacht hat, der weiß um die großartige Stimmung aus nacktem Kampf und johlenden Zuschauern; kein Kampf der Kulturen, sondern eine zivilisatorisch einzigartige Mischung aus Miteinander und Gegeneinander. Laufen verbindet, Laufen trennt aber auch, denn der Sport sortiert unbestechlich in Schnelle, Langsame und die dazwischen. Nirgends werden die Gegensätze von Kollektiv und Individuum so harmonisch vereint. Nichts liegt dem Läufer ferner als einem Gegner Gewalt anzutun.
Am vergangenen Wochenende wurde bekannt, dass ein Athlet, der beim Berliner Halbmarathon reanimiert worden war, verstorben ist. Es ist der zweite Mann, der bei dem Lauf ums Leben kam: Ein 24-Jähriger war am Veranstaltungstag am 7. April kurz nach der Einlieferung in die Berliner Charité gestorben. Zwei Männer in den Zwanzigern tot, kurz vor dem Ziel, beide aus Güstrow. Sie kannten sich nicht, waren dem Vernehmen nach aber keine Anfänger. Gespenstisch.
Alles eine Spur stiller als sonst
Zweifel keimten in den Tagen nach dem Attentat. Was tun wir da? Können wir bei großen Laufwettbewerben noch angstfrei starten? Muten wir uns zu viel zu, und eventuell auch unseren Mitmenschen? Wenn Krisen und Katastrophen einen Sinn haben, dann sind es diese Momente des Innehaltens, Besinnens, Nachdenkens.
Nie ging es wohl weniger um Bestzeiten, Trainingspläne oder das Wettkampfgewicht als bei den Marathons in Hamburg und London, in Leipzig und auf all den anderen Frühjahrsrennen. Überall kreisten Gedanken und Gespräche um Grundsätzliches. Warum tun wir das? Ist diese Lauferei okay? Oder will uns das Schicksal etwas mitteilen? Wie trauert man angemessen? Wie gehen wir mit dem Schrecken um?
Es war eine stille Zeit, aber zugleich eine besondere. Die einen haben die Nähe ihrer Sportkameraden gesucht und sind ganz demonstrativ in Gruppen durch die Städte und übers Land gelaufen, vermutlich eine Spur stiller als sonst. Bei mir war es umgekehrt: Vergangenen Samstag bin ich ganz allein durch verschlafene Kleingartensiedlungen gerannt am Rande Berlins, wo Frühlingsstille herrschte. Das mache ich sonst nie - ein plötzliches, neues Bedürfnis.
Eine Mischung aus Mitgefühl und Weiterlaufen
Es waren Tage der Selbstvergewisserung. Den einen war die Anteilnahme zu viel, die vor allem über die sozialen Netzwerke organisiert wurde. "Läuferfamilie? So ein Quatsch!", hat jemand auf meiner Facebook-Seite gepostet. Nein, kein Quatsch. Es ist kein Zufall, dass sich die Hysterie in der Community in Grenzen hielt. Viele Teilnehmer des Hamburg-Marathons berichteten von einer ganz besonderen Stimmung, sowohl unter Läufern als auch am Straßenrand. "Es war nicht lauter als sonst, aber irgendwie entschlossener, selbstbewusster", erzählt eine, die dabei war. Der Krisenexperte Peter Höbel zeigte sich erstaunt, über das geringe Maß an Hysterie in der Läufer-Community, aber auch über die Jetzt-erst-recht-Haltung, die im Sinne der Opfer gewesen sein mag. Es ist eine merkwürdige Emotionslage, will man auf der einen Seite Mitgefühl kundtun, auf der anderen einfach weiterlaufen.
Was haben wir gelernt aus diesen grausamen Tagen? Das ewige Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit muss jeden Tag aufs Neue bestimmt und erkämpft werden. Ganz gleich, ob es die Läuferfamilie nun gibt oder nicht: Anteilnehmen und weitermachen sind keine Gegensätze, sondern unzertrennlich.
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