Gesundheit


Nach Boston-Anschlag: Stiller weiterlaufen

Die Bomben von Boston haben viele Fragen aufgeworfen: Können wir Mitgefühl zeigen und trotzdem weiterlaufen? Ist diese Lauferei okay? Achim Achilles meint: Ja. Allerdings verliefen die Wettkämpfe der vergangenen Tage etwas stiller.

Marathon (Hamburg 2013): Teilnehmer berichteten von einer ganz besonderen StimmungZur Großansicht
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Marathon (Hamburg 2013): Teilnehmer berichteten von einer ganz besonderen Stimmung

Den Anschlag in Boston werden auch wir Läufer wohl nie vergessen. Jeder weiß noch, wann und wo er von den Bomben erfahren hat. Und die meisten werden ganz ähnliche Gedanken gehabt haben: Warum? Kennen wir eines der Opfer? Hätte uns das tückische Gemisch aus Eisenteilen auch treffen können oder unsere Nächsten? Wie zeigt man Mitgefühl für Menschen, die man nicht kennt, denen man sich aber auf geheimnisvolle Weise verbunden fühlt?

Wer je einen Wettlauf mitgemacht hat, der weiß um die großartige Stimmung aus nacktem Kampf und johlenden Zuschauern; kein Kampf der Kulturen, sondern eine zivilisatorisch einzigartige Mischung aus Miteinander und Gegeneinander. Laufen verbindet, Laufen trennt aber auch, denn der Sport sortiert unbestechlich in Schnelle, Langsame und die dazwischen. Nirgends werden die Gegensätze von Kollektiv und Individuum so harmonisch vereint. Nichts liegt dem Läufer ferner als einem Gegner Gewalt anzutun.

Am vergangenen Wochenende wurde bekannt, dass ein Athlet, der beim Berliner Halbmarathon reanimiert worden war, verstorben ist. Es ist der zweite Mann, der bei dem Lauf ums Leben kam: Ein 24-Jähriger war am Veranstaltungstag am 7. April kurz nach der Einlieferung in die Berliner Charité gestorben. Zwei Männer in den Zwanzigern tot, kurz vor dem Ziel, beide aus Güstrow. Sie kannten sich nicht, waren dem Vernehmen nach aber keine Anfänger. Gespenstisch.

Alles eine Spur stiller als sonst

Zweifel keimten in den Tagen nach dem Attentat. Was tun wir da? Können wir bei großen Laufwettbewerben noch angstfrei starten? Muten wir uns zu viel zu, und eventuell auch unseren Mitmenschen? Wenn Krisen und Katastrophen einen Sinn haben, dann sind es diese Momente des Innehaltens, Besinnens, Nachdenkens.

Nie ging es wohl weniger um Bestzeiten, Trainingspläne oder das Wettkampfgewicht als bei den Marathons in Hamburg und London, in Leipzig und auf all den anderen Frühjahrsrennen. Überall kreisten Gedanken und Gespräche um Grundsätzliches. Warum tun wir das? Ist diese Lauferei okay? Oder will uns das Schicksal etwas mitteilen? Wie trauert man angemessen? Wie gehen wir mit dem Schrecken um?

Es war eine stille Zeit, aber zugleich eine besondere. Die einen haben die Nähe ihrer Sportkameraden gesucht und sind ganz demonstrativ in Gruppen durch die Städte und übers Land gelaufen, vermutlich eine Spur stiller als sonst. Bei mir war es umgekehrt: Vergangenen Samstag bin ich ganz allein durch verschlafene Kleingartensiedlungen gerannt am Rande Berlins, wo Frühlingsstille herrschte. Das mache ich sonst nie - ein plötzliches, neues Bedürfnis.

Eine Mischung aus Mitgefühl und Weiterlaufen

Es waren Tage der Selbstvergewisserung. Den einen war die Anteilnahme zu viel, die vor allem über die sozialen Netzwerke organisiert wurde. "Läuferfamilie? So ein Quatsch!", hat jemand auf meiner Facebook-Seite gepostet. Nein, kein Quatsch. Es ist kein Zufall, dass sich die Hysterie in der Community in Grenzen hielt. Viele Teilnehmer des Hamburg-Marathons berichteten von einer ganz besonderen Stimmung, sowohl unter Läufern als auch am Straßenrand. "Es war nicht lauter als sonst, aber irgendwie entschlossener, selbstbewusster", erzählt eine, die dabei war. Der Krisenexperte Peter Höbel zeigte sich erstaunt, über das geringe Maß an Hysterie in der Läufer-Community, aber auch über die Jetzt-erst-recht-Haltung, die im Sinne der Opfer gewesen sein mag. Es ist eine merkwürdige Emotionslage, will man auf der einen Seite Mitgefühl kundtun, auf der anderen einfach weiterlaufen.

Was haben wir gelernt aus diesen grausamen Tagen? Das ewige Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit muss jeden Tag aufs Neue bestimmt und erkämpft werden. Ganz gleich, ob es die Läuferfamilie nun gibt oder nicht: Anteilnehmen und weitermachen sind keine Gegensätze, sondern unzertrennlich.

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insgesamt 2 Beiträge
slava grof 25.04.2013
DAS hier sind die echten probleme: Bangladesch: Wie es trotz Warnzeichen zum Fabrikeinsturz kam - SPIEGEL ONLINE [...]
Zitat von sysopKönnen wir Mitgefühl zeigen und trotzdem weiterlaufen?[/url]
DAS hier sind die echten probleme: Bangladesch: Wie es trotz Warnzeichen zum Fabrikeinsturz kam - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bangladesch-wie-es-trotz-warnzeichen-zum-fabrikeinsturz-kam-a-896399.html)
pro-te-us 25.04.2013
Sind aber nicht die Grenzen im Sport fließend geworden, seitdem heutzutage große Summen Geld mit im Spiele sind? Wurde die sprichwörtliche Fairness im Sport nicht zusehends ausgehöhlt, seit Doping, Bestechung etc. mehr und mehr [...]
Zitat von sysopWer je einen Wettlauf mitgemacht hat, der weiß um die großartige Stimmung aus nacktem Kampf und johlenden Zuschauern; kein Kampf der Kulturen, sondern eine zivilisatorisch einzigartige Mischung aus Miteinander und Gegeneinander. Laufen verbindet, Laufen trennt aber auch, denn der Sport sortiert unbestechlich in Schnelle, Langsame und die dazwischen. Nirgends werden die Gegensätze von Kollektiv und Individuum so harmonisch vereint. Nichts liegt dem Läufer ferner als einem Gegner Gewalt anzutun.
Sind aber nicht die Grenzen im Sport fließend geworden, seitdem heutzutage große Summen Geld mit im Spiele sind? Wurde die sprichwörtliche Fairness im Sport nicht zusehends ausgehöhlt, seit Doping, Bestechung etc. mehr und mehr an der Tagesordnung sind? Auch die angeblich unbeteiligten Zuschauer werden zunehmend ein Opfer der „Psychologie der Massen“ (Le Bon), wie man das bei Großveranstaltungen in den Stadien leider beobachten muss: Ohne ein riesiges Polizeiaufgebot schaffen es ehrenamtliche Ordnungskräfte schon lange nicht mehr friedliche Begegnungen und Versammlungen zu garantieren. Die Spirale der Gewalt dreht sich stets nur in eine Richtung und man muss davon ausgehen, dass in einer immer radikaler und bunter werdenden Völkergemeinschaft das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht zu sein scheint! Von offiziellen staatlichen Administrationen werden unter den fadenscheinigsten Vorwänden und mit den hehrsten Zielen verheerende Kriege skrupellos inszeniert als wären es „ritterliche Turniere“ auf den globalen Dorfanger ferner Kontinente! Schon bei Orwell konnte man zu einer noch anscheinend gesitteteren Zeit den Satz „sport is war minus the shooting“ lesen!
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  • Donnerstag, 25.04.2013 – 11:39 Uhr
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Zur Person
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.





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