Jugendarbeit und Sport Vereint im Rausch

Vereinssport fördert Gesundheit und Psyche von Kindern und Jugendlichen. Stimmt nicht, sagt der Soziologe Wolf-Dietrich Brettschneider. Seine neue Studie offenbart, dass die Vereinswelt sogar schädlich sein kann - vor allem wenn es um Alkohol geht.

Jugendliche nach dem Fußballspielen: Alkohol und Sport gehören oft zusammen
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Jugendliche nach dem Fußballspielen: Alkohol und Sport gehören oft zusammen

Von Hendrik Maaßen


Es ist die "dritte Halbzeit", die zur Gewohnheit geworden ist. Der Kasten Bier nach dem Spiel. Die feuchtfröhliche Vereinsfeier, bei der auch Hochprozentiges fließt, oder die großen Vorbilder bei der Bierdusche im Fernsehen: Alkohol und Sport haben eine besondere Verbindung.

Dabei zeichnen die Sportverbände gerne das Bild vom Wundermittel Sport, gerade wenn es darum geht, Jugendlichen soziale Werte zu vermitteln. Erziehung durch Sport, zu einem gesunden Leben, zu Toleranz, Fairness und Verantwortungsbewusstsein.

Die neue Kinder- und Jugendstudie "Aufwachsen mit Sport" des renommierten Soziologen Wolf-Dietrich Brettschneider und seines Kollegen Erin Gerlach kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass Sportvereine Heranwachsende in eine Kultur des Trinkens und Feierns einführen, anstatt sie gegen Alkohol stark zu machen.

Von der dritten Klasse bis zum Berufseinstieg

Die Studie ist ein außergewöhnliches Projekt: Zehn Jahre lang haben die Wissenschaftler immer wieder dieselben Kinder, später Jugendliche befragt. Von der dritten Klasse bis hin zur Berufsausbildung. Der Vorteil dieser Untersuchung: Zufälle in den Ergebnissen sind nahezu ausgeschlossen. "Wir können die Entwicklungsverläufe in den Biografien ganz genau nachzeichnen", sagt Soziologe Brettschneider. Insgesamt 1637 Heranwachsende aus Paderborn sind Teil der Studie. "Der Umfang dieses Längsschnitts ist auf diesem Gebiet einmalig", jubelt der Wissenschaftler.

Den Sportvereinen konnten die Soziologen nur geringfügig Positives nachweisen: Ein positiver Einfluss auf die Entwicklung sei selbst bei einer zehnjährigen Vereinsmitgliedschaft kaum zu finden. "Kein durchgängig positiver Effekt" heißt es zu so zentralen Themen wie psychische Gesundheit, Gewalt und Persönlichkeitsentwicklung.

Zwar rauchen sportliche Jungen und Mädchen deutlich weniger als ihre Altersgenossen, beim Alkoholkonsum ist das aber ganz anders: "Wir haben festgestellt, dass Kinder, die in den Verein kommen und länger bleiben, dort den Umgang mit Alkohol im negativen Sinne lernen", sagt Brettschneider. "Und er wird sogar stabilisiert. Diejenigen, die aus dem Sportverein aussteigen, konsumieren anschließend wieder deutlich weniger Alkohol."

"Wir sind kein Feuchtbiotop"

Rolf-Ingo Weiss, Vorsitzender der Deutschen Sportjugend und Vorstandsmitglied im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), sieht das anders: "Wir sind kein Feuchtbiotop, was den Alkohol betrifft", sagt er. Aber natürlich sei der Sport ein Abbild der Gesellschaft. "Und nach dem Sporttreiben wird natürlich auch hier oder da mal in irgendeiner Art und Weise etwas getrunken", so Weiss.

Richtig ernst genommen wird das Problem offenbar nicht. "Wir haben ja schon vor zehn Jahren über diese Themen geredet", räumt der Sportjugend-Vorsitzende ein. "Und vor sieben, acht Jahren haben wir mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 'Alkoholfrei Sport genießen!' eingeführt. Diese Maßnahmen wirken auch vor sich hin."

Das Problem: Sie erreichen kaum einen der Jugendlichen in der entscheidenden Phase. Seit ihrem Start hat die Aktion laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nur rund 1,2 Millionen heranwachsende Sportler erreicht. 9,5 Millionen Jugendliche sind aber in der Deutschen Sportjugend organisiert, und die Fluktuation ist hoch.

Überschätzte Anti-Alkoholkampagnen

"Die Aktionsprogramme werden in ihrer Wirkung überschätzt", sagt Brettschneider. Und verweist auf erfolgreichere Projekte im Ausland: "In der Schweiz hat man mit der Aktion 'Cool and Clean' den Alkoholkonsum deutlich senken können." Die Kampagne setze auf ein Alkoholverbot bei sportlichen Aktivitäten mit jugendlicher Beteiligung, und zwar aktiv wie auch passiv. "Aber dort wurde es auch flächendeckend und systematisch gemacht", sagt Brettschneider.

Von einem Verbot hält der Sportjugendchef gar nichts: "Dann erreicht man genau das Gegenteil. Man muss bei den Jugendlichen das Bewusstsein schärfen, wie sie mit Alkohol umzugehen haben, und wie eben nicht. Das sind Aufgaben für Vereine, Übungsleiter und Trainer."

Im Sportverein fänden die Kinder ihre Vorbilder, denen sie nacheifern, sagt Brettschneider. "Dann ist ganz entscheidend, welche Norm sich durchsetzt: der verantwortungsvolle Umgang mit Alkohol oder aber das Sturztrinken, auf das alle mit Bewunderung gucken." Der Soziologe fordert die Verbände auf, endlich angemessen zu reagieren.

Auch eine Wirkung gegen Adipositas ist nach der Studie pauschal nicht nachweisbar: "Wenn überhaupt kann man so argumentieren: Findet ein übergewichtiges Kind im Verein Spaß an der Bewegung, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es sich auch außerhalb des Vereins bewegt", so Brettschneider.

Eine besonders positive Funktion haben die Sportvereine hingegen für viele Kinder beim Wechsel zur weiterführenden Schule. "In dieser Zeit ist die einzig konstante Ressource die Gruppe im Sport", so Brettschneider. Sie übernehme hier Aufgaben, die weder Eltern noch Lehrer in der Zeit erfüllen könnten. Eine Einbettung in eine Sportgruppe verhindere, dass die Jungen und Mädchen in ein Loch fallen würden.

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
Stäffelesrutscher 02.10.2013
1.
Zitat von sysopDPAVereinssport fördert Gesundheit und Psyche von Kindern und Jugendlichen. Stimmt nicht, sagt der Soziologe Wolf-Dietrich Brettschneider. Seine neue Studie offenbart, dass die Vereinswelt sogar schädlich sein kann - vor allem wenn es um Alkohol geht. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/brettschneider-studie-vereinssport-haelt-jugend-nicht-vom-alkohol-ab-a-925746.html
Paderborn. Ob das vielleicht Teil des Alkoholproblems ist?
Oberleerer 02.10.2013
2.
Sportlerkneipe. Das sagt schon alles.
Oberleerer 02.10.2013
3.
Wer freiwillig in einen Verein geht, sucht soziale Nähe und Anerkennung in einer Gemeinschaft. Klar dass man sich dann an die Normen anpaßt. Diesbezüglich liegt die Verantwortung eindeutig bei den Älteren.
wolfdieter.schumacher@der 02.10.2013
4. Alkoholgenuss gehört zu unsere Gesellschaft
Wichtig ist, dass Jugendliche den Umgang mit der Droge Alkohol erlernen. Im Sportverein ist dies möglich, wenn Betreuer und aeltere Vereinsmitglieder dies aktiv und mit dem nötigen Problembewusstsein begleiten.
Eros1981 02.10.2013
5. So ein Blödsinn!
Natürlich fördert der Vereinssport die Gesundheit und Psyche von Kindern und Jugendlichen. Wer was anderes behauptet hat meiner Meinung nach keine Ahnung oder will sich einfach nur wichtig machen. Im Verein kann man sich sportlich betätigen, findet Freunde und kann gemeinsam Erfolge feiern und mit Niederlagen umzugehen lernen. Ab und zu wird sich dann halt betrunken, na und, wo ist das Problem? Was ist denn die Alternative? Den ganzen Tag allein verbringen, weil Vereinssport im speziellen, aber auch Freundschaften im allgemeinen die Gefahr beherbergen mal über die Stränge zu schlagen und ordentlich einen zu bechern? Sorry, ich kann über diesen Artikel nur den Kopf schütteln. Am Besten wir beantragen alle Hartz 4 und schließen uns in unseren 4 Wänden ein und meiden darüber hinaus jeglichen Kontakt zu unseren Mitmensche, ist ja alles böse und gefährlich da draußen und soziale Kontakte werden eh überbewertet.
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