Trend-Getränk Grüne machen Stimmung gegen Bubble Tea

Jugendliche lieben plötzlich Tee. An sich keine schlechte Idee, wäre Bubble Tea nicht eine pappsüße Kalorienschleuder, gespickt mit allerlei synthetischen Farbstoffen und Aromen. Jetzt schlagen die Grünen Alarm und warnen vor Übergewicht bei Kindern.

AP

Stuttgarter Hauptbahnhof, eine Bubbles Bar am Nachmittag: Die Schlange ist lang. Das Sortiment, das nach Angaben des Barmanns rund 500 Variationsmöglichkeiten zulässt, scheint kein Neuland für die Schüler zu sein, die dort warten. Sie bestellen so routiniert, wie sie Kurznachrichten in ihre Handys tippen.

Schwarzer oder grüner Tee, Joghurt oder Milch als Grundlage? Warm oder kalt? Mango-Geschmack, Green Apple oder Lychee? Als Topping, jenem Clou, der die Perlen in den Tee bringt, gibt es entweder Jellys (in Fruchtsaft eingelegte Fruchtgummi-Schnipsel), Popping Bobas (mit Fruchtsaft gefüllte, dünnhäutige Perlen, die optisch an Kaviar erinnern und beim Draufbeißen im Mund zerplatzen) oder Tapioka, das Ur-Topping (schwarze Perlen aus der Wurzelknolle des tropischen Maniok).

Der Bubble Tea wird in einen durchsichtigen Plastikbecher gefüllt, dann kippt der Barmann die gummiartigen Perlen dazu und schließt ihn luftdicht mit Folie ab. Als Schlussakt schüttelt er das quietschbunte Gebräu wie einen Cocktail und reicht es über den Tresen mit einem zwölf Millimeter dicken Strohhalm, den die jungen Kunden mit Schwung durch die Folie rammen. Selig saugen sie an dem Getränk und nehmen so, ohne es zu ahnen, 300, 500 oder sogar mehr Kilokalorien zu sich. Je nach Alter und Teekomposition entspricht das einem Drittel ihres Tagesenergiebedarfs.

Kinderärzte warnen vor Verschlucken

Das ruft förmlich nach Altersdiabetes und Adipositas. Vertreter der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen haben deshalb eine Kleine Anfrage im Deutschen Bundestag gestellt. Sie wollen klären, inwiefern der zunehmende Konsum von Bubble Tea zu den Zielen der Bundesregierung passt, das Übergewicht von Kindern zu bekämpfen. Je nach Bundesland sind bis zu zehn Prozent der Schulanfänger übergewichtig. Die Fragen der Grünen an die Regierung drehen sich besonders um den Schutz der Konsumenten, also von Kindern und Jugendlichen.

Denn seit einiger Zeit warnen Verbraucherschützer vor dem "gehaltvollen Softdrink", die Techniker Krankenkasse schlägt Alarm und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Köln ruft zur Vorsicht auf: "Das Modegetränk ist für Kleinkinder gefährlich." Wer die erdnussgroßen Kügelchen über den Strohhalm einsaugen will, muss kräftig ziehen. "Geraten die Kugeln über die Luftröhre in die Lunge, können sie zu einer Lungenentzündung oder zum Lungenkollaps führen", sagte Verbandspräsident Wolfram Hartmann. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat sich mit der Frage befasst, ob für Kinder und Kleinkinder ein gesundheitliches Risiko besteht. Konkrete Hinweise auf Aspirationsunfälle lägen bislang nicht vor, sie könnten aber auch nicht ausgeschlossen werden. "Insbesondere bei Kindern im Alter bis zu vier Jahren besteht die Gefahr, Fremdkörper in die Lunge zu verschlucken. Das BfR empfiehlt daher, beim Verkauf von Bubble Tea auf dieses Gesundheitsrisiko deutlich hinzuweisen", sagt Miriam Ewald vom BfR.

Die Anbieter bewerben ihre auf die jungen Zielgruppen zugeschnittenen Produkte als "belebende und natürliche Geschmackserlebnisse". Eine klassische Marketingstrategie, sagen die Prüfer der Stiftung Warentest. Bisweilen wird als Grundstoff nämlich keinesfalls nur Tee, sondern auch Sojatrockenmilch verwendet. Die Tester hatten sich vor kurzem vier Bubble Teas verschiedener Ketten vorgenommen. Drei enthielten demnach pro handelsüblichem 500 Milliliter-Becher immerhin so viel Zucker wie die gleiche Menge Cola. Pro Portion seien das 50 bis 60 Gramm - ein Wert, den die Weltgesundheitsorganisation WHO als maximale Tagesdosis für eine erwachsene Frau empfiehlt. Das vierte Produkt enthielt sogar 90 Gramm Zucker, das sind in etwa 30 Stück Würfelzucker in einem einzelnen Becher.

Aromastoffe könnten Hyperaktivität auslösen

Die Tees enthielten auch ähnlich viel Koffein wie Cola. Der neonbunte Tee hat zudem mit einem natürlichen Geschmackserlebnis so viel zu tun wie ein Cappuccino mit der Milchstraße: Die Tester fanden im Gebräu die synthetischen Azofarbstoffe Tartrazin-Gelb (E 102) und Allurarot (E 129). Zwar sei die Dosis nicht höher gewesen als zugelassen. "Aber die Stoffe stehen im Verdacht, bei Kindern Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizite auszulösen", heißt es im Test. Laut EU-Verordnung müsste das auf dem Etikett von verpackten Lebensmitteln seit Juli 2010 angegeben sein. Diese Regel gilt jedoch nicht für Bubble Tea, weil er an Theken verkauft wird und damit zu den unverpackten Lebensmitteln gehört.

Der Hinweis "mit Farbstoffen" müsste dennoch für den Verbraucher erkennbar sein. Erst auf Nachfrage erfuhren die Tester von der Zutat. Und auch die Aromaanalyse war wenig erfreulich: Die versprochenen Fruchtaromen seien nur in geringen Dosen nachweisbar. Hauptsächlich bestünden die Mixgetränke aus synthetischen Phantasiearomen.

Wichtige Fakten zum Bubble Tea
Vom Eistee zum Trendgetränk
Seit Anfang der achtziger Jahre gibt es den Bubble Tea in Taiwan. Ursprünglich war das Getränk eine Mischung aus Tee, Milch und Eis. Da beim Schütteln kleine Bläschen auf der Oberfläche entstehen, wurde das Getränk Bubble Tea oder auch Pearl Milk Tea genannt. Mehrere Mythen ranken sich um seine Entstehung. Zwei große Teehäuser sollen sich um den Geniestreich streiten.

Eine dieser Mythen geht so: Weil sie Kinder wieder für das Teetrinken begeistern wollten, gaben die Erwachsenen in Taiwan die süßen Tapiokaperlen in den Tee – sozusagen als Belohnung für das Austrinken. Bis dahin wurden die Tapiokaperlen nur pur, beispielsweise als Nachspeise, gereicht. In Asien wird der Tee nicht als Softdrink, sondern als Tee-Mahlzeit konsumiert. Beliebt ist er nicht nur bei Kindern, sondern bei allen Altersgruppen.
Skandal um Bubble Tea
Im vergangenen Jahr machte nach Angaben der Stiftung Warentest ein Lebensmittelskandal im Herkunftsland des Bubble Tea Schlagzeilen. In einem Sirup aus Taiwan, der auch für Bubble Tea verwendet wird, hatten Experten den Weichmacher DEHP nachgewiesen. Bei der Stichprobe der Warentester haben die Prüfer den Stoff jedoch nicht nachgewiesen.
Die Perlen
Perlen aus Tapioka, der tropischen Maniokwurzel, machten den Anfang im Bubble Tea. Erst später kamen die bunten Perlen dazu. Sie sind außen weich, innen bissfest und werden aus der Maniokwurzel hergestellt. In Asien, Afrika und Südamerika sind sie extrem beliebt. Sie gelten aufgrund ihres Stärkegehalts auch als Kartoffeln der Tropen. Maniok ist für viele Menschen auf der Welt zudem ein Grundnahrungsmittel. In Asien wird es am häufigsten angepflanzt. Hergestellt werden die Tapioka-Perlen für den Bubble Tea nach dem Prinzip der molekularen Küche. Tapioka ist von Natur aus mehlig weiß. Für die dunkle Farbe der Kugeln wird die Stärke mit Ahornsirup versetzt, der beim Kochen karamelisiert.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
anonym07 24.07.2012
1. Was der Bauer nicht kennt ...
Super, unsere Naturalistenfreunde bekommen mal wieder die Grosse Panik, denn was der Bauer nicht kennt das frisst er nicht. In Asien schon seit mehr als 10 Jahren erhältlich ist nun plötzlich die große Gefahr. Das Zeug gibt es im Übrigen sehr lecker mit warmem schwarzen Tee, Milch, Zucker und Klebereiskugeln in Reinstform. Nicht besser oder schlechter als irgendein anderes Teegetränk. Wenn schon verbieten dann bitte das Chemiegetränk was McDonalds als BubbleTea verkauft ! :-)
lensenpensen 24.07.2012
2. Bitte nicht schon wieder...
Zitat von sysopAPJugendliche lieben plötzlich Tee. An sich keine schlechte Idee, wäre Bubble Tea nicht eine pappsüße Kalorienschleuder, gespickt mit allerlei synthetischen Farbstoffen und Aromen. Jetzt schlagen die Grünen Alarm - und warnen vor Übergewicht bei Kindern. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,846109,00.html
Natürlich es liegt nur an diesem einen Getränk, dass manche Kinder fett werden/sind. Oh man, solche monokausalen Ketten sind doch einfach lächerlich. Man merkt es fast jeden Tag, es ist wieder Sommerloch...
vanilla.hk 24.07.2012
3. ...
Sehr amuesant der Artikel. Bubble Tea, wie ein Vorposter angemerkt hat, gibt es in Asien schon lange und fette Kinder laufen hier, im Vergleich zu Deutschland oder anderen europaeischen Laendern, selten durch die Gegend.
georg.vt@gmx.de 24.07.2012
4. optional
90% sind also Normalgewichtig. Also die Mehrheit.
meinmein 24.07.2012
5.
Bubble-Tea hat nur Vorteile: Der Kunde genießt. Der Verkäufer verdient. Die Gesundheitsindustrie macht Umsatz. Die Rentenversicherung hat geringere Kosten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.