Teufelskreis der Bulimie "Über allem schwebt die Selbstanklage"

Heftige Gefühle, Fressanfälle, Erbrechen, Scham - das ist der Teufelskreis, in dem sich Bulimiker befinden. Die Ärztin Elisabeth Rauh erklärt, was daran so gefährlich ist und warum der Wille keine Rolle spielt.

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Ein Interview von Nora Burgard-Arp


Zur Person
  • Schön Klinik Bad Staffelstein
    Dr. med. Elisabeth Rauh ist Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie und leitet das Zentrum für verhaltenstherapeutische Medizin der Schön Klinik Bad Staffelstein/Bamberg mit einem Spezialzentrum für Essstörungen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Rauh, viele von uns haben sich schon mal "überfressen", mancher hat sich danach vielleicht sogar übergeben. Wo liegt die Grenze zur Krankheit?

Rauh: Das Wörtchen "mal" macht den Unterschied. Wer wiederholt und regelmäßig Fressanfälle hat und dabei einen absoluten Kontrollverlust verspürt, leidet dauerhaft. Im Anschluss an die Fressattacken folgt bei Bulimiekranken das Gegensteuern mit Erbrechen, sie schlucken Abführ- und Entwässerungsmittel oder treiben Sport bis an die Schmerzgrenze. Danach machen sich Ekel, Scham und Selbsthass breit - aber auch Erleichterung, weil sie hoffen, durch das Erbrechen eine Gewichtszunahme verhindert zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie gelingt es den Betroffenen, ihre Krankheit zu verstecken?

Rauh: Bulimie ist nicht sofort sichtbar, denn viele sind normal-, mitunter auch leicht übergewichtig. Es gibt zwar Magersüchtige des sogenannten Purging Typs, die stark hungern und die minimalen Mengen, die sie essen, zusätzlich erbrechen. Menschen mit dieser bulimischen Magersucht drohen, in ein extremes Untergewicht zu kommen. Wer aber normal oder gar massive Mengen isst und anschließend erbricht, bleibt mit seinem Gewicht meist im Normalbereich.

SPIEGEL ONLINE: Nicht immer lassen sich die Betroffenen klar der Kategorie Magersucht oder Bulimie zuordnen. Was haben die verschiedenen Essstörungen gemeinsam?

Rauh: Generell können sich alle Essstörungen abwechseln und ineinander übergehen, es gibt zahlreiche Zwischen- und Mischformen. Verallgemeinert haben alle Essstörungen gemeinsam, dass die Kontrollprozesse nicht richtig funktionieren: Entweder sind diese überkontrolliert oder enthemmt. Außerdem können Menschen mit Essstörungen nur schwer mit ihren Gefühlen umgehen. Sie empfinden ihre Emotionen als zu intensiv, zu schnell wechselnd, als dauerhaft unangenehm. Oder sie leiden unter dem Fehlen von Gefühlen.

Infokasten Bulimie
    Bei der Bulimia nervosa, auch Ess-Brech-Sucht genannt, haben die Betroffenen ein unkontrolliertes Verlangen nach Essen. Im Anschluss an ihre regelmäßig - zum Teil auch mehrmals täglich - auftretenden Fressattacken ergreifen sie zum Teil drastische Maßnahmen, um eine mögliche Gewichtszunahme zu verhindern. Dabei wird zwischen dem Purging-Typ und dem Nicht-Purging-Typ unterschieden: Erstere erbrechen absichtlich und schlucken Abführmittel, letzter versuchen, durch exzessiven Sport oder Hungern gegenzusteuern.
  • In Deutschland leiden nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 0,3 Prozent der Frauen und 0,1 Prozent der Männer im Alter von 18 bis 79 Jahren an Bulimie. Bei den jüngeren Betroffenen gibt es keine repräsentativen Daten.
Magersucht - in der Fachsprache Anorexie genannt -, Bulimie, Binge-Eating-Störung - über Essstörungen informiert hier die BZgA Betroffene und Fachkräfte und bietet u. a. Materialien sowie eine Suche nach Beratungs- und Behandlungsadressen an.

SPIEGEL ONLINE: Und was unterscheidet Bulimiekranke von Magersüchtigen?

Rauh: Anorektische Patienten handeln oft in Ritualen, viele sind sehr perfektionistisch. Bulimiker hingegen erleben sich meistens als unkontrolliert und impulsiv. Während die Magersucht oft von Zwängen begleitet wird, treten bei Menschen mit Bulimie häufiger bipolare Störungen und Selbstverletzungen auf, viele leiden unter Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch. Magersüchtige wollen außerdem in dem Zustand bleiben, in dem sie sind und verteidigen ihn. Die bulimischen Patienten hingegen befinden sich in einem Sehnsuchtszustand.

SPIEGEL ONLINE: Was kann Essen an dieser Sehnsucht ändern?

Rauh: Dauerhaft gar nichts, im Gegenteil. Aber für den Moment erfahren die Bulimiekranken Erleichterung: Sie empfinden ihre Gefühle oft als extrem und wissen nicht, wie sie diese aushalten oder beruhigen sollen. Deshalb greifen sie zu drastischen Maßnahmen wie Fressen und Erbrechen. Während der Essanfälle sind sie in einer Art Rausch, in einem dissoziativen Zustand: Sie wissen, dass sie danach leiden werden, können aber nicht aufhören.

SPIEGEL ONLINE: Und nach dem Rausch kommt das schlechte Gewissen.

Rauh: Richtig. Schuld und Scham sind wiederum intensive Gefühle, die die Betroffenen nicht regulieren können. So entsteht ein Teufelskreis.

SPIEGEL ONLINE: Manche Bulimie-Erkrankte berichten, dass sie lieber magersüchtig wären, weil sie die Magersüchtigen für stärker und disziplinierter halten. Kennen Sie das aus Ihrem Arbeitsalltag?

Rauh: Viele bulimische Patienten eifern den Magersüchtigen tatsächlich nach und fragen sich, wie diese es schaffen, so dünn zu sein. Sie schämen sich für ihre Erkrankung und werfen sich gleichzeitig vor, zu schwach zu sein. Dadurch werden sie aggressiv und steuern immer heftiger und drastischer gegen, um eine Zunahme überhaupt noch zu verhindern. Oftmals kommt noch eine Alkohol- oder Drogensucht dazu, was es besonders gefährlich macht. Und über allem schwebt die Selbstanklage: "Wenn ich einen stärkeren Willen hätte, könnte ich das besser bewältigen."

SPIEGEL ONLINE: Bewertet das die Gesellschaft ähnlich?

Rauh: In Teilen schon, was auch damit zusammenhängt, dass über Bulimie in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt ist. Bulimie haftet etwas Schmutziges, Heimliches an. Die Krankheit wird mit Einsamkeit assoziiert.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Krankheit so gefährlich?

Rauh: Da ist einmal das Erbrechen selbst, das zu Salzverlusten etwa von Kalium führt. Kaliummangel kann gefährliche Herzrhythmusstörungen auslösen. Auch die Speicheldrüsen sind an das ständige Erbrechen nicht gewöhnt, sodass sie anschwellen und das Gesicht entstellen können. Der Zahnschmelz wird durch die Magensäure beim Erbrechen strapaziert, sodass es zu Zahnschäden kommt. Um den Würgereiz auszulösen, setzen manche Hilfsmittel ein und brechen sich damit Zähne ab. Da am Hunger- und Sättigungsprozess alle Organe beteiligt sind, kann es überall im Körper zu Entzündungen kommen oder im schlimmsten Fall zu Krebserkrankungen.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert neben den körperlichen Auswirkungen auf der psychischen Ebene?

Rauh: Bulimiekranke leiden enorm unter ihren Gefühlsschwankungen, bei denen mal die innere Leere dominiert, mal ein hartherziges Mit-sich-ins-Gericht-Gehen. Das macht es ihnen mitunter unmöglich, am sozialen Leben teilzunehmen und sie entwickeln Suizidgedanken.

SPIEGEL ONLINE: Bei vielen Bulimikern dauert es Jahre, bis sie eine Therapie beginnen. Warum?

Rauh: Essstörungen beginnen schleichend: Man denkt lange, dass man es noch im Griff hat, verheimlicht es vor anderen und vor sich selbst. Man denkt, dass es nur eine Macke ist oder ein Spleen, den man - wenn man nur willensstark genug wäre - einfach wieder abstellt. In der Regel haben Patienten, die bei uns stationär behandelt werden, eine Leidenszeit von mehreren Jahren bis zu Jahrzehnten hinter sich. Oft haben die Betroffenen schon mehrere Kliniken ausprobiert und sind frustriert oder schämen sich, dass sie immer noch krank sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum muss es ein stationärer Aufenthalt sein?

Rauh: Für die Betroffenen ist es wichtig, in einer Klinik zu üben, wie sie wieder eine Struktur finden, wie sie regelmäßig essen können und das Essen auch bei sich behalten. Viele landen zwar in einer Klinik, oft aber in der falschen Abteilung: Mal sind sie in einer Suchtklinik, mal in einer Psychiatrie. In der Therapie müssen vor allem aber die Grundmuster behandelt werden, damit die Kontrollprozesse wieder funktionieren. Es geht darum, zu Essattacken Alternativstrategien zu finden, die es erlauben, mit den eigenen Gefühlen umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Bulimie als Krankheit unterschätzt?

Rauh: Definitiv - sowohl in der Gesellschaft als auch von Ärzten. Die Betroffenen bekommen manchmal Rückmeldungen wie: "Sie haben Normalgewicht, dann kann es ja nicht so schlimm sein." Manche Kliniken nehmen Patienten erst ab einem BMI unter 16 auf, weil sie glauben, dass alles darüber auch ambulant behandelt werden kann. Und in der Gesellschaft herrscht oft der Glaube, man müsse sich nur mal zusammenreißen.

Video: Gegen die Essstörung



insgesamt 5 Beiträge
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s. greer 02.08.2018
1. Es muss nur Klick machen!
Ich litt als Jugendliche zweieinhalb Jahre lang unter Bulimie (13-15 Jahre), die durch Kommentare im Familien- und Freundeskreis ausgelöst wurde. Als Kind war ich sehr dünn und als ich in die Pubertät kam und ein paar Kilo zunahm, wurde das leider kommentiert. Der ständige Konsum von Zucker, Weißmehlprodukten und Fertiggerichten sorgt leider für einen ständigen, nicht leicht zu kontrollierenden Appetit, was weder mir, noch meinen Eltern damals bewusst war. Ich übergab mich mehrmals täglich nach meinen Fressattacken, was niemand in der Familie bemerkte. Eines Tages las ich im Internet, was die Bulimie mit mir macht (Nährstoffunterversorgung, kaputte Zähne, entzündete Speiseröhre etc.) und entschied in diesem Moment, dass ich damit aufhöre. Meine Bulimie war somit von einem Tag auf den anderen vorbei, weil mir bewusst wurde, dass ich mein Wachstum dadurch einschränke und wie befürchtet, waren meine Zähne bereits so stark beschädigt, dass ich zwischen den Frontzähnen überall Füllungen benötigte, weil der Zahnschmelz aufgeweicht war. Ich stellte meine Ernährung um, ersetzte Weißmehl durch Vollkorn, verzichtete überwiegend auf Zucker und gesüßte Getränke und das ist jetzt 18 Jahre her. Der Heißhunger bleibt bei einer vollwertigen Ernährung aus und ich bin nie wieder rückfällig geworden.
pariah_aflame 02.08.2018
2. Verharmlost
"In Deutschland leiden nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 0,3 Prozent der Frauen und 0,1 Prozent der Männer im Alter von 18 bis 79 Jahren an Bulimie. Bei den jüngeren Betroffenen gibt es keine repräsentativen Daten. " Das klingt wenig, doch "Rund 30,1 Prozent der Mädchen im Alter von 17 Jahren zeigten Hinweise auf eine Essstörung. Die Daten stammen aus der vom Robert Koch-Institut im Rahmen des bundesweiten Gesundheitsmonitoring durchgeführten KIGGs-Studie." Dazu gibt es offiziell etwa 70 bis 100 Personen, die in D pro Jahr selbstinduziert verhungern. Bei 11.000 Neudiagnosen von Bulemie und Anorexie darf hier getrost von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Insbesondere, wie ja auch im Interview betont, weil die Diagnose oft zu spät gestellt wird und davon auszugehen ist, dass viele Betroffene ihren Zustand nicht als Krankheit ansehen und gar nicht erst beim Arzt vorstellig werden. Ich bin selbst Ernährungswissenschaftler und habe schon Fachleute von vierstelligen Todeszahlen pro Jahr reden hören. Hier spielen gewiss auch Selbstmorde eine große Rolle. Soweit die (unsicheren) Fakten, meine Meinung: Esstörungen sind die Leichen im Keller unserer Konsumgesellschaft. Warum trifft es drei mal mehr Mädchen als Jungs? Vielleicht weil das Schönheitsideal des superschlanken Modells dauerhaft über die Medien auf formbare, unsichere Jugendliche trifft? Weil selbst Werbung für Nahrung uns einredet, wir müssen stets super fit und super schlank sein? Scheint Sinn zu ergeben, wenn Frau Doktor Rauh von Selbstanklage spricht. Unsere schöne, selbstverliebte Scheinwelt und ihre Glitzerreklame bringt unsere Kinder um, indem sie ihnen auf allen Kanälen ein falsches Ideal einbläut. Aber hinterher wills keiner gewesen sein, keiner hat Modells per Photoshop schlank gemacht! Aber die eine Dicke aufm Laufsteg, ja, die macht doch den Unterschied, nicht wahr? Und wenn schon die Foto-Software auf dem Handy Filter zum besseren Aussehen an Bord hat, dann muss das eigene Aussehen auch irgendwann mal zum Instagramm-Profil passen. Die Ursachen hier allein bei psychologischen Problemen Einzelner zu suchen, ist Heuchelei - zumal 30% aller minderjährigen Mädchen alles andere ist als "Einzelne."
lachina 02.08.2018
3. Traurige Realität....
als mir eine der 14jährigen Schülerinnen gestand: " Bei uns in der Klasse gibt es keine, die nicht wenigstens versucht, sich den Finger in den Hals zu stellen." Am Anfang erscheint es als DER schlaue Ausweg von "Ich möchte essen UND richtig dünn sein", aber es führt in die Störung, in die Sucht und in die Krankheit. Im Gegensatz zu Magersüchtigen , die bemitleidet werden, finden viele Bulimikerinnen auch noch ekelig, denn das sind doch die "die ******". Vielleicht nochmal den Druck überdenken, der in punkto Gewicht gemacht wird : Auch ein "gesundes" Körpergewicht bedeutet nicht, dass wir alle Größe XS oder S tragen können, denn wir haben verschiedene Körperformen - und das ist gut so.
schwelle 03.08.2018
4.
Solange in der Damen-Modewelt "Curvy" schon ab Konfektionsgröße 38 beginnt und man mit Konfektionsgröße 40/42 schon als stark übergwichtig dargestellt wird, werden gerade junge Mädchen immer in die diese völlig falsche Richtung gedrängt. Natürlich will da keine "dick" sein, also muss man auf jeden Fall dünner als Konfektionsgrösse 38 sein und das notfalls auch mit extremen Mitteln herbeiführen.
egonv 04.08.2018
5.
Ich möchte noch ergänzen, dass offenbar die Wahrnehmung des Wertes von Nahrungsmitteln fehlt. Sicherlich eine Folge des Überflusses der westlichen Welt. Was das "Idealbild" des Gewichts betrifft, so haben wir zwei Fragen: Was ist gesund? Was ist schön? Ersteres müsste nochmal genauer bearbeitet werden. Es scheint keine wesentlichen Gründe zu geben, die z.b. eine Erhöhung des Normal-BMI ausschließen. Gerade im Bereich 25-29 (bisher Übergewicht) liegen bei sonst gutem Lebensstil (Sport, zumindest überwiegend ausgewogene Ernährung) kaum erhöhte Risiken für Krankheiten vor. Das könnte man mal öffentlich stärker verbreiten. Die Frage nach der Schönheit hingegen ist schwieriger. Ich denke es sind nicht unbedingt die Marken, Konzerne etc. der Gedanke schlank sein zu müssen kommt aus der Gesellschaft. Die Models werden daran angepasst, wobei das nicht mehr zeitgemäß zu sein scheint und deswegen im Umbruch ist. Ich finde es ohnehin affig, dass Schönheit so sehr an Gewicht gekoppelt ist. Man kann So und so schön aussehen. Gewicht ist nicht Aussehen und Gewicht ist nicht mal Figur!
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