Debatte um Bundesjugendspiele Der Wettkampf muss bleiben

Jetzt reicht's aber wirklich. Weil ihr unsportliches Kind nur eine Teilnehmerurkunde bekam und deswegen heulte, will eine Helikoptermutter die Bundesjugendspiele abschaffen. Lauf-Guru Achim Achilles fordert: Schafft solche Eltern ab!

Ein Junge hechtet in die Weitsprunggrube: Das ganze Leben ist Wettbewerb
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Ein Junge hechtet in die Weitsprunggrube: Das ganze Leben ist Wettbewerb


Offenbar ist die Leistungsverweigerung, das Bekenntnis zur eigenen Unfähigkeit gerade in der Schule, ein gesellschaftlicher Trend. Anfangs waren es nur Mathe und Naturwissenschaften, die man nicht können durfte, um akzeptiert zu werden.

Jetzt kommt auch das Versagen im Sportunterricht hinzu, der ohnehin viel zu oft ausfällt. Bei Laktoseintoleranzlern und all den anderen Hypersensibelchen dieser Republik werden die Bundesjugendspiele offenbar als Form der frühkindlichen Folter betrachtet.

Das Gegenteil ist richtig: So wie Schüler Computerbedienung, zwei, drei Philosophen und ein wenig Algebra beherrschen sollten, gehören auch die basalen Bewegungsarten der Leichtathletik zu dem, was man früher als klassischen Bildungskanon schätzte. Bewegen an frischer Luft hilft übrigens auch bei Allergien und psychischen Problemen.

Damit bewegungsunkundige Kinder wenigstens einmal im Jahr von ihrem Smartphone aufblicken und die Allergien vergessen, lautet die Parole: Rettet die Bundesjugendspiele! Zehn Gründe, warum die Schulsportspiele ein schützenswertes Kulturgut sind.

1. Laufen, Werfen, Springen - der Dreiklang der Leichtathletik und jedes bewegten Lebens. Kinderärzte schlagen ungehört Alarm, weil Kinder nicht mehr rückwärts laufen geschweige denn sich eine Mauer hochziehen können. Bewegung aber gilt als entscheidend für die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten, kurz: Träge Kinder sind dümmer. Bundesjugendspiele geben den Kleinen zumindest mal eine Idee davon, dass man mit dem Körper mehr machen kann als eine Computermaus zu bewegen.

2. Das ganze Leben ist Wettbewerb. Was ist so schlimm daran, wenn Kinder an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit in festgelegten Disziplinen nach festgelegten Kriterien vergleichbare Leistung erbringen? Genau diese Zuspitzung von Leben finden wir an WM-Finals oder olympischen 100-Meter-Rennen doch so spannend. Man nennt es vorbereiten, fokussieren, Leistung abrufen. Wenn's nicht so läuft, werden halt die Fehler analysiert und weitere Anläufe unternommen.

3. Ja, es wird jemand Letzter. Na und? Damit kann man auch ohne Traumata fertig werden, vor allem, aber nur, wenn man psychisch halbwegs gesunde Eltern hat. Jeder Erwachsene weiß: Es waren nicht unbedingt die Erfolge, die hohen Lernwert bargen, sondern die Schlappen. Kann man Kindern so viel richtiges Leben zumuten? Aber ja. Vor allem, wenn man vorher mal gemeinsam auf den Sportplatz geht und die Kleinen darauf vorbereitet, was da auf sie zukommt. Dazu muss Mutti allerdings mal runter von der Yoga-Matte.

4. Ist es nicht so, dass die guten Sportler nicht unbedingt die Leistungsträger in Deutschaufsatz oder Mathearbeit waren? Eben. Bundesjugendspiele sorgen für mehr Ansehensgerechtigkeit im Klassenverband. Jeder hat halt andere Fähigkeiten.

5. Frische Luft, ohne Helm, ohne Mutti und ihr "Flow"-Abo, womöglich sogar die wundervolle Erfahrung, dass Nieselregen nicht tötet. Tolles Event.

6. Was gibt es Schöneres, als sich 30 Jahre später bei Bier und Grillwurst die wunderbaren Anekdoten von damals zu erzählen? Wie Mandy mit Handtasche unterm Arm und auf Ballerinas beim Weitsprung gewonnen hat? Wie Lars beim Schlagballweitwurf eine Weite von minus drei Metern erzielte, weil ihm beim Ausholen der Ball aus der Hand fiel? Da können die Erlebnisse beim Kindertherapeuten nicht mithalten.

7. Nichts ist schlimmer als adipöse Couch-Bewohner, die sich gehässig über Spitzenathleten äußern, weil sie nur Zweite oder gar Vierte bei der WM wurden. Wer selbst je volle Pulle 100 Meter gerannt ist, bekommt eine ungefähre Idee davon, was Spitzenathleten leisten. Der eigene Kampf bei den Bundesjugendspielen sorgt für ein bisschen mehr Respekt für Leichtathleten, die ihr halbes Leben und ihre Gesundheit investieren, um in wenig publikumswirksamen Disziplinen Erfolg zu haben.

8. Respekt hat auch der Sportlehrer verdient, ein Zeitgenosse, über den gern gespottet wird, vor allem in der Fächer-Kombi mit Erdkunde oder Religion. Einmal im Jahr hat der einzige durchtrainierte Pädagoge im Kollegium seinen großen Auftritt, in hautengen Klamotten. Stolz kann er dem leptosomen Physik-Kollegen seinen Latissimus zeigen und sonnt sich in den verstohlenen Schmachtblicken der Primanerinnen, denen die Jungs aus dem Bio-Kurs viel zu unreif sind.

9. Es soll ja immer noch verborgene Talente in diesem Land geben. Wenn der dicke Manni, über den sonst alle lachen, den Schlagball plötzlich aus dem Stadion feuert, dann sieht jeder: Da schlummert eine Begabung für Diskus, Kugel, Speer oder anderes Wurfgerät. Olympia in Hamburg - go, Manni, go!

10. Die Urkunde vom Bundespräsidenten.



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modellflieger 26.06.2015
1. Wunderschön
Ein richtig witziger Artikel. Kommt bei SPON nicht so oft vor. Er beschreibt das ganze Leben. Die Bundesjugendspiele sind nur der Anlass dazu.
olli118 26.06.2015
2. Wunderbar!
Stimme hundertprozentig zu! Vielleicht noch ein 11. Grund: den meisten Kindern machen die Bundesjugendspiele richtig Spass!
schwarzwald67 26.06.2015
3. Achim Achilles as its best
Super Beitrag. ..deshalb erübrigt sich eigentlich jeder weitere Kommentar
al95 26.06.2015
4. Nie was gerockt
Ich hab die BJS nie gewonnen, sang und klanglos ohne Ehrenrunde und Co. Und trotzdem im selben Zeitraum im Turnen alles gewonnen was es zu gewinnen gibt. Die BJS sagen nicht immer alles aus, aber es ist doch für jeden Schüler ein schulfreier Tag, alle gehen früher und gut. Was bei den Helimüttern falsch läuft versteh ich echt nicht... Aber deswegen so einen Aufstand zu machen? Naja ich weiß nicht.
noxpert 26.06.2015
5. Schafft den Kunstunterricht ab!
Hat die Antragstellerin auch beantragt, die Kunstnoten abzuschaffen sowie Fremdsprachen, Mathe und sowieso gleich die Schule und allgemeinverpflichtende Prüfungen an sich? Zwar rannte ich die 100m in 12,7, schaffte aber nie den "Aufschwung" am Reck. Da ging es mir wie vielen anderen Jungs in meiner Klasse. Oh, was gab es da ein Gejohle unter uns. Die "4" im Winter von Frau .... war nur schwer zu vermeiden, zum Glück gabs noch Volleyball. Achja, und im Kunstunterricht wurde mir fast der Zugang zum Klassenraum verwehrt, wegen nachgewiesener Unfähigkeit. Problematisch ist nur das Mobbing der Klassenkameraden. Hier darf man gerne ansetzen, besonders als Elternteil. Wer aber solche Anträge stellt, impliziert scheinbar, dass Mobbing unvermeidbar sei und deshalb der Wettkampf wegfallen müsste. Trugschluss! in diesem Sinne der noxpert
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