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Freestyle-Turnen: Alter, ab an die Stange!

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Showdown am Reck: Halbnackte Männer lassen beim Calisthenics-Freestyle ihre Muskeln spielen - hängend in der Waagerechten! Turnvater Jahn wäre irritiert von Tattoos und Hip-Hop-Musik.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wo ist nur die Schwerkraft hin? Diese Frage stellen sich wohl alle Zuschauer, die bei einem Calitsthenics-Wettbewerb dicht gedrängt um den Reckstangenpark stehen. Und staunen. Was beim Bar Warz, einem jüngst in Bremen veranstalteten Freestyle-Wettbewerb passiert, dürften die meisten noch nicht gesehen haben. Die Athleten scheinen bei ihrer Show über, unter oder wahlweise auch neben der Metallstangen zu schweben.

Sie halten sich nur mit ihren Händen fest, wenn sie Übungen zeigen, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Die Muskelberge ihrer Oberkörper schieben die Sportler hin und her, als würden sie gemütlich auf einem Stuhl sitzen. Es soll so locker wie möglich aussehen, zittern ist uncool. Schließlich will man in den Battles Mann gegen Mann nicht nur Jury und Zuschauer beeindrucken, sondern auch den Gegner.

Das Wort Calisthenics ist griechischen Ursprungs - "kalos" bedeutet schön und "sthenos" Kraft. Der Sport ist eine Art Turnen für Hip-Hopper. Entsprechend laut wummern die Beats. Zum Style gehören Baggy Pants und Caps - zudem hat das ausgedehnte Muskeltraining reichlich Fläche für Tattoos geschaffen. Das Shirt lassen die Jungs beim Wettkampf gern mal weg - man zeigt, was man hat, und man hat reichlich.

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Calisthenics-Freestyle: König der Stangen
In Deutschland ist die Sportart bisher noch recht wenig verbreitet, sie hat sich aus der Street-Work-out-Szene entwickelt, bei der man die City als Gerätepark nutzt. Irgendwann haben ein paar sportverrückte Jungs die abgeschrammten Reckstangen auf den Spielplätzen ihres Viertels als Fitnessstudio genutzt. Damit die Moves nicht zu sehr nach altbackener Turnerschaft aussehen, kam noch ein Schuss Hip-Hop-Kultur dazu - fertig war der Trendsport.

BarSparta aus dem Eastend und Bartendaz aus Harlem

Zu den Stars der ersten Stunde gehören die Bartendaz aus Harlem. Der Amerikaner Frank Medrano erreicht mit seinen Videos auf Youtube Millionen Menschen. Die Leute von BarSparta aus dem Londoner Eastend kennt jeder in der Szene - aus ihren Reihen kam die Siegerin bei den Frauen. Auch aus Belgien, Bulgarien und Russland sind Athleten am Start. "Die richtig heftigen Jungs kommen derzeit vor allem aus Osteuropa", sagt Organisator Daniel Magel. Der Bremer ist ein Urgestein der Szene.

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Fitness-Übungen: Klassiker und Trends
Als Inklusionspädagoge hat er aus seiner Leidenschaft für den Sport ein soziales Projekt gemacht und Hood Training gegründet. Dank der Initiative steht heute ein perfekt ausgestatteter Calistenics- und Street-Work-out-Park vor den Hochhäusern von Bremen-Tenever. Die Kids kommen gern zum Trainieren. "Wir holen sie von der Straße. Bei uns lernen sie, dass man mit Disziplin und Respekt etwas erreichen kann", sagt Magel. Der Respekt, von dem Magel redet, fällt auch bei den Battles auf: Man beklatscht gelungene Aktionen des Gegners, selbst knappe Juryentscheidungen werden sofort akzeptiert.

Das Event jüngst auf der Bremer Sportmesse "Passion" hat auch Maxim mitorganisiert. Zusammen mit ein paar Kumpels hat er vor drei Jahren in Nordrhein-Westfalen die Beast Brothers gegründet - auch der Deutsche Meister von 2014, Ewald Mironov, gehört dazu. Wer einen Oberkörper wie die beiden haben will, muss reichlich trainieren. Vier- bis fünfmal die Woche gehen Maxim und Ewald an die Stange. Meist wird nur mit Eigengewicht trainiert - Klimmzüge, Planks oder Push-ups in allen möglichen Varianten, um auch noch den hinterletzten Tiefenbauchmuskel anzusprechen.

Um die entsprechende Körperbeherrschung zu erlangen, müssen die Bewegungsabläufe der Übungen verinnerlicht und im Training häufig wiederholt werden, erklärt Maxim. Dazu gehört etwa der Treppensteiger: Der Athlet hängt an der Stange und tut mit seinen Füßen so, als würde er damit beginnen, eine Treppe zu steigen. Gleichzeitig zieht er seinen Oberkörper hoch, bis er in der Waagerechten ist und probiert diese Position möglichst lang zu halten.

Es dauert lange, bis man so was kann. Allerdings rät Maxim Anfängern zur Vorsicht: "Wer Kraftübungen falsch erlernt, kann seinem Körper anatomische Schäden zufügen", sagt er. Zudem seien besonders Sprünge zwischen den Stangen eine enorme Belastung für Gelenke und Kapseln. "Die Kids sehen tolle Moves im Netz und wollen sie nachmachen. Aber das geht auf den Körper", so Maxim. Gutes Auf- und Abwärmen ist wichtig, zudem sollte man sich Anleitung von erfahrenen Athleten holen - schließlich trainiere man ja nicht in einem Turnverein und meist ohne Trainer.

Die Human Flag mindestens drei Sekunden halten

Sprünge zwischen den Stangen, die besonders beim Freestyle Jury und Zuschauer beeindrucken sollen, sind unter den Puristen der Szene eher verpönt. Denn durch Schwung könne man den Kraftmangel gut vertuschen, so die Kritiker. Die Jury bewerte aber ohnehin nach einem genauen Regelwerk: Übungen wie die Human Flag, bei der der Athlet seinen Körper mit den Armen waagerecht von einer Sprossenwand abdrücken muss, werden nur voll gewertet, wenn sie mindestens drei Sekunden sauber gehalten werden.

Die Schwierigkeit des Freestyle-Wettbewerbs, wo die Athleten Mann gegen Mann kämpfen, liegt in der richtigen Mischung aus Kraft, Ausdauer und Taktik. Wer in Bremen weiterkommen wollte, musste gleich in der ersten Runde in seinem einminütigen Programm genug zeigen, um aus den über 40 Teilnehmern herauszustechen. Man braucht aber noch ausreichend Ausdauer für die nächsten Battles. "Zudem muss man seinen Gegner gut einschätzen", sagt Magel. "Wenn der dann richtig einen raushaut, die eigenen Kraft aber aufgebraucht ist, sieht es schlecht aus." Nur Muskeln bringen es deshalb auch nicht, denn die sind schwer - jedes Gramm am eigenen Körper muss man stemmen. "Der perfekte Athlet ist eher klein, leicht und hat genau das richtige Verhältnis von Muskelmasse und Gewicht", sagt Maxim.

Dieses Verhältnis stimmt bei Ritesh Jaddoe auf jeden Fall. Inzwischen zieht ein feiner Schweißgeruch durch die Messehalle, der Niederländer reckt die Fäuste in den Himmel - er hat das Finale nach einem langen Wettbewerbstag gewonnen. Dabei zeichnen sich Dutzende feine Muskelstränge an Jaddoes Rücken ab, er steht mit nacktem Oberkörper da und lässt sich feiern.


Zusammenfassung: Beim Calitsthenics-Freestyle wird Turnen im Stil von Hip-Hop-Battles in einem Reckstangenpark durchgeführt - die Sportart hat sich aus dem Street Work-out entwickelt. Immer zwei Athleten treten gegeneinander an, eine Jury entscheidet, wer weiterkommt. Die Sportler zeigen in ihren Läufen möglichst viel schwere Übungen, die sie miteinander kombinieren. Inzwischen gibt es eine weltweit wachsende Szene - statt in Vereinen organisieren sich die Sportler in Crews.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Schöner Bericht!
jane_numeco 30.03.2016
Vielen Dank für den Bericht. Wenn jemand jetzt Lust aufs Training bekommt. Trainingsplätze auf der ganzen Welt mit Klimmzustangen und Barren findet ihr hier: http://calisthenics-parks.com
2.
#jutta 30.03.2016
Zitat von jane_numecoVielen Dank für den Bericht. Wenn jemand jetzt Lust aufs Training bekommt. Trainingsplätze auf der ganzen Welt mit Klimmzustangen und Barren findet ihr hier: http://calisthenics-parks.com
Danke!! Hab gerade einen bei mir in der Nähe gefunden den ich noch nicht kannte :)))
3. Zerrungen heilen nicht mehr so schnell wie damals, als wir noch jung und naiv waren
matimax 30.03.2016
Ja, als alter Sack in der entsprechenden Lebensphase will ich auch noch mal reißen, z.b. den Klimmzug mit umsetzen. Schließlich hat ein sechzigjähriger Opa das auch geschafft https://www.youtube.com/watch?v=bBkeUO_Wy8I Aber Vorsicht! Hannibal empfiehlt jedem, der das Umsetzen erlernen möchte, erst mal 20(!) "explosive" Klimmzüge mit enger Handhaltung ohne Unterbrechung. Ich hab's mit viel Ehrgeiz versucht und zu schnell zu viel gewollt. Das Resultat: eine monatelange, schmerzhafte Schulterzerrung - ich dachte schon, die würde mich für den Rest meines Lebens begleiten. Puhh, noch mal Glück gehabt. Bin nach langer - zu spät gestarteter - totaler Trainingspause wieder komplett genesen. Nun versuche ich es noch einmal. Diesmal aber gaaaanz vorsichtig, vor allem bei den explosiven Klimmzügen Klimmzugdemo ab Minute 3, https://www.youtube.com/watch?v=v6iQnGq55po
4. Ich finde...
fatherted98 31.03.2016
...diese Sportart (wenn man es so nennen darf) einfach nur toll und beeindruckend. Was da diese Turner Typen (darf man das sagen?) schaffen ist der Wahnsinn...vor allem wenn man sich die Jungs aus den USA auf Youtube anschaut....unglaublich.
5. Einfach krass
vukoff 31.03.2016
Als Anfänger insbesondere in gehobenem Alter wäre ich extrem vorsichtig mit dem Einstieg in die Welt der Klimmzüge. Sicherlich ist es eine sehr geile Übung aber falsch ausgeführt kann man sich herrlich den Schulter- und Nackenbereich zerschießen. Lieber mit Lat- Zug oder stark verringertem Eigengewicht beginnen um den Bewegungsablauf zu lernen und die Muskeln aufzubauen die man benötigt. Das was die Jungs da schaffen ist unglaublich krass und verdient Respekt. Gefühlte 90 % der deutschen sind ja schon mit 10 Liegestützen überfordert...
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