Canicross: Herrchen, jetzt lauf doch endlich!

Wie Jogger schneller werden? Indem sie sich von einem Hund ziehen lassen. Kein Witz. Canicross heißt der Sport. Profi-Schlittenhundführer Herbert Thinnes erklärt im Interview mit achim-achilles.de, wie Hund und Läufer ein Team werden, wie man den Vierbeiner motiviert und was "Haw" und "Gee" bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Thinnes, wo besteht der Unterschied zwischen Canicross und Gassigehen?

Thinnes: Canicross ist eine Sportart: Querfeldeinlaufen mit Hund. Sie sind mit dem Hund an einer Zugleine verbunden und tragen einen Gurt um den Körper. Der sieht aus wie bei den Gewichthebern, so eine Art Nierenschutz, der über den Rücken geht. Der Hund rennt vorweg und zieht den Menschen hinter sich her.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht gefährlich?

Thinnes: Nein, überhaupt nicht. Canicross ist aus dem Schlittenhundesport entstanden. Die Hunde wollen ziehen und sind durch den speziellen Gurt geschützt. Der Läufer kann den Hund jederzeit abbremsen. Das Tier merkt es an der Leine.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hunde sind für Canicross geeignet?

Thinnes: Skandinavische Hounds sind die Kenianer unter den Hunden. Eine Mischung aus Schlittenhund und Jagdhund. Border Collies, Alaskanische Huskys, auch Dalmatiner oder Schäferhunde. Man kann aber mit jedem Hund laufen, der größer ist als das Gras der Wiese. Fünf Kilometer - die schafft sogar ein Dackel.

SPIEGEL ONLINE: Mit einem Dackel könnte man wohl gerade noch so mithalten…

Thinnes: Da würden Sie sich aber wundern. Wenn so ein Heißsporn von Dackel loslegt, haben viele schon Schwierigkeiten hinterherzukommen. Bei Canicross-Wettkämpfen ist nicht die Größe des Hundes entscheidend, sondern das Alter der Person. Sie laufen immer in einer Klasse von Gleichaltrigen. Da hat man mit dem Dackel kaum Chancen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Grundproblem ist: Hunde sind viel schneller als Menschen.

Thinnes: Das stimmt. Wenn ein Mensch 15 km/h läuft, ist das schon sehr gut, der Hund aber läuft das Tempo im Trab. Nicht nur, weil er vier Beine hat. Sie müssen den Hund so weit kriegen, dass er im gestreckten Galopp läuft, 17 bis 18 km/h. Wenn sie ihn in dieser Geschwindigkeit halten können, dann hilft ihnen der Hund beim Laufen. Er zieht sie im Rücken mit und geht wieder auf Zug.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt aber auch, dass ich als Läufer so schnell laufen muss, dass sich der Hund nicht langweilt.

Thinnes: Genau. Wenn ein sehr guter Läufer 20 km/h läuft, läuft er am Limit. Der Hund ist aber in der Lage, noch mal den Turbo einzuschalten. Wenn Sie zu langsam rennen, gockelt er so nebenher und ist nicht angespornt.

SPIEGEL ONLINE: Normalerweise läuft man mit seinem eigenen Hund, Sie haben aber mit einem Lauftrainer ein Experiment gewagt …

Thinnes: Ja, wir haben Teams gebildet, aus Top-Mittelstreckenläufern und den schnellsten Hunden. Ingo Babbel ist Lauftrainer und hat zehn Sportler gestellt, und ich habe die Schlittenhunde mitgebracht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihre Hunde mit den fremden Läufern vertraut gemacht?

Thinnes: Ich habe 22 Schlittenhunde, aus denen ich für die Läufer innerhalb von zwei Monaten den passenden Hund raussuchen musste. Wir haben zwei, drei Hunde mit jedem Läufer getestet. Die Sportler mussten zweimal die Woche mit den Hunden spazierengehen, mit ihnen spielen und Vertrauen aufbauen. Hunde sind ja keine Autos, die man aus der Garage holt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Canicross-Saison erfolgreich abgeschlossen.

Thinnes: Ja. Das hat es noch nie in Deutschland gegeben: Dass Spitzenläufer, die selber keinen Hund haben, mit fremden Tieren an Wettkämpfen teilnehmen - und sogar Deutscher Meister werden (Nina Windhausen - d. Red.). Spitzenläufer laufen die 5000 Meter mit Hund im Übrigen vier bis fünf Minuten schneller als ohne Hund.

SPIEGEL ONLINE: Das ist enorm. Woher weiß der Hund bei Wettkämpfen eigentlich, in welche Richtung er laufen muss?

Thinnes: Der Hund läuft nicht nur mit den Augen, sondern vor allem mit der Nase. Zu 75 Prozent läuft er der Nase nach. Und meist ist auf der Strecke schon mal ein anderer Hund gelaufen. Meine Schlittenhunde kennen auch die Kommandos: Voraus und Go! Links und rechts verstehen sie auch. In der Musher-Szene (Hundeschlittenführer - d. Red.) sagen alle "Haw" für links und "Gee" für rechts. Das ist so ähnliche wie Hü und Hott bei Pferden. Bei Wettkämpfen gibt es zudem Streckenposten und ein tiefes Flatterband. Orientierung ist kein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Wie vermeiden Läufer, dass der Hund nicht plötzlich einem Hasen hinterherläuft?

Thinnes: Meine Hunde sind trainiert und wissen, dass man das nicht macht. Ansonsten muss man sie energisch ansprechen. Eine normale Erziehungsmethode ist, sie kurz ins Genick zu packen und zu schütteln. Das ist der Muttergriff, der den Welpen schon von der Mutter beigebracht wird. Aber der Jagdtrieb ist normal. Hunde wittern einen Hasen schon, bevor sie ihn gesehen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommuniziere ich mit dem Hund? Während eines Wettkampfs habe ich doch kaum Puste zum Reden.

Thinnes: Sie achten auf den Schwanz des Hundes, die Feder. Das ist sein Steuergerät. Zeigt der Schwanz gerade nach hinten, ist der Körper ausbalanciert. Alles in Ordnung. Hat er den Schwanz zwischen den Beinen, hat er Angst. Geht die Rute nach oben, hat der Hund irgendwas anderes im Sinn. Dann hat er eventuell einen Hasen gewittert und ich muss ihn sofort ansprechen, sonst macht er einen Satz zur Seite. Kreist die Feder, muss man sofort anhalten. Dann hat der Hund Kreislaufprobleme. Das kommt aber bei Strecken von fünf Kilometer Länge nicht vor.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Schlittenhunde sind wahre Marathonläufer. Was geben Sie den Hunden zu essen?

Thinnes: Die richtige Ernährung ist extrem wichtig. Meine Hunde sind Hochleistungssportler. Ich kann den Hunden kein minderwertiges Dosenfutter geben und dann erwarten, dass sie bei Minus 20 Grad 30 Kilometer oder mehr laufen. An Wettkampftagen kriegen sie morgens eine selbstgemachte Fleischbrühe, nach dem Lauf eine Kleinigkeit und abends hochwertiges Power-Futter.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie die Hunde ansonsten fit?

Thinnes: Viel wichtiger als essen ist trinken. Die Hunde können 14 Tage ohne Futter auskommen, aber nur drei Tage ohne Wasser. Sie brauchen ein bis eineinhalb Liter Wasser, wenn sie Wettkämpfe laufen. Und ich achte darauf, dass meine Hunde immer neun Stunden schlafen. Das ist ganz wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird man eigentlich Hundeschlittenführer?

Thinnes: Ich habe meine Hunde in den siebziger Jahren aus den USA mitgebracht. Seither mache ich das. Aber es ist sehr fordernd. Ich danke meiner Frau, dass sie das alles so klaglos mitmacht. Mein letzter Sommerurlaub ist rund 40 Jahre her. Schließlich kann ich niemanden bitten, mal zwei Wochen auf meine 22 Hunde aufzupassen.

Das Interview führte Frank Joung

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insgesamt 22 Beiträge
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    Seite 1    
1. Caress Of Steel
rudolf_mendt 31.01.2013
Spitzenläufer laufen die 5000 Meter in vier bis fünf Minuten? Respekt, respekt. Das dürfte die Doping-Debatte neu entfachen. Neue Wundermittel? Die Ehefrau mit Nudelholz oder Gläubiger auf den Fersen? Der Autor ist anscheinend noch nie selber gelaufen... Selbst auf der Seite von unserem Wunderläufer braucht ein Durchschnittsläufer nur 12 Minuten für 5 km Crosslauf. Zur Info: der WR für 5000 Meter liegt bei 12:37.
2. Lasst das lieber bleiben...
Micael54 31.01.2013
Für die meisten großen Hunde ist das wegen Hüft-Dysplasie sehr schädlich. Besonders auch für die im zweiten Bild gezeigten Doggen. Ganz wichtig: Schäferhund und Schlittenhund sehen sich sehr ähnlich, sind aber vom Knochen- und Gelenkebau her sehr unterschiedlich.
3.
SabineHäberle 31.01.2013
Zitat von rudolf_mendtSpitzenläufer laufen die 5000 Meter in vier bis fünf Minuten? Respekt, respekt. Das dürfte die Doping-Debatte neu entfachen. Neue .....
Wie heisst es so schön: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Da steht:
4. ...
j-d 31.01.2013
Zitat von rudolf_mendtSpitzenläufer laufen die 5000 Meter in vier bis fünf Minuten?
Nein, so steht das da nicht. Da steht vier bis fünf Minuten schneller als üblicherweise ohne Hund. Wenn ich also 5km in 28min ohne Hund schaffe, könnte es mit Hund eine gute 23er Zeit werden. Klingt doch gut, vor allem, wenn´s dem Hund auch noch Spass macht.
5. der Schlüssel zum Verständnis...
calusix 31.01.2013
... liegt in den Worten "... vier bis fünf Minuten schneller als ohne Hund. ..."
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Zur Person
  • Hubertus Busch
    Herbert Thinnes, 62, ist einer der bekanntesten und ältesten Hundeschlittenführer (Musher) in Deutschland. In den siebziger Jahren brachte er seine Hunde aus den USA mit. Seit 40 Jahren betreibt Thinnes den Hundeschlittensport. Er lebt mit seiner Frau und seinen 22 Schlittenhunden - alaskanische Huskys und skandinavische Hounds - in Nettetal in Nordrhein-Westfalen. Im Oktober 2012 initiierte er zusammen mit dem Lauftrainer Ingo Babbel den 1. Canicross Run Nettetal.
  • Homepage Canicross -NRW

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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.