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23. November 2011, 12:11 Uhr

Chemikalie Bisphenol A

Aus der Konserve in den Körper

Nur ein paar Dosensuppen reichen aus, um die Konzentration der umstrittenen Chemikalie Bisphenol A im Körper um ein vielfaches zu erhöhen. Die Substanz aus der Innenbeschichtung von Konserven stört vermutlich die Fortpflanzung, verändert das Erbgut und löst Diabetes aus.

Hamburg - Große Aufkleber prangen auf neuen Schnullern und Babyflaschen: "BPA-free" steht drauf, denn in den Plastikprodukten ist kein Bisphenol A (BPA) mehr enthalten. Die Chemikalie steht unter dem Verdacht, die Gehirnentwicklung von Föten, Säuglingen und Kleinkindern zu schädigen. Und auch für Erwachsene ist der Polymerbaustein möglicherweise gefährlich: Mehrere Studien weisen darauf hin, dass BPA die Fortpflanzung stört, das Erbgut verändert, Diabetes auslöst, Erektionsprobleme verursachtund Herz und Kreislauf negativ beeinflusst.

Doch längst nicht aus allen Spielzeugen, Alltagsgegenständen und Verpackungen ist das oft verzichtbare BPA verbannt worden: Konservendosen etwa sind häufig mit Epoxidharzen ausgekleidet und die bestehen aus BPA. Schon kurz nach dem Verzehr von Dosensuppen lassen sich deutlich erhöhte Werte der Substanz im Urin von Testpersonen nachweisen, berichten US-Forscher jetzt im Fachblatt "Jama". Die Wissenschaftler um Jenny Carwile teilten 75 Probanden in zwei Gruppen ein: Die eine Hälfte bekam mittags eine Dosensuppe zu essen, die andere ein frisch zubereitete Suppe. Nach zwei Tagen wechselten die Gruppen ihre Nahrungsmittel, damit alle eine ähnliche anzunehmende Vorbelastung hatten - allerdings durften sie sich ansonsten ernähren, wie sie wollten.

Am vierten und fünften Tag der Untersuchung gaben die Teilnehmer Urinproben ab. Bei 58 von ihnen wiesen die Forscher Bisphenol A nach, nachdem sie frisch zubereitete Suppe gegessen hatten. Nach den Dosenmahlzeiten fanden die Wissenschaftler bei allen Probanden BPA - und das in vergleichweise extrem hohen Mengen: Während die Frischkost-Konsumenten eine BPA-Konzentration im Urin von 1,1 Mikrogramm pro Liter hatten, lag die Konzentration in der Konservendosen-Gruppe bei 20,8 Mikrogramm pro Liter.

Von den Ergebnissen waren auch die Forscher überrascht: "Die beobachteten BPA-Konzentrationen nach Konservensuppen-Kost sind die extremsten bislang gemessenen", schreiben die Wissenschaftler in "Jama". Vermutlich handele es sich nur um vorübergehende Spitzen, doch die Erkenntnisse könnten vor allem für Menschen wichtig sein, die viel Konserven-Nahrung zu sich nehmen.

Immer wieder sorgt die Chemikalie für Schlagzeilen. BPA findet Verwendung bei der Herstellung von Kunststoffen, aus denen viele Alltagsgegenstände produziert werden. Darunter befinden sich etwa Verpackungsmaterialien, über die auch zahlreiche Lebensmittel in Kontakt mit der Chemikalie gelangen können.

hei

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