Gesundheit

Anzeige

Clean Eating

"Nicht das Gefühl haben, in ein Stück Pappe zu beißen"

Immer mehr Cafés bieten Clean Eating an, Larissa Häsler hat sich dem Trend verschrieben. Im Interview erklärt sie, was zum sauberen Essen gehört und warum dunkle Körnerbrötchen Mogelpackungen sind.

imago/ Jochen Tack

Wochenmarkt auf dem Marktplatz in Tübingen

Samstag, 30.07.2016   14:28 Uhr

Anzeige

SPIEGEL ONLINE: Frau Häsler, Woher kommt der Clean-Eating-Trend?

Häsler: Eigentlich ist es kein neuer Trend, sondern ein Schritt zurück zum Essverhalten von früher: Dinge, die Garten und Natur hergeben und nicht von der Lebensmittelindustrie in Laboren gemischt wurden. Der Begriff und die Popularität kommen primär aus den USA. Clean Eating klingt einfach hipper als "Essen wie Oma".

Anzeige

SPIEGEL ONLINE: Wie esse ich beim Clean Eating denn genau?

Häsler: Es gibt nicht die eine Definition, wie beispielsweise bei veganer Ernährung. Was Clean Eater eint, ist, dass sie weitestgehend unverarbeitete, regionale und saisonale frische Lebensmittel verwenden. Meistens wird auf dem Markt oder im Biomarkt eingekauft, und häufig wird vieles, wie Brot, selbst gemacht.

Anzeige

Harte Regeln gibt es eigentlich nicht. Es geht vor allem darum, sich mit dem, was man isst, auseinanderzusetzen und auszukennen - dass man weiß, woher es kommt und was es mit dem Körper macht.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt wirklich nichts, das verboten ist?

Häsler: Was sicher nicht in den Ernährungsstil passt, sind Sachen wie Fast Food, Schokoriegel und Gummibärchen. Generell werden stark verarbeitete Produkte und Haushaltszucker vermieden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Veganerin - ist Clean Eating automatisch vegan?

Häsler: Nein. Es gibt auch einige Clean Eater, die Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte essen. Tatsächlich kommt die Kombination clean und vegan aber häufig vor. Ich habe früher auch getönt, dass ich niemals vegan werde. Mir kamen diese Menschen zu radikal vor - seit zwei Jahren esse ich nichts Tierisches mehr.

SPIEGEL ONLINE: Ansonsten halten Sie sich dogmatisch daran?

Häsler: Nein, so eine verkrampfte, totalitäre Einstellung bringt meiner Meinung nach nichts. Schließlich soll Essen auch Genuss sein. Es kommt auf das große Ganze an. Wenn man sich prinzipiell gesund ernährt, sind Ausnahmen kein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Lieblingsausnahme?

Häsler: Dunkle Schokolade! Ich esse auch mal ein Stück Kuchen, wenn ich Lust darauf habe. Mit der Zeit verliert man jedoch das ständige Verlangen nach Süßem. Wenn der Süßhunger doch mal kommt, dann genieße ich bewusst, esse aber keine Unmengen. Eine Tafel Schokolade reicht bei mir häufig einen Monat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Klassiker wie eine Packung Mehl oder Zucker im Regal?

Häsler: Statt Weißmehl habe ich Dinkelvollkornmehl. Statt Zucker gibt es bei mir Kokosblütenzucker und Agavendicksaft. Im Regal steht auch eine Dose Xylit. Aber ich finde, man sollte so wenig wie möglich nachsüßen und wenn doch, dann mit ganzen Früchten oder Trockenfrüchten, damit sämtliche Nährstoffe und Ballaststoffe mit aufgenommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum nutzen Sie die Süßungsalternativen dann in Ihren Rezepten?

Häsler: Es soll nicht zu gesund schmecken. Gerade für Menschen, die sich neu mit dem Clean Eating Prinzip beschäftigen, kann es auch geschmacklich eine Umstellung sein. Der Neuling soll nicht das Gefühl haben, er würde in ein Stück Pappe beißen. In den meisten Rezepten können die Zuckeralternativen weggelassen werden.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt eigentlich verarbeitet?

Häsler: Faustregel: Iss nichts, was mehr als fünf Inhaltsstoffe hat oder Zutaten beinhaltet, die man nicht aussprechen kann oder die nach Labor klingen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Häsler: Der Alltag vieler Menschen ist heutzutage recht gehetzt. Der Markt hat sich angepasst, und es gibt eine Flut an Fertigprodukten, denen zum Beispiel Zucker, Stabilisatoren und Konservatoren zugeführt wurden. Diese Zusatzstoffe halte ich aber für schlecht für unseren Körper. Zusätzlich werden vielen Produkten auch wichtige Nährstoffe entzogen, die wir eigentlich brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Wie zum Beispiel?

Häsler: Mehl. Die ganzen Nährstoffe stecken in der Schale. Die wird für das gebräuchlichste, nämlich Weißmehl, entfernt. Bei Vollkornmehl bleiben sämtliche Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe enthalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Studentin - gehen Sie in die Mensa?

Häsler: Nein, da gibt es nichts, was meiner Vorstellung entspricht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Restaurants?

Häsler: Ich schätze, 97 Prozent koche ich selbst. Wenn ich mal essen gehe, achte ich darauf, dass es vegan ist - das mit dem clean ist dann zweitrangig. Sicher, ich kann eine Pizza ohne Käse bestellen, aber welcher Italiener hat schon einen Vollkornboden?

SPIEGEL ONLINE: Das klingt umständlich.

Häsler: Umständlich ist es eigentlich nur unterwegs. Mal eben einen Snack auf die Hand bekommt man in Städten wie Fulda nur schwer - höchstens beim Biobäcker, die haben oft auch Kleinigkeiten zusätzlich zu den Backwaren. In Großstädten wie Berlin ist es bestimmt einfacher.

SPIEGEL ONLINE: Aber ein dunkles Körnerbrötchen gibt es doch bei jedem Bäcker?

Häsler: Dunkel ist nicht gleich gesund - im Gegenteil. Die meisten braunen Brötchen sind heutzutage mit Malzsirup eingefärbt, um gesünder auszusehen. Tatsächlich haben sie durch den Sirup aber mehr Zucker als herkömmliche Brötchen, und aus Vollkornmehl sind sie sicher nicht. Die Körner und die Farbe täuschen leider oft.

Von Ellen-Jane Austin

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH