Lebensmittel aus der Mülltonne "Was Bioläden wegwerfen, ist unglaublich"

Mülltaucher, auch Containerer genannt, durchstöbern den Abfall von Supermärkten nach Lebensmitteln. Sie ernähren sich von dem, was die Geschäfte wegwerfen - das ist eine ganze Menge. Ihre Aktionen sind allerdings illegal.

Supermarktregale: Den Wert der Lebensmittel schätzen
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Supermarktregale: Den Wert der Lebensmittel schätzen

Ein Interview von


Zur Person
Pedro (der Name ist ein Pseudonym) ist 42 Jahre alt. Der diplomierte Biologe lebt in einer Großstadt im Rhein-Main-Gebiet. Er geht seit Jahren regelmäßig containern.
SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie zum Containern gekommen?

Pedro: Während des Studiums habe ich in einem Hotel gearbeitet, das viele Lebensmittel weggeworfen hat, teilweise verpackte. Die Mitarbeiter durften nichts davon mitnehmen. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Dann bin ich im Internet über Leute gestolpert, die containern. Jetzt mache ich es seit vier Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Aus ethischen oder aus finanziellen Gründen?

Pedro: Sowohl als auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft ein Containergang ab?

Pedro: Ich gehe nach Anbruch der Dunkelheit und mindestens eine Stunde nach Ladenschluss mit einer Stirnlampe, Gummihandschuhen und ein paar Tüten los. Entweder allein mit dem Rad oder mit anderen zusammen im Auto. Hundert Meter vorm Geschäft mache ich alle Lichter aus, nähere mich langsam den Mülltonnen. Und dann fange ich an - leise und schnell. In einer Nacht arbeite ich mehrere Spots ab.

SPIEGEL ONLINE: Durchstöbern Sie auch die Mülltonnen von Restaurants?

Pedro: Restaurants lohnen sich nicht. Wir waren einmal bei einem McDonald's. Dort war auf dem Boden eine zentimeterdicke Fettschicht, das hat uns so geekelt, dass wir's gelassen haben. Wir containern fast nur bei Supermärkten - Discounter, Biomärkte, Großverbrauchermärkte.

SPIEGEL ONLINE: Ekelt Sie das nicht, im Müll zu wühlen?

Pedro: Anfangs war da eine Mischung aus Angst, Respekt und vielleicht auch Ekel. Aber mittlerweile ist es fast schon Routine.

SPIEGEL ONLINE: Sind im Mülleimer Ratten?

Pedro: Ich habe noch keine gesehen, aber an einer Stelle gibt es manchmal Lebensmittel mit Bissspuren. Die esse ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Mülltonnen gesichert?

Pedro: Die meisten sind frei zugänglich. Es gibt oft Bewegungsmelder, manchmal Kameras. Aber die kümmern uns nicht, weil sie nur bei einem Einbruch ausgewertet werden. Es gibt einen Spot, wo ich unter einem Zaun durchklettern muss, das ist leider auch der beste.

SPIEGEL ONLINE: Containern Sie bei Privatleuten?

Pedro: Nein, das lohnt sich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft gehen Sie containern?

Pedro: Einmal pro Woche.

SPIEGEL ONLINE: Bekommen Sie dabei alle Lebensmittel, die Sie brauchen?

Pedro: Ja, ich muss eigentlich gar nicht mehr einkaufen gehen, allenfalls noch Getränke. Ich finde manchmal sogar auch Nicht-Lebensmittel: Kleidung, Rasierer, alles Mögliche wird weggeworfen.

SPIEGEL ONLINE: Findet man zur Weihnachtszeit besondere Leckerbissen?

Pedro (lacht): Oh ja, viel Schokolade natürlich. Nach Fest- und Feiertagen wird allgemein sehr viel weggeworfen. Vor allem an Neujahr, weil eine Menge Haltbarkeitsdaten aufs Jahresende datiert sind.

SPIEGEL ONLINE: In welchem Zustand sind die Lebensmittel?

Pedro: Das ist sehr verschieden. Bei Discountern findet man zuweilen recht unappetitliche Sachen. Aber ich habe Handschuhe an und wasche alles zu Hause. Je teurer das Geschäft, desto bessere Lebensmittel werden weggeworfen. Bei Bioläden beispielsweise. Was die wegwerfen, ist einfach unglaublich.

SPIEGEL ONLINE: Sind das immer Lebensmittel, die abgelaufen sind?

Pedro: Größtenteils ja, aber das Mindesthaltbarkeitsdatum ist in meinen Augen Verbrauchertäuschung und dient nur den Produzenten. Lebensmittel werden nicht von einem Tag auf den anderen schlecht. Meine Oma hat mir beigebracht, dass man auf seine Sinne vertrauen soll. Das hat jahrhundertelang gut geklappt. Das Mindesthaltbarkeitsdatum gibt es erst seit den Achtzigern.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das mit Fleisch, Fisch und Eiern?

Pedro: Die finde ich nicht so häufig, und natürlich bin ich da vorsichtiger. Eier kann man leicht prüfen: Wenn sie in Wasser schwimmen, sind sie nicht mehr genießbar.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich schon mal den Magen verdorben?

Pedro: Nein. Im Zweifel werfe ich das Lebensmittel weg. Ich weiß auch nur von einem Containerer, der einmal Durchfall bekommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat das Containern Ihre Ernährung beeinflusst?

Pedro: Ich gehe sehr bewusst mit Lebensmitteln um, versuche aus allem etwas zu machen. Ich bin kein Vegetarier oder Veganer, Biolebensmittel bevorzuge ich, aber ich nehme alles, was ich kriegen kann. Mir geht es darum, nichts zu verschwenden.

SPIEGEL ONLINE: Wie verbringen Sie Weihnachten?

Pedro: Ganz normal mit meiner Familie, ich werde auch den Gänsebraten essen, den meine Mutter sicherlich wieder kochen wird. Sie ist vom Containern nicht begeistert, akzeptiert es aber. In meiner Familie wissen es nicht alle. Stellen Sie sich vor, wenn die Kinder meiner Geschwister das in der Schule erzählen würden - die würden gemobbt werden. Das möchte ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie mal erwischt?

Pedro: Ja, mehrmals von Supermarktmitarbeitern. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Manche dulden es, manche schicken uns weg. Mit der Polizei hatten wir bisher selten Kontakt. Einmal konnten wir uns rausreden, ein anderes Mal war ich allein, und der Polizeibeamte hat mich laufen lassen

Mülltauchen, Dumpstern, Containern
Die Begriffe sind synonym und bezeichnen den Vorgang, weggeworfene und noch verzehrbare Lebensmittel aus Mülltonnen zu holen und sich davon zu ernähren. Weitere Bezeichnungen (in USA und England): garbage picking, dumpster diving, skipping. Die Motive von Mülltauchern können ethischer Natur sein, beispielsweise eine kritische Haltung zur Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Aber viele tun es auch aus finanziellen Gründen, zum Beispiel Studenten. Mülltaucher müssen auch nicht zwingend einer besonderen ethischen Überzeugung unterliegen, sind daher nicht unbedingt Freeganer. Auch ihre Ernährungsweise ist in der Regel normal, Mülltaucher sind also auch nicht automatisch Vegetarier oder Veganer. Weitere Informationen dazu findet man etwa unter containern.de.
Freeganismus
Freeganer stehen dem Konsumsystem generell kritisch gegenüber und versuchen, ihren Lebensunterhalt allein durch Gegenstände und Lebensmittel zu bestreiten, die sie geschenkt bekommen oder im Abfall finden.
Rechtslage
Containern ist in Deutschland illegal. Weggeworfenes gehört nach dem Abfallrecht so lange dem Besitzer, bis der Abfall abgeholt ist. Zudem kann der Tatbestand des Hausfriedensbruchs vorliegen, wenn Containerer Grundstücke betreten und der Eigentümer Anklage erhebt. Dennoch ist es sehr selten, dass gegen Containerer ein Strafantrag gestellt wird, die meisten Strafanträge werden wegen Geringfügigkeit eingestellt.
Weggeworfene Lebensmittel
Nach einer Studie des Verbraucherministeriums aus dem Jahr 2012 landen pro Jahr in Deutschland etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll (die Zahlen sind Hochrechungen und schwanken). Zum größten Teil (61 Prozent) werden Lebensmittel in den Haushalten weggeworfen. Die restlichen Abfallmengen verteilen sich auf Großverbraucher, zum Beispiel Gastronomie, Schulen, Krankenhäuser (17 Prozent), Industrie (17 Prozent) und Handel (fünf Prozent).
Supermärkte und abgelaufene Lebensmittel
Mit fünf Prozent, also 550.000 Tonnen pro Jahr, hat der Handel einen eher kleinen Anteil an der Verschwendung von Lebensmitteln in Deutschland. Etwa 200.000 Tonnen davon geben Supermärkte laut einer Studie des EHI Retail Institute GmbH pro Jahr an karitative Einrichtungen ab. Supermärkte gehen sehr unterschiedlich mit Lebensmitteln um, die kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stehen oder abgelaufen sind. Einige Supermärkte bieten solche Lebensmittel vergünstigt an. Manche geben einzelne Lebensmittel umsonst an Mitarbeiter oder an karitative Einrichtungen.
Mindesthaltbarkeitsdatum
Auf verpackten Lebensmitteln zeigt das Mindesthaltbarkeitsdatum an, bis wann der Verbraucher das Lebensmittel ohne Qualitätsverlust und ohne Gesundheitsrisiko verzehren kann. Das Mindesthaltsbarkeitsdatum ist jedoch kein Verfallsdatum, Lebensmittel sind in der Regel auch danach noch genießbar, viele sogar weit darüber hinaus. Sie dürfen dann auch noch verkauft werden.
Verbrauchsdatum
Bei leicht verderblichen Lebensmitteln wie Fleisch und Fisch ist ein Verbrauchsdatum angegeben, bis zu dem das Nahrungsmittel verzehrt sein sollte. Danach besteht Gesundheitsgefahr, weil Keimbefall droht, und sie dürfen nicht mehr verkauft werden.
Foodsharing
Auf Plattformen wie foodsharing.de kann jeder Lebensmittel anbieten, statt sie wegzuwerfen.

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
willi.zett 25.12.2014
1. containern
Ich komme gerade eben zurück vom Containern. War wieder sehr erfolgreich. Seit acht Jahren mache ich das regelmäßig. Die Kinder sind inzwischen aus den Haus, kommen aber immer wieder gerne vorbei, wenn ich von allem zu viel habe. Wie der Herr Pedro schon sagte, Getränke sind Artikel die kaum bis gar nicht vorkommen. Bei uns sind allerdings sehr viel Fleischwaren, auch sehr viele, die noch nicht abgelaufen sind. Man kann sehr wählerisch sein. Was macht man mit 50 kg originalverpackter Butter? Man verschenkt sie weiter. Ich mache auch kein Hehl daraus, daß ich containere. Nur einmal kam ein Wachmann, traute sich aber nicht mich davon abzuhalten. Bei uns auf dem Lande kommt auch keine Tafel vorbei um die überschüssigen Lebensmittel abzuholen. Es gibt allerdings inzwischen große Konkurrenz. Trotzdem, ich werde es nicht lassen, denn jetzt als Rentner habe ich noch mehr Zeit dafür.
shine2 25.12.2014
2. 2 Punkte sind mir...
nicht so wirklich klar. Es liegt doch im Lauf der Produktion, daß eine H-Milch, Glaskonserve oder Schokolade eben das MHD Ende 2014 oder 31.12.14 trägt. Warum nun zum Ende des Jahres ein Mehr an diesen Lebensmitteln weggeworfen werden soll, kann ich nicht nachvollziehen. Zumindest nicht nach Blick in mein Vorratsregal. Vor einigen Jahren war ich als ehrenamtlicher Abholer bei der Tafel in einer mittelgroßen hessischen Stadt unterwegs. Auf der Tour standen sicherlich bis zu 20 bekannte Supermärkte, Discounter und Bäckereiketten. Mir ist es nicht in Erinnerung, daß die Tonnen für die Entsorgung jedermann frei zugänglich waren, sondern immer in der verschlossenen Warenannahme oder angebauten "Käfigen". Für mich nicht ganz nachvollziehbar, daß diese meist? wohl nur irgendwo an der Außenwand o.Ä. herumstehen sollen. Das müßte ja einen richtigen "Run" auslösen, wenn sich das sicher herumgesprochen hat. MfG Shine und frohe Weihnachten
Laurent Sonny 25.12.2014
3. Finde ich gut
das Containern. Das Ausmaß an weggeschmissenen Lebensmitteln, die noch gut genießbar sind, finde ich extrem. Gerade bei Früchten die Schönheitsmakel haben wie krumme Gurken oder zu kleine Äpfel ist es tragisch, da dies alles problemlos essbar ist, sie nur einfach "krumm" sind.
MisterD 25.12.2014
4. Hand aufs Herz...
Wer würde einen Supermarkt anzeigen, wenn er vom Lebensmittel innerhalb des MHD eine Lebensmittelvergiftung kriegt, weil es zu lang gewählt wurde? Wer lässt im Supermarkt die weichen Tomaten oder Äpfel mit leichten Schorfstellen liegen und kauft nur die schönen Lebensmittel? Wer wäre zufrieden, wenn der Supermarkt nicht jederzeit ALLES vorrätig hat? Und zu guter Letzt: Studien zeigen, dass die Endverbraucher für fast 60% des Mülls verantwortlich sind. Der Handel für gerade mal 5%. Die wollen ja auch verdienen. Noch weniger werfen Restaurants weg.
archback 25.12.2014
5.
Da die Mülltonnen der Supermärkte meist auf verschlossenen Hinterhöfen stehen, muss man regelrecht einbrechen, d.h. Zäune überklettern oder Schlösser knacken. Ich kann nicht verstehen, wieso das hier idealisiert wird.
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