Trendsport Cross-Yoga Ohne Ommmm

Fit, aber unflexibel: Dagegen soll der Fitnesstrend Cross-Yoga helfen. Im Unterschied zu anderen Yoga-Varianten kommt die Methode ohne Mantra-Singen und mit wenig Meditation aus. Michaela Rose hat sie ausprobiert.

André Siodla/ MEDIA2MOVE

Meine Achillesfersen sind nicht meine Achillesfersen. Sondern meine Hüften sind es. Hartnäckig trotzen sie seit Jahren jedem Yoga-Versuch, ihnen mehr Flexibilität abzuringen. In herkömmlichen Yogaklassen staune ich oft gemeinsam mit den Männern über die Biegsamkeit weiblicher Hüften.

Diesmal nicht. Denn heute habe ich meine Matte unter meinesgleichen ausgerollt - hüftsteifen Sportlern. In einer Crossfit-Box zwischen Langhanteln, Rudergeräten und von der Decke baumelnden Ringen. Auf den schwarzen Gummimatten unter den Reckstangen ist weißes Talkumpuder verstreut, jemand hat mit Kreidestrichen auf dem Fußboden seine Trainingssätze per Strichliste abgezählt. Vorne an der Tafel steht noch das "Workout of the day" vom gestrigen Abend. Crossfit-Charme eben.

Elegant (und kein bisschen hüftsteif) setzt sich Yogalehrerin Michaela Weller von Spree Crossfit in Berlin zu Beginn der Stunde in den Schneidersitz und kündigt das heutige Programm an: "Wir bearbeiten die Zonen, die bei Athleten meist ein wenig steif sind - die Schulterregion, die Hüften und die Beinrückseiten."

Schwitzen statt Spiritualität

Insgesamt drei Frauen und vier Männer setzen an diesem Sonntagmorgen beim Cross-Yoga auf Mobilität statt auf Mantra-Gesang. Schließlich ist eine gewisse Flexibilität auch beim Gewichtestemmen hilfreich. Spiritualität ist dabei weniger gefragt, stattdessen ist Schwitzen angesagt.

Erster Punkt auf dem Trainingsplan ist das Warm-up. Wir kreisen im Sitzen mit Händen und Armen, stützen uns auf abgewinkelten Handgelenken im Vierfüßer ab und strecken unsere Hüften im Kniestand. Dann geht es in den tiefen Squat - eine Kniebeuge mit breit gegrätschten Füßen und weit geöffneten Knien. Oder eben Malasana: Unter diesem Sanskrit-Begriff kennen Yogis die tiefe Hocke. Wer dabei Gefahr läuft, aus dem Gleichgewicht zu kommen und nach hinten zu fallen, darf sich eine schwere Kettlebell vorne auf die Matte stellen und daran festhalten. Fühlt sich sehr komfortabel an - so geht Yoga à la Crossfit.

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Cross-Yoga: Mobilität statt Mantra-Singen
Sonnengrüßend geht's weiter. Michaela Weller kombiniert die klassische und fließende Warm-up-Yoga-Sequenz mit Übungen für verkürzte Oberschenkel-Rückseiten und steife Hüften, die den richtigen Zähne-Zusammenbeiß-Faktor haben.

Verstohlen schaue ich mich um. Diesmal bin ich nicht die Einzige, die den Rumpf partout nicht auf dem Oberschenkel ablegen kann. Wir absolvieren Ausfallschritte und Krieger-Varianten, verbiegen unsere Körper zum Dreieck oder Halbmond, versuchen uns als Taube und Krähe.

Zwischendurch gibt's immer wieder zahlreiche Wiederholungen der yogischen Liegestützvariante namens Chaturanga. Ohne Ablegen des Körpers auf der Matte. Was in anderen Yogaklassen ein kollektives Stöhnen provozieren würde, absolvieren hier alle mit links. An Kraft und Körperspannung mangelt es hier niemandem. Dafür blicken viele bei den gewünschten Verrenkungen ratlos in Richtung Yogalehrerin, die uns immer wieder ermutigt, es wenigstens zu versuchen.

Meine Hüften und ich sind uns einig: Das war garantiert nicht unser letzter Versuch. Cross-Yoga bietet eine herrliche Mischung aus intensivem Training und entspanntem Üben. Eben das Beste aus zwei scheinbar gegensätzlichen Welten. Und die haben sehr viel mehr gemein, als man annimmt - auch wenn die Übungen anders heißen.

Cross-Yoga - Fragen an die Expertin
Zur Autorin
  • bewahrediezeit.de
    Michaela Rose probiert gerne alles aus, was sie in Bewegung bringt. Deshalb schreibt die freie Journalistin und Diplomsportlehrerin vor allem über "bewegende" Themen.
  • Homepage der Autorin



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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
klugredner 22.10.2015
1. Gummimatten und Körper-Übungen aus dem Yoga alleine
...machen noch kein Yoga. Es ist ja ok, dass diese Haltungen und Übungen aus dem Yoga entlehnt werden, nur Yoga ist es dann nicht mehr. Nennt es von mir aus Gymnastik, Sport, körperliche Ertüchtigung, nur eben nicht Yoga. Der "ur"-eigentliche Sinn von Yoga ist Körper UND Geist UND Seele zu einer Einheit zu verbinden. Tja, und wenn Geist und/oder Seele in der ausgeübten Praxis keine Rolle mehr spielen, dann ist es eben kein Yoga mehr. Aber es wollen alle mit dem Trend-"Sport" Yoga mitfahren, und insofern ist die absichtlich missbräuchliche Verwendung des Begriffs dann doch wieder verständlich. Schönen Tag noch!
albert schulz 22.10.2015
2. Keine Ahnung und davon viel
Echtes Yoga mit dem Zusammenwachsen von Körper und Seele kenne ich nur von einer artgerechten Übung. Nämlich wenn ich besinnlich und unbeschwert auf dem Klo sitze und versuche, meine absolut natürlichen und biogenen Hinterlassenschaften aus dem Körper zu pressen. Laien in dieser Disziplin können sich gar nicht vorstellen, wieviel Mantra, Ying und Yang, Meditation und aktive Denkleistung mit diesem überaus kontemplativen Vorgang verbunden sind. Man überdenkt zwangsweise sein gesamtes Leben, das Hier und Heute wie das Gestern und versucht doch, die Zukunft einzubeziehen. Der Griff zum Klopapier beendet diese ungemein fruchtbare und ergebnisbelastete Phase, die nicht unbedingt bekömmlich ist, aber doch dazu angetan, wieder frohgemut und demütig dem Rad des Lebens seine Referenz zu erweisen. Es gibt nur zwei Übungen, die tiefer in die Urgründe der Seele zu schauen helfen: das vollkommen bewegungslose Schattenboxen und das Zugfahren. Beten beispielsweise ist viel zu hektisch. Da gerät alles in Unordnung.
sunsan 22.10.2015
3. Danke für diese wahren Worte.
Zitat von albert schulzEchtes Yoga mit dem Zusammenwachsen von Körper und Seele kenne ich nur von einer artgerechten Übung. Nämlich wenn ich besinnlich und unbeschwert auf dem Klo sitze und versuche, meine absolut natürlichen und biogenen Hinterlassenschaften aus dem Körper zu pressen. Laien in dieser Disziplin können sich gar nicht vorstellen, wieviel Mantra, Ying und Yang, Meditation und aktive Denkleistung mit diesem überaus kontemplativen Vorgang verbunden sind. Man überdenkt zwangsweise sein gesamtes Leben, das Hier und Heute wie das Gestern und versucht doch, die Zukunft einzubeziehen. Der Griff zum Klopapier beendet diese ungemein fruchtbare und ergebnisbelastete Phase, die nicht unbedingt bekömmlich ist, aber doch dazu angetan, wieder frohgemut und demütig dem Rad des Lebens seine Referenz zu erweisen. Es gibt nur zwei Übungen, die tiefer in die Urgründe der Seele zu schauen helfen: das vollkommen bewegungslose Schattenboxen und das Zugfahren. Beten beispielsweise ist viel zu hektisch. Da gerät alles in Unordnung.
Was ich u.a. mit Yoga verbinde, sind diese hippen, strahlenden und sich stets spirituell ausgebende Frauen. Harald Schmidt hat mit seiner kleinen Sendung "Bimmel und Bommel" einmal den Buchstaben "Y" erklärt und als Beispielwort "Yogafotze" abgeführt. Dieses Wort bringt das Gehabe der weiblichen Yogis auf den Punkt.
Gaztelupe 22.10.2015
4.
Zitat von albert schulzEchtes Yoga mit dem Zusammenwachsen von Körper und Seele kenne ich nur von einer artgerechten Übung. Nämlich wenn ich besinnlich und unbeschwert auf dem Klo sitze und versuche, meine absolut natürlichen und biogenen Hinterlassenschaften aus dem Körper zu pressen. Laien in dieser Disziplin können sich gar nicht vorstellen, wieviel Mantra, Ying und Yang, Meditation und aktive Denkleistung mit diesem überaus kontemplativen Vorgang verbunden sind. Man überdenkt zwangsweise sein gesamtes Leben, das Hier und Heute wie das Gestern und versucht doch, die Zukunft einzubeziehen. Der Griff zum Klopapier beendet diese ungemein fruchtbare und ergebnisbelastete Phase, die nicht unbedingt bekömmlich ist, aber doch dazu angetan, wieder frohgemut und demütig dem Rad des Lebens seine Referenz zu erweisen. Es gibt nur zwei Übungen, die tiefer in die Urgründe der Seele zu schauen helfen: das vollkommen bewegungslose Schattenboxen und das Zugfahren. Beten beispielsweise ist viel zu hektisch. Da gerät alles in Unordnung.
Der ehrenwerte Fremde spricht weise und bringt Gedanke und Sprache in Einklang – ich bin ganz ergriffen ;-) Die Ochsen sind langsam, doch die Erde ist geduldig ...
clararu 23.10.2015
5. Die neue Sau im Dorf?
Taube, Krähe und Kriegervariationen für hüftsteife Anfänger? Na, dann viel Vergnügen! Wer nicht einmal genügend Flexibilität für den normalen Sonnengruß mitbringt, könnte sich schnell beim Osteopathen wiederfinden. Ich unterrichte seit 20 Jahren herkömmliches Yoga ohne Schnick und Schnack, das ist - richtig ausgeübt - fordernd genug.
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