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Achilles Verse: Der Darm, des Läufers Feind

Marathonläufer: Im besten Fall gibt der Darm beim Ausdauersport Ruhe Zur Großansicht
dpa

Marathonläufer: Im besten Fall gibt der Darm beim Ausdauersport Ruhe

Dem Darm geht es wie Daimler-Chef Zetsche: Jahrelang verspottet, ist er plötzlich ein Superstar, Motor, Hirn und Antreiber. Wunderläufer Achim Achilles erklärt, warum das neue Trendorgan gerade beim Sport ziemlich überbewertet wird.

Flora. Schönes Wort, sanfte Kopfbilder. Blumen. Blätter. Bäume. Bunte B-Begriffe. Viel besser als Fauna. Das ist mit Tieren. Aber Hunde, Wildschweine, Mücken sind die Feinde des Freiluftsportlers.

Mona spricht in letzter Zeit ziemlich viel von Flora, leider von einer Abart, die in einer düsteren Gegend siedelt, wo keine Sonne hin scheint. Darmflora. Hundert Billionen Bakterien wohnen da, zwischen den Zotten. Schwarmintelligenz, sagt Mona. Findet der vegane Block auch. Der Darm habe Charme, erzählt man sich derzeit beim Kundalini-Yoga, denken könne er auch und total sensibel fühlen und all die anderen schönen Sachen, mit denen wir Läufer seit jeher unsere Probleme haben. Bei Esoterikern gilt Darmstadt seither als Ort mit steil steigender Karmakurve.

Sorry, aber ich zweifle. Wie viele Bakterien ersetzen denn so eine Hirnzelle? Dann tausche ich sofort einen Darm voll Amöben gegen einen Einstein. Meine Gattin findet jedenfalls, dass das Hirn da unten besser wohnt. Bei Dresdnern vielleicht. Habe ich in Wirklichkeit Kopfschmerzen, wenn's nach der Haxe im Bauch zwickt? Denken mit den Eingeweiden - so ein Unsinn kann nur von Menschen stammen, die nie länger als bis zur Car-Sharing-Steckdose liefen.

Ausdauersportler wissen: Darm ist Feind, ein Störenfried und Unruhestifter, der innere Dschihadist. Im besten Fall gibt er Ruhe. Aber normalerweise sabotiert er Training und Wettkampf. 15 Jahre lang habe ich ab Donnerstag Ernährung, Atmung und Mentales zu steuern versucht, um mich beim langen Lauf am Samstagmorgen nach spätestens zehn Minuten nicht wieder in einer Wildschweinsuhle ducken und aus viel zu kleinen Blättern vergeblich eine Art Ökolappen flechten zu müssen.

Nein, ich möchte keine Tipps von meinen Sportskameraden, weder zum diskreten Mitführen von Hygieneartikeln noch zur peristaltikdämpfenden Befüllung der Eingeweide. Alles versucht. Alles gescheitert. In meinen Versuchsreihen ist jede denkbare Schichtung mehrfach getestet worden - Salat oben, Salat unten, ohne Salat, Kaffee ja, nein, Decaf, viel, wenig, gar nichts gegessen, 17 Atemtechniken.

Läufer sind Schisser

Ergebnis: Dem Darm ist's scheißegal. Lachend drängt er aufs Entleeren, immer dann, wenn keine Wildschweinsuhle in der Nähe ist. Womit wir gleich noch mit einem verbreiteten Mythos aufräumen: Läufer sind nicht etwa esoterische Freunde des Waldes, sondern Schisser, die einen schützenden Baum in der Nähe wissen müssen. Wie gern würden wir auch mal durch die Stadt laufen.

Ein Blick in die Dixis beim Marathon zeigt, wo die wirklichen Probleme dieses Landes liegen. Zu viel Magnesium stresst den Darm noch daheim, das Adrenalin reizt am Start und das Laufen die ganze Strecke. Der Darm ist nicht klug, schon gar nicht zäh, sondern ein schreckhaftes Hypersensibelchen, dem man nur mit altersbedingten Defekten wie Fehlsichtig- und Vergesslichkeit begegnen kann. 50 Prozent aller Dauerläufer leiden an belastungsbedingtem Durchfall, heißt es im "Deutschen Ärzteblatt", was für den Berlin-Marathon knapp 20.000 Havarien an einem einzigen Sonntagmorgen bedeutet. Dafür sieht die Strecke hinterher echt noch gut aus.

Vergessen wir also das Modegeschwätz vom Charme-Darm. Das vermeintliche Trendorgan ist und bleibt eine Sau, die man vorm Sport am besten rausnehmen und im Kofferraum lagern sollte. Stattdessen pressen wir uns Power-Gels und Turbo-Riegel in den Leib, womit das osmotische Gefälle untenrum noch erhöht wird. Aufstoßen ist da das geringste Problem, sofern wirklich nur Verdauungsluft ins Freie will. Und sportbedingte Blutungen im Dickdarm treten zum Glück nur bei Ultraläufern auf.

Was hilft nun gegen den Scham-Darm? Die Gastro-Kenner raten: Intensität runter, Belastungsdauer reduzieren, mehr trinken, weniger Stress. Prima. Also zwei, drei Bierchen statt Training und dann ab ins Bett. Der Darm dankt's.


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insgesamt 17 Beiträge
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1. Hm...
bj68 10.02.2015
steht Loperamid auf der Dopingliste? Wenn nicht....da ist es Aus mit der Darmtätigkeit. Bj68
2.
Tim81 10.02.2015
Ich habe von diesem Phänomen schon gehört und denke, dass die Sportler, die trotz Ernährung etc. Probleme haben, einfach die Macke haben, dass sie es erregend finden sich in der Natur zu entleeren. Ich empfehle Psychotherapie. Oder einfach der Befriedigung freien Lauf lassen. Stört ja im Grunde keinen.
3. :-)
walter_e._kurtz 10.02.2015
Jaaa, der Enddarm, das fiese Lauffreudenverhinderungsorgan. Nach dem Runners High der blow-out untenrum... Zum Glück kam es bei Veranstaltungen noch nicht über mich, aber ein Paket Papiertaschentücher schadet nicht in der Laufjacke. Gerne auch im Pocket-Format, für den kleinen Schiß zwischendurch :-) Nur in kurzer Laufbekleidung muß man sich mit der Frage herumärgern, wohin damit - also mit den Taschentüchern. Auf jeden Fall wieder einer der lustigeren Beiträge, werter Achim!
4. Hmm, wie nennt man die jetzt,
willibaldus 10.02.2015
Wild Schisser, oder Wild Scheisser? Und müssen die in Zukunft Plastiktüten mitnehmen um ihre Tretminen im nächsten Mülleimer zu entsorgen, so wie die Hundehäufchen? Gibts dann auch eine Umbenennung von Fitness Jogging zu Gassi Jogging, oder was? Ansonsten hilft nur Loperamid, der pharmakologische Stöpsel aber was macht der Bio und Naturfreund? Ein wahrer Freund lässt der Natur seinen Lauf...
5. Moos
exilostfriese 10.02.2015
ist besser als Blätter.. Man sollte allerdings auf Ameisen achten. Weder für die possierlichen Tierchen noch für den Läufer sonderlich toll. Es grüßt ein Läufer, der zum Glück nur selten das Problem hat, aber auch einen Mitläufer kennt, der nahezu jedes mal in die Büsche musste.
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ZUR PERSON
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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