Nobelpreisträger zu Krebsgefahr: "Ich meide rohes Rindfleisch"

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Corbis

Ein Stück rohes Fleisch: Mögliche Gefahr durch Krebsviren?

Harald zur Hausen erhielt den Nobelpreis, weil er entdeckte, dass Viren Gebärmutterhalskrebs auslösen. Jetzt hat der Mediziner eine neue Gefahr ausgemacht: rohes Fleisch. Im Interview spricht er über Erreger im Carpaccio und seinen Feldzug für umfassendes Impfen.

SPIEGEL ONLINE: Herr zur Hausen, lange Jahre wurden Sie für Ihre Theorie belächelt, dass es Viren sind, die Gebärmutterhalskrebs auslösen. Doch Sie behielten recht - 2008 gab es dafür den Nobelpreis. Nun haben Sie ein neues Krebsrisiko ausgemacht: Rindfleisch. Kritiker halten das für die verschrobene Idee eines in die Jahre gekommenen Forschers. Warum nicht einfach den Ruhestand genießen?

Zur Hausen: Das ist keine spinnerte Idee. Wir wissen aus epidemiologischen Daten, dass das Auftreten von Dickdarmkrebs entscheidend verbunden ist mit dem Konsum von rotem Fleisch. Wenn Sie viel nicht durchgegartes oder luftgetrocknetes Rindfleisch verzehren, sind das vermutlich Risikofaktoren.

SPIEGEL ONLINE: Hat das nicht etwas mit dem Bratprozess zu tun und mit den krebserregenden Stoffen, die dabei entstehen?

Zur Hausen: Das ist zwar nicht ausgeschlossen, aber tatsächlich entstehen die gleichen Substanzen auch beim Braten von Hühnerfleisch oder Fisch - davon geht aber kein höheres Krebsrisiko aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben also wirklich, dass Krebsviren in Rindfleisch stecken?

Zur Hausen: Heutzutage wird Rindfleisch häufig roh gegessen, zum Beispiel als Tartar oder Carpaccio. Oder eben nur medium gebraten. Im Inneren des Fleisches ist es dann etwa 40 bis 60 Grad warm - Papillom- und Polyomaviren halten aber Temperaturen bis zu 80 Grad aus. Sie überstehen also diese Zubereitung ohne Schwierigkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Und dann lösen sie Krebs aus?

Zur Hausen: Es ist denkbar. Einige Viren können ihre Gene in Zellen unseres Körpers ablagern. Im Zusammenspiel mit weiteren genetischen Veränderungen, die dann zum Beispiel durch chemische Faktoren verursacht sein können, kann das durchaus zu Krebs führen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre erste Prognose, dass Viren für rund fünf Prozent aller Krebsfälle verantwortlich sind, erhöhten Sie später auf sogar 30 Prozent. Ist das nicht etwas übertrieben?

Zur Hausen: Von 30 Prozent habe ich nie gesprochen - aber es lässt sich belegen, dass 21 Prozent aller Krebserkrankungen mit Infektionen zusammenhängen.

SPIEGEL ONLINE: Exakt 21 Prozent?

Zur Hausen: Das sind Schätzungen. Ich arbeite mit den Zahlen internationaler Krebsforschungsinstitute, außerdem berücksichtige ich, dass rund zehn Prozent aller Magenkrebsfälle auf das Epstein-Barr-Virus zurückgeführt werden, außerdem sollen bis zu 30 Prozent aller Mundhöhlen- und Rachentumoren durch Papillomviren ausgelöst werden. Außerdem können nicht nur Viren, sondern auch bestimmte Bakterien und Parasiten infektionsbedingte Krebserkrankungen auslösen.

SPIEGEL ONLINE: Carpaccio steht also nicht mehr auf Ihrem Speiseplan?

Zur Hausen: Die Fleischindustrie hat sich schon bei mir beschwert, weil ich dies öffentlich erkläre. Aber ja: Ich meide rohes Rindfleisch. Bislang bleibt es natürlich nur eine Arbeitshypothese.

SPIEGEL ONLINE: Wegen der Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs standen Sie ebenfalls schon oft in der Kritik - trotz Nobelpreis. Sie schütze gar nicht sicher gegen Krebs, hieß es. Warum setzen Sie sich dennoch so vehement dafür ein?

Zur Hausen: Weil ich sehe, dass sich mit der Impfung in einem großen Umfang Krebsvorstufen und letztlich sicher auch der Gebärmutterhalskrebs verhindern lässt - das Letztere können wir aber mit Sicherheit erst in 10 bis 20 Jahren sagen. Es ist etwas Besonderes, dass es heute schon möglich ist, zwei weit verbreitete Krebsarten, durch Hepatitis-B-Viren bedingten Leberkrebs und Gebärmutterhalskrebs, durch Impfung vorzubeugen.

SPIEGEL ONLINE: Die HPV-Impfung wird von den Pharmaherstellern als Impfung gegen Krebs verkauft. Ist das Marketing zu aggressiv?

Zur Hausen: Bislang ist zwar erst gezeigt, dass die Impfung die Vorstufen des Gebärmutterhalskrebs verhindert. Daraus jedoch zu folgern, dass es exakt heißen müsste, dass es eine Impfung gegen die Vorstufen ist, ist nicht korrekt. Denn wir wissen, dass die Vorstufen die notwendige Voraussetzung für das Entstehen des Krebs sind. Ich bin - gemeinsam übrigens mit allen Experten - daher davon überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die krebsverhütende Wirkung der Impfung zeigen wird. Allerdings habe ich nie verschwiegen, dass ich den Preis, den die Impfstoffhersteller verlangen, viel zu hoch finde.

SPIEGEL ONLINE: Weltweit erkranken rund 500.000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, 240.000 sterben daran - die meisten in den armen Ländern, wo es keine regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen gibt. Ein erschwinglicher Impfstoff, den sich die Menschen leisten könnten, wäre dringend erforderlich. Warum haben Sie keine Handhabe, was den Preis betrifft? Immerhin haben Sie die Impfung doch erst möglich gemacht.

Zur Hausen: Wir haben durch unsere Forschung die Grundlagen für die Impfstoffentwicklung und Herstellung geschaffen, die Produktion erfolgt durch die pharmazeutische Industrie. Die Politik sollte deutlich mehr Einfluss nehmen auf die Preisgestaltung der Pharmakonzerne. Derweil hoffe ich auf die Kräfte des Marktes - es gibt mittlerweile eine Reihe von Firmen, die offenbar bereits erfolgreich begonnen haben, Alternativen zu produzieren. Wenn diese auf den Markt kommen, dürften die Preise automatisch sinken.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren auch dafür, dass Jungs geimpft werden - wieso das?

Zur Hausen: Jungen sind in dem Alter, in dem das Virus zum ersten Mal übertragen wird, also zwischen 12 und 25 Jahren, in den meisten Gesellschaften sexuell aktiver, haben also mehr Sexualpartner als die entsprechend alten Mädchen. Daher tragen sie zur Verbreitung des Virus in erheblich höherem Maße bei. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, wir würden mit einer Impfung nur für Jungs mehr erreichen als mit der Impfung nur für Mädchen. Darüber hinaus können auch Männer an HPV-verursachtem Krebs erkranken, etwa an Peniskrebs, Analkrebs oder Mundhöhlenkrebs, wenn auch in wesentlich geringerem Umfang.

SPIEGEL ONLINE: Aktuell sind hierzulande rund 39 Prozent der Mädchen geimpft. In Ländern wie Australien oder Großbritannien sind es bereits 80 Prozent. Warum befürworten Sie nicht einfach eine Impfpflicht, wie dies für einige Bundesstaaten in den USA diskutiert wurde?

Zur Hausen: Eine Impfpflicht passt nicht in unser Gesundheitssystem, das auf persönlicher Verantwortung und Solidarität beruht. Ich bin da ganz zuversichtlich: In einigen Jahren wird sich zeigen, dass die geimpften jungen Frauen deutlich seltener an Krebsvorstufen und später auch an Gebärmutterhalskrebs erkranken. Die Entfernung der Vorstufen - derzeit etwa 140.000 Operationen pro Jahr - kann ja zum Teil auch Folgen haben, vor allem für spätere Schwangerschaften. Das allein sollte dazu führen, dass die Impfrate steigen wird. Wenn dann in etwa 20 Jahren bei den nicht geimpften jungen Frauen doppelt oder dreimal so häufig Gebärmutterhalskrebs auftritt wie bei den geimpften, werden alle die Impfung haben wollen. Persönlich finde ich es sehr schade, dass offenbar die Mehrheit auf diesen endgültigen Beweis wartet.

SPIEGEL ONLINE: Sie lassen derzeit kaum die Gelegenheit aus, den Spielverderber zu geben: Sie streiten sich mit Impfgegnern und Sie warnen - neben dem Verzehr rohen Rindfleischs - vor vielem, das Menschen gern mögen: Rauchen, Alkohol, Sonnenbaden.

Zur Hausen: Das hängt damit zusammen, dass man als Nobelpreisträger und Krebsforscher häufig gefragt wird, was man tun kann, um keinen Krebs zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Zur Hausen: Dann nenne ich eben die Dinge, die Menschen nicht gern hören: Der wirksamste Schutz gegen Krebs ist und bleibt eine achtsame Lebensweise. Nicht rauchen, Übergewicht vermeiden, ebenso übermäßigen Alkoholkonsum und UV-Strahlung.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie sich denn selbst daran?

Zur Hausen: Zumeist. Als ich vor etwa 45 Jahren erfahren habe, wie groß das Risiko ist, als Raucher Lungenkrebs zu bekommen, habe ich sofort damit aufgehört. Wenn ich aber eingeladen bin und ein Stück Fleisch serviert bekomme, das nicht ganz durchgebraten ist, lasse ich es nicht zurückgehen.

Das Interview führte Nicola Kuhrt

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insgesamt 51 Beiträge
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1. optional
TeslaTraX 16.11.2012
meine oma wusste schon:"Fleisch immer gut durchbraten"
2.
mighty_dwarf 16.11.2012
Tolle Nachricht zum Feierabend, zuhause liegt ein 4 Wochen trockengereiftes 1000g Porterhouse Steak und geht erst mal langsam auf Zimmertemperatur. Ich werde es nicht übers Herz bringen das gute Stück durch zu garen. Lieber höre ich auf Nachrichten zu lesen. Mahlzeit.
3. ...
elbgeistDD 16.11.2012
Zitat von sysopHarald zur Hausen erhielt den Nobelpreis, weil er entdeckte, dass Viren Gebärmutterhals auslösen. Jetzt hat der Mediziner eine neue Gefahr ausgemacht: rohes Fleisch. Im Interview spricht er über Erreger im Carpaccio und seinen Feldzug für umfassendes Impfen. Darmkrebs: Nobelpreisträger zur Hausen warnt vor rohem Rindfleisch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/darmkrebs-nobelpreistraeger-zur-hausen-warnt-vor-rohem-rindfleisch-a-865339.html)
furchtbar - wir werden alle sterben - ALLE ! früher oder später...
4. Ach weisste...
Stelzi 16.11.2012
Zitat von mighty_dwarfTolle Nachricht zum Feierabend, zuhause liegt ein 4 Wochen trockengereiftes 1000g Porterhouse Steak und geht erst mal langsam auf Zimmertemperatur. Ich werde es nicht übers Herz bringen das gute Stück durch zu garen. Lieber höre ich auf Nachrichten zu lesen. Mahlzeit.
Bei sowas musst du dir eher über akutere Infektionen Gedanken machen. Leute, die so riesige (und meist auch dicke) Fleischlappen nicht well done braten, lassen allerlei Fäkal Bakterien die sich auf rohem Fleisch tummeln, am leben - manchmal sogar Bandwurmeier, welche sich ja im Muskelfleisch (und nicht im Tierdarm) einnisten und auf essende Kundschaft warten. Bon appetit.
5.
thelix 16.11.2012
Zitat von mighty_dwarfTolle Nachricht zum Feierabend, zuhause liegt ein 4 Wochen trockengereiftes 1000g Porterhouse Steak und geht erst mal langsam auf Zimmertemperatur.
Sie essen ernsthaft ein Kilogramm (!) Fleisch zum Abendessen? Was gibt's als Sättigungsbeilage? 12 Pfund Kartoffeln?? Bitte vergessen Sie nicht den leichten Salat mit einem halben Liter Joghurtdressing, so als Ausgleich. Adieu, Arterien! ^^
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Zur Person
  • AP
    Der Virologe Harald zur Hausen war 20 Jahre lang Chef des Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Für seinen Beweis, dass es bestimmte Viren sind, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können, erhielt er 2008 den Nobelpreis. Mit Beharrlichkeit hat sich Deutschlands führender Krebsforscher gegen gängige Dogmen durchgesetzt, galt ein Zusammenhang zwischen Erregern und Tumoren bis dahin als unmöglich.