Bikram, Yin und Co. Das große Yoga-ABC

Ashtanga oder Anusara? Jivamukti oder Iyengar? Wer zum ersten Mal auf die Matte will, tut sich schwer, die richtige Schule zu finden. Schließlich ist Yoga nicht gleich Yoga. SPIEGEL ONLINE stellt die wichtigsten Stile vor.


Wer glaubt, Yoga wäre ein einheitliches Importprodukt aus vergangenen Zeiten Indiens, liegt auf seiner Matte ein wenig falsch. Zwar fußt Yoga auf einer jahrtausendealten Tradition. Allerdings hat sich die Lebensphilosophie vor allem in den letzten Jahrzehnten über den gesamten Globus verbreitet und fern vom Ursprungsort weiterentwickelt.

Traditionelle Stile wie Ashtanga, Iyengar oder Sivananda haben die ursprünglichen Wurzeln nahezu unverändert beibehalten, moderne Stile wie Power-Yoga, Anusara oder Jivamukti hingegen haben das alte Know-how in die heutige Zeit transformiert. Die Vielfalt der unterschiedlichen Stilrichtungen und Yoga-Schulen wirft eine Frage auf: Welcher Yoga-Stil ist der richtige? Die Antwort: Das kann jeder nur für sich selber herausfinden. Das große Yoga-ABC von SPIEGEL ONLINE bietet einen ersten Überblick.

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Acro-Yoga

Für abgehobene Himmelsstürmer

Platz für zwei ist auf der kleinsten Matte: Acro-Yoga ist nach den beiden US-Zirkusartisten Jenny Sauer-Klein und Jason Nemer Partner-Yoga "in the air", denn der spielerische Mix aus Yoga-Asanas, Akrobatikelementen und Thai-Massage wird zu zweit praktiziert. Dabei liegt ein Partner auf dem Rücken, streckt seine Beine in die Luft und balanciert den anderen bäuchlings oder rücklings auf seinen Füßen. Mal ist dabei eigene Muskelkraft für die Asanas gefragt, mal darf man sich einfach nur hängen und massieren lassen. Feste Abläufe wie in einer Yoga-Klasse gibt es nicht, vielmehr geht es um den Spaß und das gemeinsame Üben.

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Anti-Gravity-Yoga

Mit der Schwerkraft auf Tuchfühlung

Die Erdanziehung austricksen kann man beim Anti-Schwerkraft-Yoga: Die Asanas werden mit Hilfe eines fest in der Decke verankerten Trapeztuches praktiziert. Das gibt Stabilität bei Gleichgewichtsübungen oder erlaubt Schräglagen, die ohne den Halt von oben nicht möglich wären. Das Üben ist weniger meditativ und entspannend, macht aber Spaß und trainiert den gesamten Körper. Insbesondere die Rücken- und Bauchmuskulatur ist für die Balance gefragt. Der US-Tänzer und Luftakrobat Christopher Harrison mixte die Luftnummer ursprünglich für seine Artistikgruppe aus Gymnastik-, Yoga-, Tanz-, Pilates- und Akrobatikelementen.

Anja Schnabel

Anusara-Yoga

Neue Sichtweisen für Sitz-Menschen

Aus dem Bürostuhl auf die Matte: Anusara nach dem US-Gründer John Friend ist der ideale Stil für alle Menschen, die im Job viel sitzen. Beim Üben steht die Anatomie im Vordergrund. Wo stehen die Hände und Füße? Wie werden die Muskeln eingesetzt? Was machen die Gelenke dabei? Mit präzisen Ausrichtungsprinzipien wird der Körper nicht genormt, sondern individuell gekräftigt. Festgefahrene Bewegungs-, aber auch Denkmuster sollen zugunsten eines besseren Körpergefühls und neuer Sichtweisen auf das Leben gelockert werden.

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Ashtanga-Yoga

Die Urmutter der modernen Yoga-Stile

Lediglich sechs festgelegte Übungsserien, die in Schwierigkeitsstufen gesteigert werden, gibt es im klassischen Ashtanga-Yoga. Das klingt minimalistisch, aber die anspruchsvollen Serien haben es in sich: Viele brauchen Jahre, um ins nächste Level vorzustoßen. Elegant sind die fließenden Sequenzen, akrobatisch die spektakulären Sprünge und Handstände im Zeitlupentempo, typisch die sogenannten Mysore-Klassen, in denen jeder Schüler innerhalb der Gruppe seine eigene Praxis übt. Und: Ashtanga nach dem Inder Pattabhi Jois ist die Urmutter fast aller modernen Stile.

Getty Images

Bikram-Yoga

Manche mögen's heiß

Ins Schwitzen kommt man beim "Hot Yoga" nach dem Inder Bikram Choudhury garantiert: Geübt wird in einem bis zu 40 Grad heißen Raum. Das soll Muskeln und Sehnen geschmeidig für die 26 Asanas des Bikram-Systems machen, Verspannungen lösen und die Entgiftung des Körpers unterstützen. Gefordert ist körperliche Fitness, die Spiritualität bleibt außen vor. Experimentierfreudige und Frostbeulen kommen garantiert auf ihre Kosten. Geeignet für alle, die mit Spiritualität nicht viel am Hut haben, dafür auf den dezenten Drill-Charakter beim Training schwören.

Michael Sexton

Forrest-Yoga

Core-Yoga par excellence

Wer eine Herausforderung sucht, liegt bei Forrest-Yoga richtig auf der Matte: Typisch für den von der US-Amerikanerin Ana Forrest gegründeten Stil sind intensive Bauchübungen mit der zusammengerollten Matte sowie teilweise ungewöhnliche Asanas, die länger als gewöhnlich gehalten werden. Auf präzise Positionen mit aktiven Händen und Füßen, Übungen für die Bauch- und Rückenmuskulatur sowie einen entspannten Nacken wird viel Wert gelegt. Das Üben soll einen Heilungsprozess für Körper und Seele in Gang setzen.

Dinah Rodrigues

Hormon-Yoga

Anti-Aging-Yoga made in Brazil

Hormone haben Macht – und die lässt uns im wahrsten Sinne alt aussehen, wenn das Gleichgewicht von Östrogenen und Co. durcheinandergerät. Dann soll das Yoga-System der Brasilianerin Dinah Rodrigues in den Wechseljahren, bei prämenstruellem Syndrom oder unerfülltem Kinderwunsch helfen. Die 14 Übungen sind dynamisch und die Muskelkontraktionen der Atemtechnik massieren gezielt die Eierstöcke. Zudem soll durch "eine tibetische Technik zur Energielenkung" sowohl die Schilddrüse als auch die Hypophyse im Gehirn stimuliert werden. Beide Organe sind für die Produktion von Hormonen wichtig.

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Iyengar-Yoga

Meditation in Aktion

Hier sind Hilfsmittel nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht: Iyengar-Yoga hat den Einsatz von Gurten, Klötzen und Co. perfektioniert. Oberstes Prinzip ist die präzise Ausrichtung der Gelenke und die akkurate Ausführung der Positionen – da soll sogar die Haut an der richtigen Stelle angespannt werden. Der aus Indien stammende Stil von B.K.S. Iyengar verzichtet auf den spirituellen Touch – hier geht es körperlich zur Sache. Das bringt vor allem Kraft, außerdem lernt man die Feinheiten der Asanas besonders gut und dank des langsamen und konzentrierten Übens wirkt Iyengar wie eine Meditation.

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Jivamukti-Yoga

Auf den Kopf gestellt

Beim frisch-frechen Jivamukti-Yoga (gesprochen: Dschiwamukti) geht die Luzie ab: Bei den "Punks" unter den Yogis wird grundsätzlich zu Musik praktiziert. Passend zum fröhlichen Revoluzzer-Charme dieses New Yorker Stils von Sharon Gannon und David Life wird zu Rockklassikern, Popsongs, HipHop und Electro, aber auch zu indischen Mantren in fließenden Sequenzen geübt – oft in einem atemberaubenden Tempo. Um die Seele zu befreien, wird das Sein bei Kopfstand und Co. auf den Kopf gestellt. Das sorgt nicht nur für einen kräftigen Körper, sondern obendrein für gute Laune.

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Kundalini-Yoga

Erleuchtung mit den drei Ms

Eine eigene Yoga-Welt gibt es beim ursprünglichen Kundalini zu entdecken, das der Inder und Sikh Yogi Bhajan im Westen populär gemacht hat. Die einfachen, aber speziellen Asanas werden oft im Sitzen ausgeführt und minutenlang wiederholt oder gehalten. Statt Beweglichkeit ist bei dem traditionellen Stil vor allem Dynamik und Durchhaltekraft gefragt. Dazu gibt es die drei Ms: Mantrengesänge, Meditationen und Mudras (vorgegebene Handhaltungen). Mittels sogenannter Kriya-Übungsreihen soll die Energie in der Wirbelsäule erweckt und der Körper gereinigt werden. Spiritualität pur!

philipp-arnoldt-photography.com

Nivata-Yoga

Sich seiner selbst bewusst

Back to basics: Mit dem Yoga der Stille ("Nivata" bedeutet Stille) kehrt das Üben zu seinen ruhigen indischen Wurzeln zurück. Dafür arbeitet der von den beiden Berlinern Katharina und Julian Middendorf im Himalaya begründete Stil mit einfachen Körperhaltungen, Atemtechniken und Meditationen, um sich seiner selbst bewusst zu werden. Schweißtreibende Abfolgen oder waghalsige Verrenkungen sind nicht gefragt. Innovativ ist das Unterrichtskonzept: In der Sadhana Class übt jeder innerhalb der Gruppe sein individuelles Programm und bestimmt selber Intensität und Tempo.

Marco Grundt

Power-Yoga

Fitnesstraining à la Yoga

Er ist der Star unter den Yoga-Lehrern: Power-Yoga-Erfinder Brian Kest aus den USA bringt Yogis auf der ganzen Welt effektiv in Form. Berühmtberüchtigt sind aber nicht nur seine intensiven Klassen, sondern auch sein Wortwitz. Hier darf durchaus auch mal gelacht werden. Im Mattenmittelpunkt stehen fließende Asana-Abfolgen und anstrengende Positionen, die für fünf Atemzüge gehalten werden, spirituelle Dogmen treten in den Hintergrund. Prima geeignet für alle, die sich auspowern wollen und lieber schwitzen als singen.

sivananda.eu

Sivananda-Yoga

Yogische Rückengymnastik

Think pink: Einer der Grundpfeiler des traditionellen Stils aus Indien nach Swami Sivananda ist Optimismus, den man auch abseits der Matte praktizieren sollte. Für die Gesundheit sind außerdem noch Asanas, Atmung, Entspannung, Meditation und vegetarische Ernährung gefragt. Mit speziellen Übungsabfolgen wird vor allem die Wirbelsäule gestärkt und mobilisiert. Typisch ist die sogenannte Rishikesh-Reihe, die aus zwölf festgelegten Grundübungen und Atemtechniken besteht. Dazu werden Mantren gesungen.

Nela König

Spirit-Yoga

Flow für Freigeister

Immer im Flow: Bei der Berliner Spirit-Gründerin Patricia Thielemann sind fließende und herausfordernde Asana-Sequenzen und philosophischer Tiefgang auf der Matte angesagt. Spirit-Yoga bildet eine Brücke zwischen den westlichen und traditionellen Yoga-Stilen – der moderne Stil vermittelt die alte Tradition auf lebensnahe, freigeistige und lebendige Art an Menschen von heute. Für Schwangere und Mütter mit Babys gibt es das Spirit-Schwangeren-und-Postnatal-Yoga.

Louka Leppard

Tulayoga

Hängenlassen de luxe

Die Luxusversion eines Personal-Yoga-Coachings bietet das von dem Engländer Louka Leppard gegründete Tulayoga. Ein ausgebildeter Yoga-Lehrer liegt auf dem Rücken, streckt seine Beine senkrecht nach oben und balanciert den Kunden rücklings oder bäuchlings auf seinen Füßen. Das sieht zwar auf den ersten Blick wie Acro-Yoga aus, fühlt sich aber ganz anders an: Für den oben Liegenden ist Loslassen statt eigener Kraftanstrengung gefragt – er schwebt scheinbar schwerelos in der Luft, wird durch eine Serie von Positionen geführt, die fließend ineinander übergehen, und kann die sanften Bewegungen genießen.

Berliner Yoga Zentrum

Vini-Yoga

Die therapeutische Variante

Die Asanas sollen sich an den Menschen anpassen und nicht umgekehrt. Mit diesem Motto sorgt Vini-Yoga, das auch als therapeutisches Yoga bezeichnet wird, für ein sanftes Körpertraining. Ob Rückenschmerzen, Gelenkprobleme oder gesundheitliche Einschränkungen – beim Vini-Yoga findet sich immer eine Möglichkeit, die Asana so auszuführen, dass sie guttut und individuelle Grenzen berücksichtigt. Ideal für alle, die keine akrobatischen Übungen oder innere Erleuchtung suchen, sondern in erster Linie etwas für ihre Gesundheit tun möchten.

Lidija Delovska

Vinyasa-Flow-Yoga

Der Tanz auf der Matte

Statisches Halten ist passé: Beim Vinyasa-Yoga gehen die Asanas wie bei einem Sonnengruß oder in einem Tanz fließend ineinander über, so dass ein Bewegungsfluss entsteht – Flow genannt. Der Atem bestimmt das Tempo, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, so dass immer wieder neue und ungewöhnliche Sequenzen entstehen. Der Körper begibt sich auf eine kontinuierliche Bewegungsreise, der Geist darf pausieren. Dabei entsteht eine kraftvolle und zugleich entspannende Meditation in Bewegung. Bekannteste Vertreterin dieses Yoga-Stils ist die US-Amerikanerin Shiva Rea.

Schirner Verlag

Yin-Yoga

Auf die sanfte Tour

Meditation ist beim Yin-Yoga inklusive: Die Asanas werden meist sitzend oder liegend bis zu zehn Minuten gehalten, Krafteinsatz ist tabu. Yin-Yoga ist der ergänzende Gegenpol zu den meisten modernen Stilen, die auf kraftvolles Üben und fließende Asana-Abfolgen – also aufs Yang – setzen. Die entspannte Praxis nach Gründer Paul Grilley aus den USA soll Bindegewebe und Faszien dehnen, die Gelenke geschmeidig halten und den Chi-Fluss im Körper verbessern. Wie bei einer Akupunktur sollen außerdem die Meridiane des Körpers aktiviert werden.

Autorin: Michaela Rose
Videos: Jost Blomeyer

Zur Autorin:
Michaela Rose frönt jedwedem Sport und probiert gerne alles aus, was sie in Bewegung bringt. Deshalb schreibt die freie Journalistin und Diplomsportlehrerin vor allem über "bewegende" Themen.

Infos: www.sportjournalistin.de

Videos:
Jost Blomeyer arbeitet mit Körper und Geist. Als Yoga-Lehrer, Coach und Trainer für Kommunikations- und Gesundheitsthemen unterstützt er Menschen und Unternehmen bei ihrer Entwicklung.

Infos: www.metatraining.de

AFP

Linksammlung

Acro-Yoga: www.acroyoga.org
Anti-Gravity-Yoga: www.antigravityyoga.com
Anusara-Yoga: www.anusarayoga.com
Ashtanga-Yoga: de.ashtangayoga.info
Bikram-Yoga: www.bikramyoga.com
Forrest-Yoga: www.forrestyoga.com
Hormon-Yoga: www.dinahrodrigues.com.br/yoga/al_home.htm
Iyengar-Yoga: www.iyengar-yoga-deutschland.de
Ashtanga-Yoga: de.ashtangayoga.info
Jivamukti-Yoga: www.jivamuktiyoga.com
Kundalini-Yoga: www.3ho.de
Nivata-Yoga: www.nivata.de
Power-Yoga: www.poweryoga.com, www.poweryogagermany.de
Sivananda-Yoga: www.sivananda.org
Spirit-Yoga: www.spirityoga.de
Tulayoga: www.tulayoga.com
Vini-Yoga: www.viniyoga.de
Vinyasa-Flow-Yoga: www.shivarea.com
Yin-Yoga: www.yinyoga.com

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