SPIEGEL ONLINE: Frau Lind, es gibt bereits unzählige Fitnessratgeber. Warum braucht die Welt auch noch ausgerechnet Ihr "Superweib-Fitnessprogramm"?
Lind: Weil mein Buch keine "Bikini-Figur in 30 Tagen" oder ähnliches verspricht, sondern erklärt, wie man den inneren Schweinehund erzieht. Und ich weiß genau, wovon ich spreche. Ich bin 55, habe vier Kinder geboren und habe früher Sport als Strafe empfunden.
SPIEGEL ONLINE: Sie hatten den inneren Schweinehund also selbst nicht im Griff?
Lind: Im Gegenteil. Ich war ein dickes, unsportliches Kind. Es gab nie Medaillen oder Urkunden für mich, im Sportunterricht wurde ich immer als Letzte gewählt. Oder ich hing wie ein nasser Sack an den Turngeräten. Ich hatte keine Kondition, ich hasste Bewegung.
SPIEGEL ONLINE: Klingt traumatisch. Wie sind Sie trotzdem noch zur Sportlerin geworden?
Lind: Es machte "Klick" bei mir, als ich vor 15 Jahren in einem Seminar eines Fitnessmotivators saß. Damals legte sich ein Schalter in meinem Kopf um, und ich wusste: Du musst dein Leben ändern.
SPIEGEL ONLINE: Sie legten den inneren Schweinehund an die Kette.
Lind: Richtig. Seitdem möchte ich die Glücksgefühle nicht mehr missen, die mir der Sport gibt, und bewege mich täglich eine Stunde. Mein Körper wurde energiegeladener, stabiler, straffer. Mit meinem Buch möchte ich andere Frauen ermutigen, das auch zu schaffen.
SPIEGEL ONLINE: Sie trainieren wirklich jeden Tag?
Lind: Ich putze mir jeden Tag die Zähne - und ich mache jeden Tag gleich nach dem Aufstehen mein Sportprogramm. Das eine wie das andere sind für mich vollkommen selbstverständliche Rituale, über die ich nicht mehr nachdenken muss.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie denn heute schon trainiert?
Lind: Ich habe Übungen nach einer Pilates-DVD gemacht. Eine tolle Trainingsmethode, die ich nur empfehlen kann.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Übungen, die Sie nicht so gerne machen?
Lind: Meine Arme sind nicht besonders gut trainiert. Alles rund um die Liegestütze mache ich deshalb nicht so gerne. Aber das wird noch.
SPIEGEL ONLINE: Laufen Sie auch?
Lind: Ja, wenn das Wetter gut ist, laufe ich gerne. Allerdings interessieren mich Bestzeiten und Wettkämpfe überhaupt nicht. Nur einmal habe ich bei einem Halbmarathon mitgemacht. Ich achte nicht aufs Tempo, mir geht es um die Bewegung an der frischen Luft.
SPIEGEL ONLINE: Belohnen Sie sich hinterher für das Training, zum Beispiel mit Süßigkeiten?
Lind: Für mich besteht die Belohnung in dem wunderbaren Gefühl des Ausgepowertseins - und dass ich die restlichen 23 Stunden des Tages mit Essen, Sitzen oder Liegen verbringen darf, ohne dass die Energiebilanz ins Negative rutscht.
SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich nach einer Trainingseinheit kreativer?
Lind: Absolut. Ich schreibe derzeit einen neuen Roman. Das Sportprogramm ist für mich die Grundlage für meine geistig-schöpferische Arbeit am Schreibtisch.
SPIEGEL ONLINE: Einige Männer trainieren für den Marathon, wenn die Midlife-Crisis beginnt. Hilft Sport auch Frauen, diese Lebensphase zu überstehen?
Lind: Ich will nicht für alle Frauen sprechen. Für mich kann ich aber sagen, dass mir der Sport geholfen hat, einige Lebenskrisen zu meistern, Selbstzweifel aufzulösen, mich selbst zu mögen. Viele Menschen greifen in problematischen Phasen eher zu Alkohol, Zigaretten und Drogen, und ich bin sehr froh, stattdessen den Sport als Glücksdroge für mich entdeckt zu haben.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Rat geben Sie mit Ihrer Lebenserfahrung jüngeren Frauen, die sich durch Diäten und Schönheitsideale verrückt machen lassen?
Lind: Ich rate allen Frauen, egal welchen Alters und unabhängig von Diäten und Idealen: Macht was, bewegt Euch, tut Eurem Körper etwas Gutes - und das am besten bis Ihr 80 seid!
Das Interview führte Wendelin Hübner
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