Läufer-Urteil Der Hund an sich trägt Kollektivschuld

Wie konnte das passieren? Achim Achilles hat ein dickes Minus auf seinem Läuferkonto. Sein Vorhaben, das im Morgengrauen wieder auszugleichen, endet im Desaster.

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Achilles-Klassiker
    In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

    Dieser Text erschien bei SPIEGEL ONLINE ursprünglich im Jahr 2007.

Ich schwöre, heute wollte ich laufen gehen. Ich wollte nicht nur, ich musste. Eine Woche ohne Laufen, das ist wie ein Monat ohne Bier - eine Katastrophe. Schon am zweiten Tag ohne Training spürt man, wie sich entfesselte Fettzellen aufpumpen. Spätestens am dritten Tag ohne raunze ich meine Frau an, zwar fast immer zu Recht, aber das will sie einfach nicht kapieren. An Tag vier verspüre ich schlimme Anzeichen einer Handy- und Computer-Allergie. Überall bimmelt und rappelt es. Ich giere nach der Ruhe des Waldes.

"Lerne leben ohne Laufen", so ungefähr dichtete einst der große Physio-Philosoph Udo Jürgens. Aber es geht nicht. Nur frische Luft außerhalb der digitalen Welt kann mich retten. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mit der Gabel rhythmisch über den Teller schrieke, weil mir das Geräusch schleifender Walking-Prügel fehlt. Sicheres Zeichen unmittelbar bevorstehenden Laufmangelwahnsinns.

Die Regel lautet: Jede Stunde laufloses Leben muss durch mindestens eine Minute Training kompensiert werden. Macht 144 Minuten pro Woche. Die verheerende Bilanz der letzten sieben Tage: 43 Minuten. Ich habe also 101 Minuten Laufschulden plus gut 70 aus der letzten Woche. Die Monate davor habe ich zum Glück vergessen. Auf jeden Fall stehe ich kurz vor der läuferischen Privatinsolvenz.

Nach der siebten Runde linkshüftiger Stechschmerz

Vor ein paar Wochen habe ich testhalber den Wecker auf 5 Uhr 50 gestellt. Er bimmelte wirklich. Mona schlug mich mit ihrem Schmusekopfkissen, murmelte "Schwachkopf" und schnarchte weiter. Ich fühlte mich wie Hektor, als ich aus dem Haus trat. Der nächstgelegene Park ist leider nicht viel größer als das Studio von Anne Will, maximal 200 Meter Umlaufbahn. Nach der siebten Runde verspürte ich linkshüftigen Stechschmerz. Ich lief fünfmal andersherum. Dann war mir schlecht von der Kreiselei.

Laufen zur besten Schlafzeit ohne Frühstück mit einer kaum verdauten Vorabendflasche Weißburgunder im Bauch ist die Hölle. Ich stellte mich auf den Rasen und kreiste die Arme. Ich überlegte, wie diese Yoga-Übung ging, die Mona einst exerzierte, weil man davon in fünf Minuten superfit und muskulös wird. Knarzend begab ich mich in den Liegestütz. Das Gras war wunderbar weich und morgenfeucht. Die komische Masse unter meiner linken Hand fühlte sich allerdings nicht an wie Tau, allenfalls wie sehr dichter.

Keine Ahnung, was die Passanten dachten, die zur U-Bahn hetzten, als sie den Schrei hörten, das folgende Fluchen und einen mäßig austrainierten Herrn sahen, wie er seine Linke hektisch über den Rasen wischte. Bilanz um 6.30 Uhr MEZ: Höchstens zweieinhalb Kilometer gelaufen, beide Hüften ruiniert und ein knappes Pfund Hundehaufen an der Flosse.

Die Verkäuferin beim Bäcker schnupperte skeptisch, als ich bezahlte. Ich deutete auf den feinen Pudel, den die alte Dame neben mir an der Leine hielt. Der Hund an sich trägt Kollektivschuld. Ich fuhr den ganzen Tag mit dem Rad, um meine Bewegungsbilanz zu verbessern, zur Post, zum Weinladen und sogar abends zum Nudelessen mit Klaus Heinrich.

"Ich will doch nur laufen"

Heute nun wird alles besser: Ich werde endlich wieder richtig laufen. Punkt vier muss Karl in der Musikschule sein. Wenn ich in Laufklamotten ins Auto springe, ihn absetze und mit einem U-Turn zum Insulaner jage, bleiben mir exakt 38 Minuten. Auf einem Hügel mitten im Park steht eine Sternwarte, für Berliner Maßstäbe befinden wir uns also in einem hochalpinen Sauerstoffmangelgebiet. Vier, fünf Bergläufe sind gerade so drin.

Wenige hundert Meter vor dem Ziel schreit das Handy. Mist. Ein großzügiger Auftraggeber ist dran. Ich klemme das Telefon zwischen Ohr und Schulter und sülze nach Kräften, während ich elegant mit dem rechten Hinterrad auf den Kantstein hopse. Zwei Polizisten schauen interessiert durchs Beifahrerfenster. Sie kontrollieren eigentlich Fahrräder, wollen aber dennoch, dass ich aussteige. Ich stammele "Entschuldigung...ääh...Polizei...neinneinnichtsErnstes...rufezurück..." ins Telefon und verabschiede mich von einem fetten Auftrag.

"Ich will doch nur laufen", erkläre ich den Ordnungshütern. Nach heftigerem Wortgefecht lautet die Antwort unverändert: "60 Euro wegen Telefonieren am Steuer." Immerhin sehen sie von einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung ab, weil der Dickere von beiden behauptet, auch Läufer zu sein. Man kann sich seine Verbündeten nicht immer aussuchen. Ich gucke auf die Uhr. Noch zwölf Minuten. Na gut, dann stretche ich heute eben nur. Ist auch besser für die Hüfte.


Dieser Text ist ein Auszug aus:
Achim Achilles: "Achilles' Verse - Lerne Laufen ohne Leiden"

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Achim Achilles:
Lerne Laufen ohne Leiden

Heyne Verlag; Band II; 224 Seiten; 7,95 Euro

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wanderer777 02.10.2017
1. Laufende Junkies
Mal ganz ehrlich - Joggern geht es weder um "die Ruhe des Waldes", noch um "frische Luft". Beides lässt sich nämlich im gemütlichen Gehen viel besser tanken. Allen Joggern, die ich kenne, geht es entweder um schlichten Ehrgeiz (das sind dann jene, die auch mal gerne Kinder und Hunde über den Haufen rennen, um die eigene Bestzeit zu schlagen) oder nur darum, den nächsten Endorphinschub freizusetzen. Sie sind schlicht süchtig nach ihren körpereigenen Drogen.
murksdoc 02.10.2017
2. Runsel in Distress
Gängige Stresstheorie ist, das ein gewisses Mass an Stress, "Eustress" genannt, einen gesunden Trainingseffekt hat, Stress, der nicht voll kompensiert oder bearbeitet werden kann, heisst "Distress" und macht auf Dauer krank. Das hier oben ist ein klarer Fall von "Distress". So ein knapper Terminkalender, der bei den kleinsten Ereignissen gleich zusammenbricht, das für herzinfarktgefährdete Manager typische Gefühl, nicht unersetzlich zu sein (warum kann Karl nicht mit dem Fahrrad, der UBahn oder mit seiner Lebensabschnitts-Stiefmutter in die Musikschule kommen - Wer Heavy Metal am Schlagzeug üben will, sollte soetwas hinbringen, das weiss vermutlich auch Karl? Warum kann man ein Handy nicht 10 Minuten abschalten, wenn man Zeit für sich selbst braucht?) beschreibt den Typ Mensch, der den Herzinfarkt als "Bremse" braucht, um zur Einsicht zu kommen, das es auch anders geht, dass die Welt sich auch ohne einen weiterdreht. Und dieser Infarkt kommt garantiert. Die Natur ist schliesslich nicht blöd (und läuft überall mit). Und jetzt kostenlos als Bonus noch ein paar allgemeine Lebenstips: 1. Wer in die Hundekacke gelangt hat, geht anschliessend nicht zum Bäcker und verseucht das Geld, die Semmeln und seine Familie mit dem Hundebandwurm Echinokokkus granulosus . Wer einmal im Leben diese riesigen gallertigen Zysten voller Millionen von Larven gesehen hat, die sich beim Menschen in allen Organen, in den Knochen und im Gehirn bilden können, der überlegt sich, ob er nicht lieber Laufschuhe aus Holz haben würde, als sowas. Hier ist also konsequente Nuilldiät angesagt. Jedenfalls vor dem Händedesinfizieren. 2. Es heisst "Randstein", nicht "Kantstein". Mancherorts auch "Bordstein", weil "Bord" eben auch "Rand" heisst. Sonst hiessen runde Rand- oder Bordsteine, die es überall auch gibt, "Rundsteine" und haben Sie soetwas schonmal irgendwo gehört? 3. Autoreifen "hopsen" da nicht drauf, sondern werden von unfähigen Motoristen da hochgequält (Sein Sie froh, dass Räder nicht "hopsen" können. Dann wäre mancher Fahrstil noch grässlicher). https://is.gd/GA0b9V
qoderrat 02.10.2017
3.
Ich verstehe solche Menschen nicht, leben mit und von ihrem Telefon und schaffen es nicht einmal eine funktionierende Freisprechanlage im Auto zu haben. Ich telefoniere im Schnitt 2 Mal im Jahr im Auto, der Rest der Anrufe ist nicht so wichtig, wird weggedrückt und nach dem Fahren beantwortet und bei mir klappt das trotzdem. So kann man sich dann auch Stress machen im Leben, den man dann mit stressigem Laufen versucht zu überkompensieren. Wenn die Überwindung so gross ist, würde ich es einfach mal mit einer anderen Sportart versuchen bis ich eine gefunden hätte die mir mehr Spass macht und bei der ich kein Hüftstechen bekomme. Ausgleichsport muss kein Leistungssport sein.
sharkslayer 02.10.2017
4.
Die lieber Gott, AA ist Satire! Ist mir völlig schleierhaft wie man das nicht verstehen kann. Belehrungen ueber Kantstein vs Randstein und die aufgeblasene Erinnerung an den akut tödlichen Fuchs/Hund/Schweins/Whatever-Bandwurm sind absoluten fehl am Platze. Der spazierengehende Kollege (Gehen ist viieeel schöner als Laufen) hat wahrscheinlich auch zwei Stöckchen im Kofferraum und würde in der Tat von Achim mit einem eleganten Hueftstoss im Vorbeilaufen ins Gebüsch gestossen werden (wenn dieser sich sicher wäre weder beobachtet noch später erwischt zu werden). Je alter ich werde desto mehr finde ich mich in diesen Posts wieder, 100%. Mal wieder herzlich gelacht, Danke Achim!
murksdoc 02.10.2017
5. @sharkslayer
Satire ist das? Ach so, deshalb liege ich immer am Boden, wenn einer ausrutscht, und irgendwo in die Kacke fällt. Und wissen Sie, woran ich sehe, dass ich älter bin als Sie? Raten sie mall ich verate es nicht aber ich gebe ihnnen ein pahr kleine tipps. Ein Tip von mir: nicht nur konsumieren, auch denken. Ist Ihnen zum Beispiel aufgefallen, dass SPON 55/2017 in einem Bezahlartikel eine "revolutionäre Neuheit" auf dem Fahrradmarkt, genannt "Cyfly", vorstellt? Oder ist das auch Satire? Das gibt es nämlich schon seit 1983 und nannte sich damals "Biopace". Damals schon haben Sportmediziner (unter meiner unwesentlichen Beteiligung) gezeigt, dass das Zeug nichts taugt (obwohl die Idee genial ist). Aus meiner Zeit in der Sportmedizin kann ich auch noch die Fähigkeiten (und die Grenzen) eines Langstreckenläufers ganz gut abschätzen. In Anbetracht meiner eigenen sportlichen Entwicklung kann ich ihrem Freund, dem Satiriker, nur dringend davon abraten, auch nur den Versuch zu machen, mich in ein Gebüsch zu stossen. Das würde er aber sowieso nicht tun. Dafür halte ich ihn für zu intelligent. Und zum Schluss: mit "Stöckchen" läuft man nicht. Die schmeisst man weg. Damit man die Hunde (wenigstens zeitweise) los ist. https://is.gd/39jYbf / https://is.gd/Dv9gaD
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