Achilles' Ferse: Deutschlands schnellstes Maskottchen

Hannibal ist Deutschlands schnellstes Maskottchen. Im Kostüm steckt Michael Stiebler, der für den Deutschen Handballbund sogar seinen Job gekündigt hat. Im Interview verrät er: Eichhörnchen ist ein Knochenjob.

Deutscher Handballbund: Maskottchen Hannibal ist das schnellste Fotos
ani-motion

SPIEGEL ONLINE: Herr Stiebler, herzlichen Glückwunsch, Sie haben das Maskottchenrennen beim Deutschen Turnfest gewonnen.

Stiebler: Danke. Ich musste aber auch alles geben, denn der Erwartungsdruck an mich als Titelverteidiger war enorm (lacht). Es war tatsächlich schwierig, weil ich im Kostüm nicht sehen kann, wer neben mir läuft. Später habe ich gesehen, dass ich sogar zwei, drei Schritte Vorsprung hatte.

SPIEGEL ONLINE: Bei dem 250-Meter-Lauf um die Bühne hat Hannibal aber auch etwas geschummelt.

Stiebler: Nee, Moment, da hat sich meine Erfahrung aus den letzten Läufen gezeigt (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Sie trugen Turnschuhe, während andere in ihren Kostüm-Schuhen in Übergröße laufen mussten.

Stiebler: Das stimmt nicht ganz. Zwei, drei andere Kollegen hatten auch schmaleres Fußwerk.

ZUR PERSON:

Michael Stiebler Jahrgang 1983, ist seit 2007 das offizielle Maskottchen des Deutschen Handballbundes. Als Eichhörnchen Hannibal sorgt er bei den Spielen der Nationalmannschaft für Stimmung. Der gelernte Diplom-Logistiker gab seinen Job als Controller auf und gründete seine eigene Promotion- und Eventagentur. In seinem Keller lagern 23 Maskottchen-Kostüme von diversen Kunden.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer ist das Hannibal-Kostüm?

Stiebler: Also, fünf bis sieben Kilo wiegt es sicher. Es ist so, als würde man fünf dicke Jacken tragen, die mit der Zeit immer schwerer werden. Dazu hat man einen riesigen wackelnden Kopf mit eingeschränktem Sichtfeld.

SPIEGEL ONLINE: Als Hannibal schwitzt man sicher stark.

Stiebler: Ja, man verbraucht unheimlich viel Wasser. An einem Tag mit vier, fünf Stunden Einsatzzeit trinke ich rund vier Liter.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt immer mehr Leute, die kostümiert Marathon laufen. Wär das auch was für Sie?

Stiebler: Im Leben nicht! Ich habe höchsten Respekt vor Läufern, die im Ganzkörperanzug laufen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man so verkleidet länger als fünf bis zehn Kilometer ohne größere Blessuren bestehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie müssen Hände schütteln, Stimmung machen, ins Publikum winken. Ein Kinderspiel, oder?

Stiebler: Das denkt man immer. Aber man kann kaum atmen, nur sehr eingeschränkt sehen, der Kopf wird unglaublich heiß durch die Anstrengung - und dabei soll man noch halbwegs cool aussehen. Ist gar nicht so einfach. Nach einem Einsatz bei einem Handballspiel ist die Luft raus und durchatmen angesagt.

SPIEGEL ONLINE: Trainieren Sie für die Auftritte?

Stiebler: Klar. Ich gehe jede Woche ein bis zwei Mal joggen, damit mir die Puste nicht sofort ausgeht. Aber ohne Kostüm! Je besser die Kondition, desto leichter bewegt man sich kostümiert. Auch was die Show angeht, überlege ich mir was. Beim All-Star-Spiel in Leipzig haben wir Handball-Maskottchen den Gangnam-Style getanzt. Ich habe die Choreografie gemacht, obwohl ich kein begnadeter Tänzer bin. Aber es sah lustig aus.

SPIEGEL ONLINE: Als Maskottchen lebt man bisweilen gefährlich. Sie lösen nicht bei allen positive Gefühle aus.

Stiebler: Es gibt immer Halbstarke, die sich profilieren wollen und sich das schwächste Glied aussuchen. Es ist aber äußerst selten, dass es Ärger gibt. Ich sehe den Leuten an, wenn Sie keine Lust auf Animation haben und dränge mich niemandem auf.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist der Kontakt zu den Handball-Nationalspielern?

Stiebler: Kollegial freundlich. Wir begegnen uns im Umkleidetrakt, viele kennen mich auch in zivil und grüßen.

SPIEGEL ONLINE: Sagen die Michael oder Hannibal?

Stiebler: Gemischt, aber eher Hannibal (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie überhaupt zu dem Maskottchen-Job?

Stiebler: Bei der WM 2007 im eigenen Land waren fünf Hannibals im Einsatz. Ich war einer davon und habe den Job wohl ganz zufriedenstellend erledigt. Danach hat der DHB gesagt: Stiebler, dann machen Sie es doch.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Leute, wenn Sie hören, dass Sie ein Maskottchen spielen?

Stiebler: Die finden es erst cool und schmunzeln. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass viele mich dann nicht mehr für voll nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Kommt dann die Frage was ist Ihr eigentlicher Beruf ist?

Stiebler: Den habe ich ja dafür gekündigt. Ich war Controller bei einem Automobilzulieferer. Vorher habe ich Logistik studiert und auch abgeschlossen. Nicht, dass die Leute denken, ich hätte nichts gelernt. Der Maskottchen-Job war zunächst nur ein Zubrot als Student.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben Sie sogar Ihre eigene Maskottchen-Agentur mit 14 Animateuren und rund 40 Promotern. Ihre Leute sind im Dauereinsatz. Hannibal spielen Sie aber immer noch selbst. Warum?

Stiebler: Das ist die Handball-Nationalmannschaft - Hannibal ist Chefsache.


Spaß am Laufen auch ohne Kostüm: "Laufen und Lust: In zehn Schritten zu mehr Spaß am Leben", Achim Achilles, Mano-Verlag, 3,99 €.

Das Interview führte Frank Joung

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ernährung & Fitness
RSS
alles zum Thema Achilles' Ferse - Beratung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
Buchtipp

ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.