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Diabetes: Wenn Kinder messen und spritzen müssen

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Für Kinder mit Typ-1-Diabetes gehören Blutzuckermessen und Insulinspritzen zum Alltag. Kindergärten und Schulen sind mit der Betreuung oft überfordert. Dabei sind viele Ängste unbegründet.

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Blutzucker messen: Kinder mit Typ-1-Diabetes müssen betreut werden

Jan und Lukas sind seit dem Kindergarten die dicksten Freunde. Deshalb wollen die beiden Sechsjährigen nun gemeinsam in die gleiche Schule gehen. Doch während Jan völlig gesund ist, leidet sein Freund Lukas seit seinem vierten Lebensjahr an Typ-1-Diabetes. Für den Kindergarten kein Problem. Die Wunschgrundschule am Ort aber sträubt sich: Dort sieht man sich außer Stande, das Kind ausreichend zu betreuen und hat die Eltern auf eine Integrations- oder Förderschule verwiesen.

Etwa 25.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland haben Typ-1-Diabetes. Fälle wie der von Lukas kommen immer wieder vor. Dabei dürfen Regelkindergärten und -grundschulen dem Diabetikerbund zufolge Kinder mit Typ-1-Diabetes nicht einfach ablehnen, wenn das Kind geistig in der Lage ist, den Unterrichtsstoff der Regelschule zu verstehen und eine mögliche Einschränkung des Schulalltags behebbar ist.

"Integrationskindergarten und -schule sind keine sinnvolle Lösung für Kinder mit Diabetes", sagt Wolfgang Marg, Leiter der Pädiatrischen Diabetologie und Endokrinologie der Prof.-Hess-Kinderklinik in Bremen. "Das entspricht auch nicht der Idee der Inklusion." Nach Meinung des Jugendmediziners sei eine Ablehnung durch eine normale Schule "eine Ausgrenzung, weil Kinder mit Typ-1-Diabetes ansonsten völlig gesund sind, genauso herumtollen wie ihre gesunden Altersgenossen und auch möglichst normal behandelt werden sollten."

Keine Sonderbehandlung nötig

Was ist bei Lukas anders als bei Jan? Ohne von außen zugeführtes Insulin gerät Lukas Körper in einen lebensbedrohlichen Zustand. Um akute Entgleisungen des Stoffwechsels und Organschäden zu verhindern, muss er mehrfach täglich den Blutzucker bestimmen, Broteinheiten berechnen und dann das lebenswichtige Hormon Insulin spritzen. Als Sechsjähriger benötigt Lukas dafür Hilfe. Etwa 3000 Kinder und Jugendliche nutzen eine Insulinpumpe, ein Gerät, das über einen Katheter das Insulin in den Körper leitet. Auch sie müssen die richtige Menge einstellen. Um den Insulin-Alltag zu bewältigen, müssen Kinder betreut werden, bis sie etwa neun oder zehn sind.

DIABETES TYP 1
Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das eigene Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse angreift und zerstört. Die Insulinproduktion nimmt dadurch immer weiter ab. Hat die Zerstörung der insulinproduzierenden Zellen ein bestimmtes Maß überschritten, bricht die Erkrankung aus. Dann muss Insulin gespritzt oder per Insulinpumpe verabreicht werden, um die erhöhten Blutzuckerwerte wieder abzusenken.

  • Stimmt der Insulinspiegel nicht, kann es zu zwei kritischen Zuständen kömmen, die Betroffene dringend vermeiden sollten: Zur Unterzuckerung oder zu einem hohen Blutzucker mit einer Übersäuerung des Blutes (Ketoazidose).

  • Mögliche Gründe für eine Unterzuckerung sind vergessene Mahlzeiten, sportliche Aktivitäten oder zu große Insulinmengen. Aber auch Magen-Darm-Infekte oder Fehler bei der Selbstkontrolle können dazu führen.

Mögliche Gründe für einen zu hohen Blutzucker sind Ernährungsfehler, Infekte, seelische Belastungen, Fehler beim Spritzen, Bewegungsmangel.

Zwar haben Kinder mit Typ-1-Diabetes einen Behindertenstatus, weil sie nur so wichtige Hilfeleistungen in Anspruch nehmen können. Doch sie sind weder geistig oder körperlich behindert noch haben sie Entwicklungsstörungen und benötigen deshalb keine Sonderbehandlung im normalen Schulalltag. Viele Beispiele zeigen, dass es mit Engagement und gutem Willen aller Beteiligten und der zuständigen Stellen möglich ist, ein Kind mit Typ-1-Diabetes im normalen Kindergarten und in der Schule mit tragbarem Aufwand zu betreuen. Häufig auch mit der Unterstützung externer Helfer.

Unnötige Angst vor Haftungsfragen

Kindergärten oder Schulen wissen aber mitunter nicht, dass es vom Sozialamt finanzierte Diabetes-Schulungen für Lehrkräfte und Kindergärtnerinnen gibt. "Mehr Wissen über Typ-1-Diabetes würde bei den Lehrern Angst abbauen", sagt Marg. Doch diese fürchten mitunter Haftungsansprüche der Eltern, wenn sie etwas falsch machen sollten.

"Erzieher und Lehrer haften nur, wenn im Rahmen der Medikamentengabe vorsätzlich ein Fehler begangen wird", sagt Sabine Westermann. Wie die Berliner Rechtsanwältin für Gesundheitsrecht erläutert, greife andernfalls die gesetzliche Unfallversicherung - sofern es sich um eine äußere Einwirkung wie etwa das Spritzen von Insulin handelt. "Abgesehen davon befindet man sich in einer rechtlichen Grauzone. Deshalb sind für diese Fälle genaue schriftliche Absprachen zwischen Eltern und Lehrern sehr wichtig", so Westermann. Übernehmen Lehrer und Erzieher die Betreuung, sei es besonders wichtig, dass die Eltern für sie jederzeit ansprechbar sind und ihnen alle nötigen Informationen zukommen lassen.

Zu den externen Hilfen, die Schule und Kindergarten entlasten können, gehören spezielle Schulhelfer, die mehrere Kinder an einer Schule betreuen. Eltern können zudem beim Sozialamt eine Eingliederungshilfe beantragen. Der Kindergarten erhält dann einen Zuschuss, um zu bestimmten Zeiten noch zusätzlich Personal zu beschäftigen. Für die Schule gibt es die sogenannte persönliche Assistenz. Oder die Eltern erhalten ein Budget vom Sozialamt, aus dem sie eine zusätzliche Betreuungskraft bezahlen können. Grundsätzlich ist es aber auch möglich, dass der Haus- oder Kinderarzt einen Pflegedienst im Rahmen der häuslichen Krankenpflege verordnet. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse.

Weitere Informationen und Rechtsberatung gibt es beim Deutschen Diabetiker Bund sowie beim Bund diabetischer Kinder und Jugendlicher e.V..

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1. Wtf...
Babsi03 31.10.2014
Wieso soll das Kind denn bitte nicht auf ne normale Grundschule? Klar sollten die Lehrkräfte aufgeklärt sein, aber ein 6 - jähriges Kind kann das während des Schulunterrichts sehr wohl händeln, wenn es gut geschult ist. Wieso unterschätzen Erwachsene eigentlich immer die Kinder? Achja, auch im akuten Notfall ist das Kind nicht dem Tod geweiht oder so... Der Blutzuckerspiegel geht nicht von jetzt auf gleich in lebensgefährliche Höhen und bei einer extremen Hypo gibt's Notfallsets, die können sogar meine Kinder mir spritzen...
2. Verantwortung & Haftung
9813205girxjmyyga 31.10.2014
Natürlich kann ein Diabetes-Typ1-Kind eine normale Regelschule besuchen!Doch kann ich die Sorge von Lehrern und Schule nachvollziehen,die Verantwortung dafür zu übernehmen,daß dem Kind auch ja nichts "passiert".Können sie denn sicher sein,daß sie tatsächlich nicht verklagt werden,wenn es zu einer Unter-/Überzuckerung kommt,weil sie vermeintlich vielleicht nicht aufgepasst haben,daß das Kind in der Pause nicht den Zuckerriegel vom Klassenkamerad gegessen hat oder im Sportunterricht zu schnell/lange gelaufen ist?Selbst wenn am Ende nichts dabei rauskommt:alleine Vorwürfe und schriftliche Stellungnahmen sind uns Lehrern vielfältig bekannt und verhasst,warum also ein zusätzliches Risiko eingehen?Es ist absoluter Schwachsinn,daß ein Diabetes-Typ1-Kind ggf. permanent von einem Pflegedienst begleitet werden müßte,weil ein gut geschultes DT1-Kind 99.99% aller Situationen alleine beherrscht.Aber wenn unsere shithstorm- und skandalträchtige, immer nach einem "Schuldigen" suchende Gesellschaft das so will ...
3. Vor 45 Jahren war das auch kein Problem - wieso heute ?
iffel1 31.10.2014
Damals wurde bei mir in der 5.Klasse Typ1 diagnostiziert und mit den damaligen Hilfsmitteln war das auch kein Problem. Heute können Kinder in diesem Alter problemlos ihren Blutzucker kontrollieren (gab es damals nicht) und es gibt CGM-Geräte, die laufend die Werte online an einen kleinen Empfänger senden. Gymnasium und Ausbildung waren damals schon kein Problem, das wird heute - trotz zahlreicher Hilfsmittel - hoch gespielt. Mein Rat aus eigener Erfahrung: auch Klassenfahrten sind kein Problem, also Schule, Studium, Ausbildung, das geht heute einfacher denn je. Liebe Lehrer, keine Sorge, wenn der Staat nicht wieder alles reglementiert, werden Typ1-Kinder jedem Unterricht normal folgen können - egal ob Sport, oder Chemie ;o)
4. Pädagogen ohne Ideologie ...
Soletan 31.10.2014
... gibt es an deutschen Schulen zur Genüge. Im Fall unseres Sohnes, der Typ 1 Diabetes seit seinem 14. Lebensmonat hat und inzwischen 10 Jahre ist und kein Anspruch auf irgendeine Hilfe mehr hat, empfahlen sogar die Ärzte den Besuch einer Sonderschule, weil man dort seinen Diabetes direkt betreuen könnte. Dass er geistig eher Klassenprimus ist und alle stoffwechselgesunden Kinder eher den Gang zur Sonderschule bräuchten als er zeigt dann nur, wie wenig es Schulen um pädadogische Kompetenzen geht, sondern nur um Arbeitserleichterung. Kontaktscheu mit der Krankheit gehört dazu, aber auch der mangelnde Wille, sich auf solche Grenzfälle einzustellen. Rollstuhlkinder durch Anbau einer zig Tausende Euro kostenden Schulausstattung zu integrieren oder Kinder mit Down-Syndrom bis zur 10. Klasse ohne Benotung durchzuschleifen, weil die Eltern es wünschen ... das kann unser System. Doch Menschen mit so unscheinbarer Beeinträchtigung wie Diabetes will keiner haben ... entweder liegen die bewusstlos am Boden und man muss vom knappen Personal Leute für die Betreuung abstellen oder sie sehen so normal aus, dass man nicht mal ein Fotos machen kann, dass die soziale Ader des Schulleiters medienwirksam dokumentiert. Wenn die doch wenigstens dümmlich schauen könnten, wäre vermutlich vieles leichter zu organisieren ...
5. Richtige Schulung?
Soletan 31.10.2014
Sowohl mir als Typ1-Diabetiker als auch meinem Sohn wurde immer eingetrichtert, dass man die Fingerkuppe seitlich anstechen soll, weil die dauerhaften Einstiche so nicht die Sensibilität der Fingerspitzen beeinträchtigt. Offenbar ist die Info im fotografierten Fall nicht vermittelt worden oder gar angekommen ...
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Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.

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Diabetes mellitus
Honigsüßer Durchfluss
Der Diabetes mellitus (wörtlich aus dem Griechischen: "honigsüßer Durchfluss"), umgangssprachlich Zuckerkrankheit genannt, ist eine chronische Stoffwechselstörung. Der Name bezieht sich auf den zuckerhaltigen Urin, an dessen Süße die Krankheit in der Antike erkannt wurde. Heute gilt Diabetes als Überbegriff für verschiedene Krankheitsbilder, die durch zu hohe Blutzuckerwerte, die Hyperglykämie, gekennzeichnet sind. Der Grund dafür ist, dass Traubenzucker (Glukose) wegen eines Insulinmangels nicht mehr in die Zellen aufgenommen werden kann und sich im Blut anreichert.
Typ-1-Diabetes
Beim Typ-1-Diabetes, von dem fünf bis zehn Prozent aller Zuckerkranken betroffen sind, zerstört das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Die Symptome des fortschreitenden Insulinmangels beginnen meist in der Kindheit oder der Jugend: Die Blutzuckerkonzentration steigt extrem an, es kommt zu starkem Wasser- und Nährstoffverlust, was ständigen Durst und häufiges Erbrechen zur Folge hat. Auch eine schnelle Gewichtsabnahme gehört zu den Symptomen. Als Therapie müssen die Diabetiker sich Insulin selbst spritzen. Als Ursache von Typ-1-Diabetes werden genetische Veränderungen vermutet.
Typ-2-Diabetes
Der Typ-2-Diabetes wurde früher als Altersdiabetes bezeichnet. Im Zuge wachsender Zahlen übergewichtiger Menschen insbesondere in den Industrieländern erkranken aber immer öfter auch junge Menschen und inzwischen sogar Kinder am Typ-2-Diabetes. Falsche Ernährung gilt als die Hauptursache der Krankheit: Die großen Mengen von Zucker, die dem Körper zugeführt werden, kann die Bauchspeicheldrüse in jungen Jahren noch durch eine verstärkte Insulinproduktion wettmachen. Im Laufe der Zeit versiegt aber die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse und auch die Zellen werden unempfindlicher für das Insulin, sodass die Glukose immer schlechter abgebaut wird und sich im Blut anreichert.

Im Unterschied zum Typ 1 gibt es beim Typ-2-Diabetes lange keine eindeutigen Symptome wie etwa verstärktes Wasserlassen oder Durstgefühl, sondern eher unspezifische Anzeichen wie ein ständiges Hungergefühl, Gewichtszunahme, Niedergeschlagenheit und Müdigkeit. Typ-2-Diabetes kann anfangs durch gesündere Ernährung, mehr Bewegung und Abnehmen bekämpft werden. Gelingt das nicht, sind später Medikamente zur Regulierung des Blutzuckers und auch eine Insulintherapie notwendig.
Verbreitung
Diabetes gehört schon heute zu den größten Volkskrankheiten und wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich dramatisch ausbreiten. Schätzungen zufolge gibt es weltweit mehr als 150 Millionen Zuckerkranke, Tendenz stark steigend.

In Deutschland lebten laut Einschätzungen der DEGS Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts 7,2 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 79 Jahren mit Diabetes, demnach sind 4,6 Millionen Personen betroffen. Bei den 70- bis 79-Jährigen ist mehr als jeder Fünfte an Diabetes erkrankt (21,9 Prozent). Die Zahl der Erkrankungen ist zwischen 1997 und 2010 um 38 Prozent angestiegen, davon sind nur 14 Prozent durch die Alterung der Bevölkerung zu erklären.


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