Diabetes: Sport hilft besser als Diät
Was hilft bei Diabetes? Abnehmen, hieß es lange. Jetzt haben Forscher geradezu ein Verjüngungsmittel für Zuckerkranke entdeckt: Sport. Demnach ist Bewegung viel effektiver als eine Diät.
Das Ergebnis ist erbaulich und zugleich erstaunlich. Bisher galt Typ-2-Diabetes eher als Folge allzu kalorienreicher Nahrungsaufnahme. Diewertje Sluik, 28, von Haus aus Ernährungswissenschaftlerin und jetzt an der Universität Wageningen in den Niederlanden, vermutete dann auch, insbesondere die Essgewohnheiten würden das Schicksal von Diabetes-Patienten beeinflussen.
Doch Sluik wollte es genau wissen und wertete die Daten von 5859 Patienten aus. Überdies analysierte sie zwölf ältere Studien daraufhin, warum die einen zuckerkranken Menschen jung sterben und die anderen alt werden. Das überraschende Ergebnis: Bewegung hat einen größeren Effekt als Diäten.
"Diabetiker, die körperlich aktiv sind, haben ein um 38 Prozent verringertes Risiko zu sterben", sagt Sluik, die jeden Tag mit dem Fahrrad zum Labor fährt. Und niemand müsse zum Leistungssportler werden: "Bereits moderate Bewegung hat einen schützenden Effekt. Gerade wenn man schon Symptome hat, lohnt es sich, aktiv zu werden."
Die im Fachmagazin "Archives of Internal Medicine" veröffentlichte Studie ist der neueste Hinweis auf die Heilkraft der Bewegung. Sie löst physiologisch messbare Veränderungen aus, die wie eine gute Medizin wirken. Im Körper von Diabetes-Patienten etwa ist es der Blutzuckerspiegel, der sich durch körperliche Aktivität verbessert. Auch bei Rückenschmerzen, Depressionen, Verkalkung der Gefäße oder etwa Arthrose kann die Bewegung Krankheitsursachen bekämpfen.
Der Rat, sich körperlich zu betätigen, ist alles andere als läppisch. Von führenden Ärzten werden die Erkenntnisse der Bewegungsforscher so ernst genommen wie noch nie: Der erste europäische Kongress "Exercise is Medicine" (Bewegung ist Medizin) wird am Donnerstag in Berlin eröffnet.
"Die Sportmedizin ist in der klinischen Medizin angekommen", sagt Herbert Löllgen, Internist, Kardiologe und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP). Auf dem Kongress, der dem Jahrestreffen der DGSP vorgeschaltet ist, werden Experten aus Finnland, Frankreich, Deutschland, Schweden und der Schweiz nicht nur neue Ergebnisse präsentieren, sondern auch beraten, wie es gelingen könnte, möglichst viele Patienten in Bewegung zu setzen.
Der gute Arzt sagt: "Trainieren Sie einmal!"
Eine Schlüsselrolle fällt den niedergelassenen Ärzten zu. Doch ausgerechnet von ihnen haben etliche vom Prinzip "Heilen mit Bewegung" noch nicht allzu viel mitbekommen und raten kranken Menschen eher zur Bettruhe. In der Ausbildung spielt die Sportmedizin kaum eine Rolle, weshalb viele Doktoren gar nicht wissen, wie sie die Bewegung für ihre Patienten arbeiten lassen können.
Ganz im Gegenteil: Im Medizinstudium werde noch immer eine mechanistische Herangehensweise in Diagnostik und Therapie gelehrt, bemängelt Jürgen Steinacker von der Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin am Universitätsklinikum Ulm. Allzu viele Mediziner betrieben eine "Wertschöpfung am Patienten", kritisiert Steinacker. "Der schlechte Arzt verkauft dem Patienten eine Knieprothese. Der gute Arzt sagt: Trainieren Sie einmal!"
Jedoch ist die europäische Initiative "Exercise is Medicine", die Steinacker leiten wird, nicht das einzige Anzeichen, dass etwas in Bewegung gerät. Krankenkassen gingen dazu über, sportmedizinische Untersuchungen zu erstatten, berichtet DGSP-Präsident Löllgen. Überdies würden nunmehr Ärzte im ganzen Bundesgebiet "Rezepte für Bewegungstherapie" ausstellen.
Je nach Erkrankung kreuzt der Doktor auf dem rosafarbenen Zettel an: Gehen, Laufen, Walking, Nordic Walking, Schwimmen, Radfahren, Ergometertraining, Gymnastik oder Krafttraining. Die Nebenwirkungen stehen auf der Rückseite: Bei "übermäßiger Luftnot, verstärktem Herzstolpern, Brustenge oder Schwindel" möge man sich beim Hausarzt vorstellen.
Ungewöhnlich an diesem Rezept ist auch, dass es gesunden Menschen durchaus zu empfehlen ist. Auch davon wird auf dem großen Treffen der Sportmediziner in Berlin die Rede sein. Forscher der Universität Kiel etwa wollen berichten, wie sie die Ausdauerfähigkeit von 310 Menschen im Alter von 20 bis 70 Jahren untersucht haben, von denen die einen körperlich aktiv waren, die anderen indes träge.
Das Ergebnis ist bemerkenswert: Die aktiven 60- bis 70-Jährigen waren nahezu genauso fit die wie inaktiven 20- bis 30-Jährigen. Schon moderate Bewegung, so die Kieler, lässt "sportlich Aktive offensichtlich 40 Jahre 20 bleiben."
Im Unterschied zum Typ 1 gibt es beim Typ-2-Diabetes lange keine eindeutigen Symptome wie etwa verstärktes Wasserlassen oder Durstgefühl, sondern eher unspezifische Anzeichen wie ein ständiges Hungergefühl, Gewichtszunahme, Niedergeschlagenheit und Müdigkeit. Typ-2-Diabetes kann anfangs durch gesündere Ernährung, mehr Bewegung und Abnehmen bekämpft werden. Gelingt das nicht, sind später Medikamente zur Regulierung des Blutzuckers und auch eine Insulintherapie notwendig.
In Deutschland lebten laut Einschätzungen der DEGS Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts 7,2 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 79 Jahren mit Diabetes, demnach sind 4,6 Millionen Personen betroffen. Bei den 70- bis 79-Jährigen ist mehr als jeder Fünfte an Diabetes erkrankt (21,9 Prozent). Die Zahl der Erkrankungen ist zwischen 1997 und 2010 um 38 Prozent angestiegen, davon sind nur 14 Prozent durch die Alterung der Bevölkerung zu erklären.
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