Mythos oder Medizin Nehmen manche Menschen leichter ab als andere?

Einfach mal die Schokolade weglassen, dann purzeln die Pfunde - einige Menschen kommen mit dem Trick recht leicht wieder in Form. Die anderen sind schlicht zu verfressen, könnte man meinen. Von wegen!

Diät: Manche müssen einfach mal ein bisschen Schokolade weglassen - andere sich stark einschränken
Corbis

Diät: Manche müssen einfach mal ein bisschen Schokolade weglassen - andere sich stark einschränken

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Unsere Biologie trägt eine Mitschuld an der Misere. Jahrtausende lang war der Mensch vom Hunger bedroht. Um zu überleben, steuerte der Körper gegen. Er brachte uns dazu zu essen. So viel wie möglich. So kalorienhaltig wie möglich. Mittlerweile hat sich die Umwelt gewandelt, Hunger spielt in vielen Teilen der Welt keine Rolle mehr. Der Körper aber ist noch auf seinem Steinzeit-Stand.

"Wir laufen noch immer rum und suchen nach Essen", sagt Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin in München. Schlank zu bleiben, ist eine Herausforderung geworden. Wie gut sie jemand meistert, hängt nicht nur von seinem Willen ab. Es ist auch stark davon geprägt, welche Gene ihm seine Eltern mitgegeben haben.

"Übergewicht wird sehr häufig als Willensschwäche abgetan", sagt Hauner. "Eine Teilverantwortung trägt jeder Mensch. Es sind aber auch die Erbanlagen, die das Gewicht erheblich beeinflussen."

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Adoptionsstudien: Der Einfluss der leiblichen Eltern

Wie stark das Erbgut die Neigung zu Speckröllchen beeinflusst, ahnten Forscher bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren. In einer wegweisenden Untersuchung bestimmten sie das Gewicht von 540 Erwachsenen, die adoptiert worden waren. Daneben vermaßen sie die leiblichen und die Adoptiveltern. Wer war dünn, wer normalgewichtig, wer dick und wer fettleibig? Das Ergebnis war eindeutig.

Die Adoptiveltern, mit denen die Versuchsteilnehmer gegessen, auf deren Tischdecke sie gekleckert und deren Kühlschrank sie geplündert hatten, hatten oft eine andere Figur. Die leiblichen Eltern hingegen, denen die Betroffenen lediglich ihre Gene zu verdanken hatten, waren häufig sehr ähnlich gebaut.

"Der genetische Einfluss scheint eine wichtige Rolle dabei zu spielen, wie dick ein Erwachsener wird", schlussfolgerten die Forscher 1986 im "New England Journal of Medicine".

Die Hoffnung: Beige Fettzellen, die Fett verheizen

Mittlerweile sind knapp hundert Erbgutschnipsel identifiziert, die den Body-Mass-Index (BMI) mitbestimmen. 40 bis 70 Prozent des BMI hängen demnach von den Genen ab. Das Entscheidende aber können Wissenschaftler auch heute nur zu einem kleinen Teil beantworten: Wie genau dirigiert das Erbgut das Gewicht?

Zumindest bei einem der Schnipsel, FTO-Lokus genannt, ist eine Forschergruppe der Antwort schon ziemlich nahe. Die Arbeiten zeigen, wie tief in den Körper man eindringen muss, um die Übergewichtsmechanismen zu verstehen.

Vor wenigen Jahren entdeckten Wissenschaftler, dass sich jede Fettzelle in zwei Richtungen entwickeln kann. Als weiße Fettzelle dient sie vor allem dem Speichern von Energie, sie ist die sparsame Vorratskammer. Als beige Fettzelle hingegen häuft sie das Fett nicht nur an, sondern verbrennt es auch, um den Körper zu wärmen. Sie ist der Ofen und nicht zu verwechseln mit einem dritten Typ, dem braunen Fett. Dieses wärmt ebenfalls, entsteht aber aus Vorläuferzellen der Muskeln.

Ob ein Mensch eher weiße Spar- oder beige Heizzellen bildet, hängt von der Variante seines FTO-Gens ab, zeigte eine Forschergruppe um Hauner im August 2015. Das Ergebnis spricht dafür, dass Menschen mit der beigen Genversion viel mehr Energie verheizen als Menschen mit der weißen.

Der Mechanismus ist einer von vielen Ansatzpunkten, um einmal Medikamente gegen Übergewicht zu entwickeln. "Es gibt noch Dutzende dieser Genabschnitte, die wir verstehen müssen", sagt Hauner. "Ich bin aber überzeugt davon, dass wir in fünf oder zehn Jahren schon viel besser differenzieren können, warum jemand zu Übergewicht neigt. Und zu sagen, was ihm persönlich hilft".

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Eifrige Darmbakterien, dicker Besitzer

Ein ganz anderer, ebenfalls wichtiger Ansatzpunkt für Therapien sind die Darmbakterien. Der Mensch kann pflanzliche Fasern, die Ballaststoffe, nicht selbst verdauen. Ohne die Hilfe seiner kleinen Untermieter würden sie einfach wieder in die Toilette plumpsen. Zerlegen jedoch die Bakterien die Ballaststoffe in kurzkettige Fettsäuren, kann sich der Mensch wieder bedienen und Energie aus ihnen ziehen. Mehrere Studien weisen darauf hin, dass diese Bakterien bei Übergewichtigen besonders effizient arbeiten.

Wie groß der Einfluss der Bakterien im Darm auf das Gewicht sein kann, veranschaulicht das Beispiel einer 32-jährigen Frau. Da sich in ihrem Darm schädliche Bakterien ausgebreitet hatten, bekam die Amerikanerin Stuhl einer anderen Frau transplantiert - und damit Milliarden nützliche Darmbakterien. Die Therapie war ein Erfolg, der Darm der Patientin beruhigte sich. Allerdings nahm die Frau in den 16 Monaten nach der Therapie 17 Kilogramm zu, trotz Diät und Bewegung.

Schuld daran waren vermutlich ihre neuen Darmbewohner. Die Ergebnisse machen Hoffnung, dass sich der Prozess auch in die andere Richtung leiten lässt.

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Muskeln verbrennen auch in Ruhe Fett

Bis es so weit ist, müssen Übergewichtige auf die beiden Hebel zurückgreifen, die sie selbst beeinflussen können: ihre Ernährung und ihre Bewegung. "Ich sage den Patienten immer, dass ihr Körper so sparsam ist, dass sie die ersten wären, die eine Hungerszeit überstehen würden", sagt Hauner. "In unserer heutigen Gesellschaft aber sind sie dazu gezwungen, weniger zu essen." Damit das gelingt, müssen Betroffene vor allem herausfinden, welchen Lebensstil sie lange durchhalten können, statt nur Diättrends hinterherzuhecheln.

"Mit kurzfristigen Veränderungen ist es auf keinen Fall getan", sagt Johannes Hebebrand, Direktor am Universitätsklinikum Duisburg-Essen. "Wir sprechen hier von Jahren und Jahrzehnten, die Menschen ihr Verhalten ändern müssen." Wer sich neben einer kaloriensparenden Ernährung zu Sport motivieren kann, profitiert doppelt. "Muskelmasse benötigt mehr Energie als Fett", sagt Hebebrand. "Wer muskulös ist, nimmt deshalb einfacher ab." Umgekehrt bedeutet das allerdings auch, dass einmal angefutterter Speck nur schwer wieder schwindet.

Klappt das Abnehmen trotz aller Anstrengungen nicht, rät Hebebrand zur Entspannung. Gerade im Alter dürfen es ein paar Kilo mehr sein. "Statistisch gesehen wird der Mensch im Durchschnitt pro Jahr 100 bis 500 Gramm schwerer", sagt Hebebrand. "Aber auch sonst gilt es, nicht zu verzagen. Das Leben geht weiter." Damit das funktioniert, ist auch die Gesellschaft gefragt. Die meisten Übergewichtigen kennen Blicke, die unausgesprochene Gedanken transportieren: "Muss der Dicke Eis essen?" Manchmal ja.

"Dass Übergewichtige einfach ein bisschen Schokolade weglassen sollten und schon funktioniert alles, ist einfach nur ein unreflektiertes Vorurteil", sagt Hebebrand.

Fazit: Manchen Menschen fällt das Abnehmen nachweislich schwerer als anderen. Kein Wunder: Die Gene entscheiden über gut 50 Prozent des BMI. Trotzdem kann jeder sein Gewicht auch selbst beeinflussen - durch gesündere Ernährung und Bewegung. Falls es mit dem Abnehmen partout nicht klappt, gilt: Wer sich bewegt und ausgewogen ernährt, lebt so oder so gesünder.

Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
tipaac 27.01.2016
1. Ganz ehrlich...
wer braucht denn für die Info, dass einige schneller und andere langsamer abnehmen einen solchen Artikel? Nennt sich Stoffwechsel.....mal schneller mal langsamer. Aber immer geht es nur um Abnehmen, ich habe einen ziemlich hohen Stoffwechsel und verbrenne Kalorien schneller als ich sie zu mir nehmen kann. Ich hätte mir in meiner Jugend gewünscht "dicker" zu sein, da das gesellschaftliche bashen von Dünnen vollkommen akzeptiert ist. Wie oft ich mir schon anhören konnte, "iss doch nochmal en Schnitzel" o.ä. kann ich gar nicht mehr zählen.....
a_priori 27.01.2016
2. Naja...
...trotz aller Schönrederei, Genetik hin oder her, bleibt es beim altem Fazit: Disziplin! Und wenn ich genetisch für die heutige Zeit schlechter disponiert bin, dann habe ich ohne Disziplin eben noch schlechtere Karten, so einfach ist das. Da helfen weder irgendwelche "Tricks" noch "Wunderdiäten"...
calamillor 27.01.2016
3. gesetze der physik
die gesetze der physik gelten auch beim menschen. ist der input höher als der output nimmt man zu - und umgekehrt. imho ist adipositas -die derzeitige epidemir- eine v.a. psychische erkrankung (oder symptomatik).
christianlennox 27.01.2016
4. Lieber ein Steak anstatt industriezucker
Wie in diesem Beitrag erwähnt hängt der menschliche Organismus noch in der Steinzeit fest. Daraus ist zu schließen dass es früher nichts anderes gab als Fleisch und Beeren. Doch die Beeren wurden meist nur verzehrt wenn man auf der Jagd keine Beute gemacht hat. Das gleiche kann man auch heute in vielen Fällen beobachten. Unser Zeitalter ist halt geprägt von Zucker, sehr wenige Nahrungsmittel sind wirklich naturbelassen und ohne Zusätze jeglicher Art von Einfachzucker. Das Halbzeit natürlich auch eine Kostenfrage, jedoch mal einen Versuch für jedermann wert, diesen einfach mal zu streichen und zu sehen was mit dem Körper passiert und Lebensmittel in ihrer Belassenheit zu schmecken ;)
ra-live 27.01.2016
5. Antwort auf naja
Man kann in unserer heutigen Zeit prima als Übergewichtiger leben. Und viele werden auch sehr alt. Man kann natürlich auch diszipliniert essen. Die heutige Zeit ist so freundlich zu uns, dass sie uns die Möglichkeit gibt, zwischen beiden Optionen zu entscheiden. Die Näher(innen), die das T-Shirt zusammengenäht haben, das ich gerade trage, haben diese Entscheidungsoption vermutlich nicht.
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