Diäten mit sozialen Netzwerken: Fitter dank Twitter

Von Jörg Römer

#Abnehmen, #Sport und #Ernährung: Der Kurznachrichtendienst Twitter und andere soziale Netzwerke sollen Diäten den nötigen Kick verleihen und Pfunde schmelzen lassen. Was kurios klingt, funktioniert laut einer Studie tatsächlich - dank des Herdentriebs.

Sport als Hobby: Twitter kann den Anstoß geben Zur Großansicht
Corbis

Sport als Hobby: Twitter kann den Anstoß geben

Wie kann ich nur diesen verdammten Heißhunger stoppen? Diese Frage dürften sich schon viele Diätwillige gestellt haben. Auch Annika Peters* trieb sie um. Sie postete ihr Anliegen bei Facebook, auf der Fanseite eines Sport-Blogs. Prompt kamen die Antworten. Sie solle "öfter mal kleine Mahlzeiten essen", ab und zu helfe auch ein kräftiger Schluck stilles Wasser, riet ihr ein User.

So wie Peters handeln inzwischen viele Menschen, die ein paar Pfunde verlieren wollen. Statt sich zweifelhafte Diättipps aus einschlägigen Zeitschriften zu holen, wenden sie sich mit ihren Fragen an Facebook, Twitter und Co. Das Konzept könnte Erfolg haben, wie eine kleine Studie der University of South Carolina zeigt. Demnach kann Twitter tatsächlich beim Abnehmen helfen - zumindest, wenn das soziale Netzwerk eine Diät mit viel Bewegung und gesunder Ernährung unterstützt.

Digitale Selbsthilfegruppe

Für die Untersuchung hatten US-Forscher beobachtet, wie Informationen aus sozialen Netzwerken Menschen beim Abnehmen helfen können. Dafür sollten sich 96 größtenteils weibliche Versuchsteilnehmer über Twitter miteinander vernetzen und täglich Nachrichten posten sowie zusätzlich Informationen und Feedback von Mitgliedern und Experten einholen.

"Die Resultate zeigen, dass Teilnehmer, die regelmäßig Twitter im Rahmen des Abnehmprogramms genutzt haben, mehr Gewicht verloren haben", sagt Studienleiterin Gabrielle Turner-McGrievy. Tatsächlich reduzierten die fleißigsten Twitter-Nutzer ihr Gewicht stärker als Mitglieder einer Kontrollgruppe. Aus rein statistischer Sicht ergab sich für je zehn Meldungen in dem Kurznachrichtendienst ein Gewichtsverlust von zusätzlichen 0,5 Prozent.

Die Wissenschaftler vermuten, dass der Informationsaustausch über neue Ernährungsentwicklungen den Twitter-Nutzern einen Wissensvorsprung verschafft hat. Bei 81 Prozent der Tweets wurden Informationen mitgeteilt. Wichtig war auch die emotionale Unterstützung, die sich die Diät-Follower gegenseitig gaben. Typische Posts waren: "Habe heute beim Frühstück auf Gebäck verzichtet, zum Milchkaffee keine Sahne… nicht schlecht." Andere wiederum kommentierten diese Mitteilungen motivierend.

Details zur Studie
Was wurde untersucht?
Der Zusammenhang zwischen der Nutzung des Kurznachrichtendienstes Twitter und dem Erfolg beim Abnehmen. Die Forscher setzen bei ihrer Studie einen verbesserten Lebenswandel der Teilnehmer durch gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung voraus. Sie wollten herausfinden, ob soziale Medien eine Diät noch unterstützen können.
Wie wurde untersucht?
In einer unabhängigen Vergleichsstudie haben Forscher um Studienleiterin Gabrielle Turner-McGrievy von der Arnold School of Public Health an der University of South Carolina das Abnehmverhalten von 96 Probanden im Alter von 18 bis 60 Jahren untersucht. Die übergewichtigen Männer und Frauen mit einem Body-Mass-Index von mindestens 25 wurden über einen Zeitraum von sechs Monaten begleitet. Während die eine Hälfte der Probanden über ihr Smartphone regelmäßig mit wöchentlich zwei Podcasts über richtige Ernährung und ausreichend Bewegung versorgt wurde, wurde der anderen Gruppe zusätzlich eine Twitter-App zur Verfügung gestellt, über die sie sich gegenseitig vernetzen sollten. Täglich sollten die Teilnehmer sich bei dem Kurznachrichtendienst einloggen, Nachrichten posten und lesen, um zusätzlich Informationen und Feedback von weiteren Mitgliedern und Experten zu erhalten.
Was waren die Ergebnisse?
Die Probanden beider Gruppen konnten ihr Gewicht im Schnitt um 2,7 Prozent verringern. Allerdings nahmen die fleißigsten Twitter-Teilnehmer dabei erfolgreicher ab. Jede zehnte auf Twitter abgegebene Meldung führte rechnerisch zu zusätzlichen 0,5 Prozent Gewichtsverlust. In einer Folgestudie soll nun untersucht werden, ob ein ähnlicher Effekt auch für Facebook nachweisbar ist.
Schwächen der Studie
Schwächen der Studie sind die geringe Teilnehmerzahl und ihr regionaler Charakter. Lediglich 96 Probanden wurden untersucht - alle stammen aus dem Umfeld einer amerikanischen Metropole, der Großteil war weiblich und weiß, so die Forscher. Die Probanden wussten, dass ihre Tweets von den Forschern gelesen werden. Außerdem fehlt in der Studie der Vergleich mit einer Selbsthilfegruppe. Zudem können die Forscher lediglich rechnerisch nachweisen, dass die Nutzung von Twitter das Abnehmen verbessert haben könnte. Einen direkten Zusammenhang konnten sie nicht belegen.

Die Studie ist klein, weitere Untersuchungen müssen ihre Ergebnisse noch bestätigen. Doch das Prinzip der gegenseitigen Motivation ist bereits von der klassischen Selbsthilfegruppe bekannt. Die Mitglieder unterstützen sich gegenseitig und stärken das Selbstwertgefühl der anderen. Außerdem wird ein Wettkampf unter den Teilnehmern angefacht. Der Herdentrieb greift. Längst fungieren auch Lauf-GPS-Tracker für das Smartphone wie Runtastic Pro oder Nike+ als soziale Netzwerke. Bei der Runtastic-App etwa ist es sogar möglich, Teilnehmer während des Laufens anzufeuern. Später lässt sich die geleistete Trainingseinheit posten - das spornt auch andere an.

Die US-Amerikanerin Jean Nidetch erkannte bereits in den sechziger Jahren, dass es sich in der Gruppe leichter abspecken lässt. Sie wurde 1962 mit ihren 97 Kilogramm Körpergewicht von einer Bekannten irrtümlich für schwanger gehalten. Frustriert änderte sie ihr Leben. Nach ersten Abnehmerfolgen berichtete sie ihren übergewichtigen Freundinnen von ihrer Diät - weitere Treffen folgten. Nidetch machte aus der Truppe dicker Hausfrauen aus Brooklyn Weight Watchers , heute ein Weltkonzern. Die wöchentlichen Gruppentreffen sind vermutlich das wichtigste Element des Konzepts.

Twitter statt Weight Watchers

Auch Krankenkassen nutzen die Gruppendynamik inzwischen und streuen ihre Botschaften über soziale Netzwerke. "Grundsätzlich ist man in einer Gruppe immer motivierter als alleine. Wenn wir bei einem Facebook-Post fragen, wie häufig unsere Versicherten Sport treiben, haben die Antworten auch einen motivierenden Effekt auf die anderen Nutzer", sagt Bruno Kollhorst, Leiter des Social-Media-Teams bei der Techniker Krankenkasse.

Er glaubt, dass das Potential sozialer Netzwerke im Gesundheitsbereich sehr groß ist. "In Zukunft wollen wir Menschen zusammenführen, die die gleichen Interessen haben. Wir prüfen bereits Konzepte für solche Communities, bei denen die User für ihre sportliche Leistung zum Beispiel mit einem Punktesystem belohnt werden könnten", so Kollhorst.

Die Leiterin der aktuellen Studie, Turner-McGrievy, glaubt, dass soziale Medien Selbsthilfegruppen sogar ersetzen könnten. "Gruppenhilfe durch Social Networks kann ein günstigerer Weg sein, um viele Menschen zu erreichen, die ein gesundes Gewicht haben wollen", so die Forscherin.

Allerdings sollten sich Abnehmwillige genau ansehen, welcher Gruppe sie beitreten und kritisch bleiben. In den Netzwerken tummeln sich auch zahlreiche kommerzielle Anbieter mit merkwürdigen bis zweifelhaften Abnehmkonzepten. Und bei allen Vorzügen der digitalen Diät gilt: Ohne Sport und gesunde Ernährung purzeln die Pfunde ganz sicher nicht.

*Name von der Redaktion geändert.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Ganz einfach
Phil2302 20.08.2013
Es ist ja nicht so, als seien einschlägige Zeitschriften der heilige Grahl unter den Diät Tipps. Dabei ist es so einfach: 2 Wochen lang aufschreiben was man isst und die Veränderung der Waage beachten. Falls das Gewicht konstant bleibt, 300-400 kcal runter pro Tag. Gesund essen, das heißt zB Vollkornbrot und Hüttenkäse mit ner Banane zum Frühstück, 2te Mahlzeit bei Bedarf Haferflocken mit Milch, Mittagessen besteht aus Reis/Kartoffeln/Nudeln Pute/Hähnchen und viel Gemüse. 2te Mittagessen gleiche Mahlzeit, Beilage u.U. weglassen. Abends Magerquark und eine kleine Menge Nüsse, als Snacks zwischendurch bietet sich Obst an. Wenn an einem Tag Sport getrieben wird wird etwas mehr gegessen, dazu einmal die Woche ein Tag an dem so viel gegessen wird wie man möchte (also große Mengen), gerne auch Sachen wie Pizza oder Nutella oder sonst was, damit der Stoffwechsel in Schwung bleibt und nicht herunterfährt. Letzteres ist so ziemlich das Wichtigste bei jeder Diät und wird in den sogenannten "Fachzeitschriften" gerne vergessen. Ich gratuliere zu ~ -10 bis -20 kg nach einem Jahr. Case closed.
2.
meinung2013 20.08.2013
So fängt man Kunden besser gesagt Daten. Dann werden diese verkauft, z.B. an Versicherungen und ein Aufschrei geht, wieder einmal, durch die Gemeinschaft. Plötzlich sind ganz viele auf Twitter "angewiesen". Die sichersten Daten sind die, die niemals irgendwo erfasst wurden.
3. Twitter?
Loewenherz 20.08.2013
Twitter ist nicht wirklich der beste Ansatz. Wir haben auf Facebook eine Gruppe gegründet (ohne kommerziellen Ansatz) und fast jeder von uns ist schlanker und fitter geworden. Die Ergebnisse werden auch immer mal öffentlich auf http://www.vitalerkoerper.de/ gepostet, aber Tagesergebnisse etc. bleiben in unserer geschlossenen (!) Gruppe, in die nur wirklich motivierte reinkommen.
4. Finanzielle Anreize
willi2007 20.08.2013
Der Gruppenzwang oder Herdentrieg hilft also beim Abnehmen. So weit so gut. Bleibt aber abzuwarten, ob die Mitglieder der Gruppe/Herde auch ihr Gewicht auf Dauer halten. Ich persönlich würde mir ein höheres Engagement im Kampf gegen die überflüssigen Pfunde von den Krankenkassen wünschen. Wie wäre es wenn sich interessierte Kassenmitglieder in den Räumen der Kassen wiegen lassen und nach einem Jahr für jedes abgespeckte Kilo sagen wir einmal 100 Euro Prämie bar auf die Hand erhalten. Wenn die Probanden das Gewicht halten wird der Versicherungsbeitrag reduziert. Die Mindereinnahmen lassen sich durch Einsparung bei den Kosten für die Behandlung von Krankheiten, die durch das Übergewicht erst entstehen oder gefordert werden, wieder reinholen. Aber diese Idee ist reines Wunschdenken. Zu groß ist die Zahl derer, die am Übergewicht und ihren Folgen verdammt gut verdienen, sowohl in der Ernährungsindustrie, mehr noch aber in der riesigen Gesundheitsindustrie.
5. Kein großer Unterschied
helianthe 21.08.2013
Twitter oder Facebook?Ist doch egal. Nur un der Zeit,in der man davor sitzt könnte man sich auch bewegen! Würde mehr helfen;-)
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Zum Autor
  • Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.

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