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Grillen statt Fußball: Die Fleischeslust des Mannes

Eine Kolumne von Jan Spielhagen

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Corbis

Männer beim Grillen: Fleisch als Statussymbol

Fußball war immer ein Männerding. Doch irgendwann wollten auch die Frauen mitreden. Jetzt ist es ein Unisex-Thema wie Erziehung und Lebensversicherung. Die Männer mussten also ein neues Thema finden, das nur ihnen gehört. Könnte sein, dass sie es endlich gefunden haben.

Zinedine Zidane ist Schuld daran. Oder David Beckham. Oder einer der anderen wahnsinnig gutaussehenden Fußballer, die den einstigen Kerlesport Fußball von der Agenda der reinen Männerthemen geholt und auf die Liste des Gender Mainstreaming gesetzt haben. Seitdem sind die Insignien des Fußballs nicht mehr Zweitligastadion und Kutte sondern Public Viewing und Prosecco.

Dagegen ist nichts einzuwenden - bis auf den Umstand, dass uns Männern ein exklusives Thema verlorengegangen ist. Etwas, das nur uns gehörte, das uns verband und die Frauen ausschloss. Was blieb war ein Vakuum, das auch Eishockey und Autos nicht zu füllen vermochten. Ein Meta-Thema für Menschen mit einem X- und einem Y-Chromosom.

Gott sei dank ist die Suche beendet und das Thema gefunden. Die Fußball-EM ist ohnehin vorbei und verloren. Wir Männer reden jetzt über Fleisch. Aber wie! Nämlich mit der gleichen Inbrunst und Expertise wie einst über Brehmes Elfmeter und die Tränen von Andi Möller oder nun auch Thomas Müller.

Zart wie Butter

Und weil Frauen in solchen Momenten in der Regel nicht anwesend sind, muss aus Gleichbehandlungsgründen ein beispielhafter Dialog an dieser Stelle wiedergegeben werden. Die Situation: Samstagnachmittag am Grill, zwei Männer zwischen 35 und 40 Jahren alt, überdurchschnittliche Bildung.

"Wo hast du denn die hohe Rippe her?"

"Von meinem Schlachter, vorbestellt, 3,8 Kilo aus Irland, 21 Tage am Knochen trockengereift, Kilo unter 20 Euro."

"Hmm, die Marmorierung ist aber nicht so doll. Ich hatte kürzlich ein Rumpsteak von Dan Morgan aus Nebraska, das war so gestreift wie ein Schal von Paul Smith."

"Ja, der Dan Morgan, der füttert seine Rinder vor der Schlachtung ja auch sechs Wochen lang nur noch mit Mais. Da werden die so fett. Aber das braucht die hohe Rippe gar nicht."

"Wie willste die denn machen?"

"Im Grill unter der Haube. Bei 350 Grad brutal anbraten, dann zwei, drei Stunden bis 54 Grad Kerntemperatur ziehen lassen. Schneidet sich dann wie Butter."

Gesagt, getan. Feinstes Fleisch ist der Porsche unserer Zeit, das Statussymbol dieses Jahrzehnts. Es ist ein guter Grund, kilometerweit zu fahren, Hunderte von Euro auszugeben und Anlass für Schwärmereien. Männer sind zu Fleischexperten geworden, kosten sich über Stadtgrenzen, Länder und Kontinente hinweg, vergleichen dry und wet aged und nagen neugierig an den Knochen Schwarzer Schweine. Dabei geht es um Qualität, Exklusivität und die gute Geschichte am Grill.

Beliebter als Tickets für die Champions League

In einem Hamburger Steakhaus wird ein Rinderfilet am Knochen für sagenhafte 82 Euro pro Nase angeboten, und es wird tatsächlich allabendlich geordert. Ein Tisch bei Wolfgang's in New York ist begehrter als ein Ticket für die Champions League, und es gibt Männer, die tauschen die Adressen regionaler Spitzenproduzenten so sorgfältig wie einst ihre Panini-Bilder.

Aber das wichtigste ist, dass dieses Thema uns gehört - und das auf lange Sicht. Es ist nämlich nicht anzunehmen, dass die Frauen in einer Zeit, in der die meisten von ihnen Fleisch nur noch in rot und weiß unterscheiden und den ökologischen Fußabdruck ihrer Ernährung zu errechnen versuchen, den Männern ihr neues Lieblingssujet abspenstig machen werden. Das Fleisch ist uns sicher - so sicher wie der Bartwuchs.

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insgesamt 89 Beiträge
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1. optional
Sphynx25 02.07.2012
Bin ich eigentlich der einzige, der ab und an tatsächlich auch schon mariniertes Fleisch beim Metzger kauft, abends den Gasgrill anschmeisst, das Fleisch kurz scharf angrillt, dann ca. 20-30min nachziehen lässt und es dann genießt?
2. Preis
peters2000 02.07.2012
Ne, da bist du einer der wenigen die sich sowas öfters leisten können. Der Bericht wäre in einer BlingBling Zeitschrift besser aufgehoben.
3.
malte 02.07.2012
@Spynx25 Ja, weil man kein mariniertes Fleisch kauft, wenn man wirklich genießen möchte....;)
4.
Vier 02.07.2012
@malte: Wrong, denn den Genuss am Essen definiere ich mir selber und lasse ihn mir nicht vorschreiben. Also kusch, Du "Ich-esse-nur-was-Beef-mir-vorschreibt"-Kocher.
5. hauptsache...
bigproof 02.07.2012
...ist doch, dass es schmeckt, und da tut es notfalls auch mal eine Bratwurst von Edeka. Obwohl ich ein leckeres Steak natürlich bevorzuge. Aber zum Fußball schauen oder Bier trinken, tuts eben auch mal günstigeres Fleisch, welches aus deutscher Produktion stammt und nicht vom argentinischen Rind für 20 Euro das Stück ;-)
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Zum Autor
  • Ralf Gellert für BEEF!
    Speis und Zank: Alle Kolumnen
  • Jan Spielhagen ist Chefredakteur von "BEEF!" und Hobbykoch. Seit er das Kochmagazin für Männer gründete, auf dem meist ein Stück Fleisch als Covermodell dient, wird er entweder als Fleischpapst oder Tiermörder denunziert. Beides ist ihm unangenehm, weil ihn nämlich weder religiöse noch kriminelle Motive leiten, wenn er an seinem Lieblingsplatz vor dem Grill steht und Frühlingszwiebeln, Fenchel, Wolfsbarsch und selbstgemachte Würstchen grillt. Im Sommer mit Sonnenbrille, im Winter mit Schal.
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