Test am Mont Ventoux Epo-Doping macht Hobby-Radsportler nicht schneller

Lance Armstrong und viele andere wurden als Epo-Sünder überführt: Das Medikament fördert die Sauerstoffversorgung im Körper. Aber macht es wirklich schneller? Eine Studie schürt Zweifel.

Tour-de-France-Fahrer in Valence am 19. Juli 2015
AP

Tour-de-France-Fahrer in Valence am 19. Juli 2015

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Die Tour de France 2017 hatte nicht einmal angefangen, da gab es schon den ersten Dopingfall: André Cardoso, wichtigster Helfer von Alberto Contador und Teamkollege des Deutschen Profis John Degenkolb, wurde positiv auf Epo getestet. Der Missbrauch des Medikaments zu Dopingzwecken wurde bereits etlichen Legenden des Radsports nachgewiesen. Der bekannteste Fall dürfe der von Lance Armstrong sein, der rückwirkend alle sieben Tour-Siege abgeben musste.

Und jetzt das: Forscher wecken Zweifel, dass Epo im Sport überhaupt einen Nutzen hat. Im medizinischen Fachmagazin "Lancet Haematology" berichten Jules Heuberger vom Centre for Human Drug Research in den Niederlanden und Kollegen, das Mittel mache gar nicht schneller. Die Forscher hatten ihre Studie so aufgebaut, als würden sie damit die Wirksamkeit eines Medikaments prüfen: "Die Medizin war Epo und die Krankheit langsames Radfahren", sagt Heuberger.

Er und sein Team untersuchten die Leistung von 48 gut trainierten Hobbyradfahrern bei Tests im Labor und auf einer Fahrt auf den legendären Mont Ventoux in Frankreich, der mehrfach Teil der Tour de France-Strecke war. Die Radsportler waren zwischen 18 und 50 Jahre alt. 24 von ihnen erhielten über acht Wochen hinweg unterschiedliche Dosen Epo, die anderen bekamen ein wirkstoffloses Placebo gespritzt. Wer welches Mittel erhielt, wussten die Probanden nicht.

Kein Effekt auf der Langstrecke

Erythropoetin, kurz Epo, regt den Körper an, mehr rote Blutkörperchen und damit auch mehr Hämoglobin zu bilden. Hämoglobin bindet Sauerstoff, sodass Muskeln und Organe besser damit versorgt werden. Das hilft Kranken, etwa Menschen mit Blutarmut oder Nierenleiden. Sportler soll die bessere Sauerstoffversorgung zu Hochleistungen anregen.

Ziel der aktuellen Studie war es, die Hämoglobin-Menge im Blut der Behandelten um 10 bis 15 Prozent zu steigern. Das gelang auch. Allerdings wurden die Sportler dadurch nicht unbedingt schneller. Zwar schnitten die gedopten in einem kürzeren Labortest besser ab, bei dem sie bis zur Erschöpfung in die Pedale treten mussten. Ging es aber darum, die Ausdauer über 45 Minuten unter Beweis zu stellen, gab es keinen Unterschied mehr zwischen den Gruppen.

Gleiches galt für den Praxistest: Zwölf Tage nach der letzten Dopingdosis radelten die Teilnehmer zunächst gemeinsam 110 Kilometer durch die Provence. Von Bédoin aus lieferten sie sich dann über 21 Kilometer und 1600 Höhenmeter ein Rennen auf den Mont Ventoux. Die Gedopten waren dabei im Schnitt ähnlich schnell wie die Vergleichsgruppe.

Außerdem konnten die Probanden nicht zuverlässig einschätzen, ob sie Epo erhalten hatten. Nur neun der 24 Gedopten gingen davon aus, tatsächlich Epo bekommen zu haben. Gleichzeitig glaubten sechs Sportler aus der Placebogruppe, gedopt gewesen zu sein. "Obwohl es im Labor Anzeigen für eine Leistungssteigerung gab, zeigte sich im realistischen Szenario eines Straßenrennens kein Effekt", fasst Heuberger zusammen.

Kein Freispruch für Ullrich und Armstrong

Ein Freifahrtschein für Doper ist das Ergebnis nicht. Das Mittel bleibt für Sportler verboten. "Wir bräuchten viel mehr als das", sagt Olivier Rabin von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Er glaubt, dass die Studie in der Forschergemeinschaft auf große Skepsis treffen wird. Denn obwohl sie hohen wissenschaftlichen Standards entspricht, konnten die Forscher wesentliche Fragen nicht klären - auch aus ethischen Gründen.

Epo hat, wie jedes wirksame Medikament, Nebenwirkungen. Ist zu viel des Stoffs im Körper, wird das Blut zu dick. Das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt. Es bei gesunden Menschen in hohen Dosen anzuwenden, lässt sich daher schwer verantworten. Deshalb erhielten auch die Probanden eher moderate Mengen. Zudem bleibt die Frage, ob das Mittel in größeren - und damit auch riskanteren - Dosen nicht doch die Leistung verbessert hätte.

"Die gewählte Epo-Dosis entspricht etwa der für chronisch Nierenkranke, nur wird dort zusätzlich Eisen gegeben", sagt Wolfgang Jelkmann, Epo-Experte an der Universität Lübeck und nicht an der aktuellen Arbeit beteiligt. Hätten auch die Hobbysportler zusätzlich Eisen erhalten, hätte das den Effekt womöglich verstärkt. Zur Anti-Doping-Forschung taugt die Arbeit aus seiner Sicht daher nicht.

Dazu trägt auch bei, dass die Forscher nicht überprüfen konnten, ob Epo erst über längere Zeit seinen Nutzen zeigt. So berichten Leistungssportler, die das Mittel verwendet haben, sie hätten unter dem Wirkstoff deutlich schneller regenerieren und härter trainieren können - gerade im Leistungssport ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Auch Heuberger und Kollegen argumentieren gegen Epo, kritisieren aber auch, dass Dopingmittel zu wenig erforscht werden: "Derzeit riskieren Athleten ihre Karriere und ihre Gesundheit, indem sie, ohne einen Beleg für den Nutzen im Sport, Epo anwenden", schrieben sie bereits 2013 in einer Studie.

Mit Material von AP

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