Achilles' Verse über E-Bikes: Von Zierkurbeln und Deko-Pedalen

Das schmerzt: E-Bike-Fahrer rollen grinsend an Radlern vorbei, die sich die Berge hochkämpfen. Das ist doch kein Sport, meint Achim Achilles und schimpft: Der neue Trend verführe Menschen ohne Handicap lediglich zum Nichtstun.

Elektrofahrrad: Voll im Trend mit dem E-Bike Zur Großansicht
Corbis

Elektrofahrrad: Voll im Trend mit dem E-Bike

Neulich näherte sich wieder so eine Rentner-Drohne. Lautlos glitt der Angreifer von hinten heran, überholte dann mit leicht angedeutetem Tritt und fürchterlich triumphierendem Grinsen. Der gute Mann hielt es offenbar für eine Leistung, mit einer Art Moped hart strampelnde Radfahrer zu erlegen, natürlich im Originaltrikot von Chris Froome.

Über eine Million dieser Fahrradattrappen mit Zierkurbel und Dekopedale verpesten inzwischen den guten deutschen Radweg. Gerade ältere Herrschaften, die bislang ihre Walkingstöcke zu Straßenblockaden verflochten, haben umgesattelt und sich zu einer neuen Landplage zusammengetan. Auch in den entlegensten Gegenden des Landes, wo sich der Ausdauersportler bislang sicher fühlen durfte vor den schwatzenden Kaffekucheneierlikör-Brigaden, cruisen nun stolze Ruheständler, die angedeutete Pedaltritte zur Meisterschaft entwickelt haben.

Zum Nichtstun verführt

Batterien treiben nicht länger nur den Herzschrittmacher an, sondern inzwischen ganze Horden gut betuchter Mitbürger, die mal eben 2000 Euro für ein gestyltes Stück Sondermüll ausgeben. Mag der moderne Rentner auch ohne Greenpeace-Beutel nicht aus dem Haus gehen: Pedelecs mit ihren Batteriepaketen, am besten noch mit Problemstrom geladen, sind nicht nur in ihrer Wirkung für den Bewegungsapparat fragwürdig, sondern auch von der Ökobilanz her.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: E-Bikes sind eine tolle Sache, so wie Rollatoren, Fahrstühle oder Treppenlifte. Menschen mit Handicaps können dank dieser technischen Errungenschaften am öffentlichen Leben teilnehmen. Menschen ohne größere Handicaps allerdings werden zum Nichtstun verführt. Dreister als das Pedelec hat nie zuvor eine Gerätschaft Bequemlichkeit und Bewegungsmangel camoufliert.

Radfahrer sind ja tolerante Menschen, so wie Taliban oder Hundebesitzer. Die Regel lautet: Materialschlachten werden immer gern und ausufernd geführt, aber am Ende ist es doch der Muskel, der bewegt. Pedelecs verabschieden sich aus diesem Fairnessabkommen. Warum grinsen die Fahrer dann auch noch so stolz, wenn sie einen Rennradler überholen?

Nicht E-Bikes, sondern Mopeds

Immerhin: Der Gott der Bewegung ist gerecht. Denn E-Bike-Piloten müssen mit brechenden Rahmen, versagenden Seilzugbremsen und brennenden Akkus rechnen, wie die Stiftung Warentest ermittelte. Die große Nachfrage vorwiegend unter besserverdienenden Senioren hat offenbar viel Dreck auf den Markt gespült. Schade für Mutti. Denn wenn die Gute die Böschung hinabgerauscht ist und sich in den Brennnesseln windet, wird sie leider nicht gerettet werden, weil Vati schon zwei Kilometer vorausgebraust ist, um noch ein paar Radler zu stellen.

Es ist eine Lüge, diese E-Bikes "Fahrräder" zu nennen. In Wirklichkeit handelt es sich um Mopeds, wenn auch deutlich hässlicher und langsamer als Herkules M4, Puch, Ciao oder die Kreidler Flory, Königin von einst. Schon damals galt die klare Teilung: Alles was knattert ist kein Sport-, sondern Angebergerät, bestenfalls Pacemaker. E-Bikes knattern nicht, sind aber motorgetrieben, haben insofern auf dem Radweg nichts zu suchen und brauchen neben Nummernschild ein gut sichtbares "P" am Heck - allerdings nicht für "Pedelec", sondern für "Problematischer Verkehrsteilnehmer".

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insgesamt 199 Beiträge
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1. Einverstanden.
auweia 10.09.2013
Pedelecs fahren mit Nummernschild und "P" (netter Gedanke) auf der Straße. Und alle muskelgetriebenen Fahrzeuge (incl. Rennradler & tutti quanti) teilen sich den Radweg.
2. Genau meine Meinung.
spon-pano 10.09.2013
Jetzt findet man Rentner schon in Gegenden, die konditionell tausende Prozent abseits ihres gewöhnlichen "Einflussbereichs" liegen. Der Strom treibt das Herz und das Bike an, da können die sich auch gleich mit einem Naturfilm bei offenem Fenster begnügen.
3. Nachdenken über die Folgen
dingodog 10.09.2013
Herr Achilles sollte mal über die Folgen solcher Artikel nachdenken. Denn damit macht er es nicht so fitten Fahrradfahrern schwer, sich mit einem Pedelec auf die Straße zu trauen. Als Konsequenz werden sie sicher nicht mit einem Rennrad losziehen zum Brötchenkauf, sondern eher wieder mit ihrem Kleinpanzer-SUV. Ich sehe Pedelecs als fantastische Chance, die Fahrradquote bei den Verkehrsteilnehmern zu erhöhen und habe mir auch deshalb bewusst eins gekauft. Ideologen und Puristen wie Herr Achilles sind kontraproduktiv, insbesondere wenn sie die ADAC-gesponsorten Falschmeldungen zu Pedelec-Problemen nachplappern, die von anderer Seite längst widerlegt oder zumindest stark abgeschwächt wurden.
4. Mir geht es genau umgekehrt
Master_of_Darkness 10.09.2013
Ich empfinde die Fahrer von E-Bikes als wundervolle Motivation. Schon von großer Entfernung erkennt man, dass vor einem jemand (zumeist mindestens ein Paar) mit elektrischer Unterstützung unterwegs ist. Und wenn man dann nur mit Muskelkraft entspannt bei diesen "Radlern" vorbeifährt, ein kurzes "Servus" zuruft und davonzieht... Fantastisch. Mich hat noch nie ein E-Bike-Fahrer überholt. Vielleicht hätten sie bei längeren Steigungen über 5% eine Chance, aber da trauen sich dann viele doch nicht ran. Also: Wer von E-Bikes überholt wird, sollte an der eigenen Fitness arbeiten, Herr A.
5. Netter Artikel, musste oft grinsen
marina@spiegel 10.09.2013
Zitat von dingodogHerr Achilles sollte mal über die Folgen solcher Artikel nachdenken. Denn damit macht er es nicht so fitten Fahrradfahrern schwer, sich mit einem Pedelec auf die Straße zu trauen. Als Konsequenz werden sie sicher nicht mit einem Rennrad losziehen zum Brötchenkauf, sondern eher wieder mit ihrem Kleinpanzer-SUV.
Ich glaube nicht, dass die Gefahr sehr groß ist. Die E-Bike-Fraktion ist sicher eher nicht die Leser-Zielgruppe von Achilles' Verse. Und Kleinpanzer-SUV ist ja auch nicht gerade eine diplomatisch neutral formulierte Bezeichnung ;-).
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ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.