E-Bikes: Die unterschätzten Zweiräder

E-Bikes: Unterschätzte Zweiräder Fotos
dapd

E-Bikes machen faul? Mitnichten! Immer mehr Profis setzen sie im Training ein, Freizeitradler gleichen damit Leistungsunterschiede aus. Und wer schwer krank war, tut sich mit dem Elektrorad leichter, überhaupt wieder Sport zu machen.

Jahrelang war Frank Stollenmaier begeisterter Mountainbike-Fahrer. Jede Woche fuhr der Tübinger die Trails der schwäbischen Alb ab, 150 bis 200 Kilometer weit. Dann kam plötzlich eine Bronchitis, die sich zum chronischen Asthma entwickelte. Sobald Stollenmaier in die Pedale trat, musste er nach Luft ringen. Mit dem Sport war es vorbei. Zwei Jahre ist das her. In dieser Zeit gründete er eine Firma, die Fahrradbremsen herstellt. Um sein Produkt zu verkaufen, muss er jedoch wieder selbst Radfahren. Und das geht mit einem E-Bike.

In der Ebene nutzt der Mittfünfziger den elektrischen Rückenwind nie, dort kann er selbst pedalieren. Wird es bergig, drückt er den Knopf am Lenker und überlässt dem Motor den Großteil der Arbeit. Stollenmaier will nichts riskieren. Beim Fahren darf sein Puls den Wert 170 nicht überschreiten. "Sonst muss ich absteigen und bin zwei Tage nur am Japsen", sagt er. Drei- bis viermal pro Woche tourt er mit seinem E-Bike rund 45 Kilometer weit. Ganz langsam will er sich von der Motorunterstützung ans rein muskelbetriebene Fahren herantasten. Sein Ziel ist ambitioniert: In sechs Monaten plant er auf seinem alten Mountainbike durch Tübingens Wälder zu fahren.

Langsam Kondition aufbauen

Pedelecs und E-Bikes erleichtern Menschen wie Stollenmaier nach einer schweren Erkrankung den Wiedereinstieg in den Sport. Die Motorunterstützung ermöglicht es ihnen, langsam wieder Kondition aufzubauen und die Belastung zu steigern. Die Branche boomt. Gerade die rasante Entwicklung der Motoren und Akkus in den vergangenen Jahren hat der Zweiradbranche viele neue Einsatzgebiete beschert.

Freizeitsportler können Leistungsunterschiede ausgleichen, aber auch Profis nutzen die neuen Technologien aktiv im Training. Die Experten sind sich einig: Die Entwicklung ist noch lange nicht ausgereizt. Die Soft- wie Hardware bietet noch viel Spielraum und jede Menge unentdeckte Anwendungsmöglichkeiten.

Gesundheitsexperten sehen das Potential vor allem in Bereich Rehabilitation. Denn so zuversichtliche und belastungsfreudige Patienten wie Stollenmaier sind eher die Ausnahme. Nach schweren Erkrankungen trauen sich viele Patienten den Schritt aufs Rad überhaupt nicht zu. "Die Patienten haben Angst, sich zu überfordern, weil sie die Folgen nicht einschätzen können", erklärt Boris Feodoroff, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Fahrrad für Herzkranke

Abhilfe soll das "Mentorbike" schaffen. An diesem speziellen Pedelec arbeitet Feodoroff mit Wissenschaftlern des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz und mehreren Firmen. Über verschiedene Sensoren soll das Mentorbike während der Fahrt Informationen über den Fahrer sammeln. Diese reichen vom Blutdruck, über die Sauerstoffsättigung bis hin zur Herzfrequenz. Ein Smartphone am Fahrradlenker überträgt die Daten an einen Server, der sie auswertet, verarbeitet und neue Kommandos zurücksendet. Je nach Bedarf wird dann der Motor automatisch zugeschaltet oder abgeregelt. Eine Million Euro Fördermittel hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung in das Projekt investiert.

Herzinfarkt-Patienten, so Feodoroff, seien eine klassische Zielgruppe für das Mentorbike. Ihr Rehaplan sieht Radfahren im Sportraum vor. Mit dem Mentorbike kann diese Übung in den Kurpark verlegt werden und ist statt allein in Gruppen möglich. Ein Therapeut begleitet die Teilnehmer und überwacht ihre Werte über einen Tablet-PC am Fahrradlenker. So hat er den Zustand aller im Blick und die Patienten radeln mit der Gewissheit, dass sie sich nicht überanstrengen. "Das hat zur Folge, dass sich die Patienten langfristig mehr zutrauen. Sie können ihre Leistungsgrenze besser einschätzen und erweitern ihren Bewegungsradius", sagt Feodoroff.

Ernst und Gertraud Lämmle sind begeisterte Mountainbiker und betreiben seit Jahrzehnten ein Fahrradgeschäft im Allgäu. "Wenn wir früher in einer Männergruppe in den Alpen radelten, konnte meine Frau am zweiten Tag meist nicht mehr mithalten", berichtet Ernst Lämmle. Das änderte sich 2011: Auf Mountainbikes mit Elektromotor durchquerten die beiden die Alpen, sie pedalierten auf Teneriffa den Teide hinauf und am Gardasee den Monte Baldo.

Alles andere als ein Mofa

"Ohne Motorunterstützung wäre das nicht möglich gewesen", sagt Lämmle. Dass der 60-jährige Lämmle seiner Frau dabei ständig hinterherfuhr, hat einfache Gründe: "Sie ist 25 Kilo leichter als ich, folglich braucht das Rad weniger Kraft und Strom, um sie zu bewegen", sagt er. Pedalieren muss sie trotzdem.

E-Bikes sind keine Mofas. Wer nur Gas gibt, muss schnell ohne Unterstützung auskommen. Speziell im Gelände sollte der Fahrer sich den Rückenwind aus der Konserve gut einteilen. Denn am Berg reduziert sich eine theoretische Reichweite von angegebenen 60 bis 80 Kilometern schnell um mehr als die Hälfte - je nachdem wie schwer der Fahrer ist, wie stark er selbst tritt und wie gut er schaltet.

Inzwischen sind E-Bikes auch im Spitzensport angekommen. Ralf Schäuble, Trainer und Manager der mehrfachen Mountainbike-Weltmeisterin Sabine Spitz, setzt E-Mountainbikes gezielt im Training ein.

"Mit einem normalen Mountainbike kann ich im Gelände für Sabine nie den Hasen spielen, geschweige denn ihr Sparringpartner beim Zeitfahren sein", sagt Schäuble. Dagegen wird er auf dem E-Mountainbike selbst für die ehemalige Olympiasiegerin ein ernstzunehmender Gegner. Aber die Sportlerin nutzt auch selbst das Rad beim Training. "Speziell beim Techniktraining im Gelände reduziert die Motorunterstützung die Belastungspitzen", sagt Schäuble. Das schont die Sportlerin und sie kann sich besser auf das Trainingsziel konzentrieren.

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1.
mr.ious 18.07.2012
Zitat von sysopE-Bikes machen faul? Mitnichten! Immer mehr Profis setzen sie im Training ein, Freizeitradler gleichen damit Leistungsunterschiede aus. Und wer schwer krank war, tut sich mit dem Elektrorad leichter, überhaupt wieder Sport zu machen. E-Bikes: Elektrofahrräder halten Alt und Jung fit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,844731,00.html)
Würde mich interessieren wieviel Leserpost und Anrufe Mountainbike Zeitschriften erhalten würden, wenn es wie anno 1990 wieder Bilder mit bikenden Fahrern ohne Helm zu sehen gäbe ?
2. Es gibt noch eine weitere Methode
arvin_g 19.07.2012
...zum Ausgleich von Leistungsunterschieden: auch bekannt als Training. Ich warte derweil auf elektrische Schuhe. Fürs E-Jogging.
3. Radprofis
cor 19.07.2012
Zitat von sysopAuch Radprofis setzen häufiger auf E-Bikes, um etwa bei reinen Technik-Einheiten nicht die volle Spitzenleistung erbringen zu müssen.]
Mich würde sehr interessieren, was das denn für Radprofis sind und welchen Radsport diese überhaupt ausüben. Ich sehe ein, dass diese Räder für Rehabilitation Sinn machen. ok. Trotzdem habe ich nach wie vor den Eindruck, als ob hier Werbung für etwas gemacht wird, das für einen gesunden, sportlichen Menschen einfach keinen Sinn macht. Es wird aber trotzdem versucht, genau diesem so eine Mühle anzudrehen. Ach ja, was zum Henker ist denn ein "E-Bike-Park"?
4. Gelegenheitsradler fahren Amok
ditor 19.07.2012
Schön wenn man Krenken auf Rad helfen kann, im Wald haben motorgetriebene Fahrzeuge meiner Meinung nach trotzdem nichts zu suchen. Übel sind auch Amok fahrende Gelegenheitsradler denen das Pedelec zwar zur Geschwindigkeit aber nicht zur Radbeherrschung ohne Training verhilft.
5.
velo.c.raptor 19.07.2012
Zitat von corAch ja, was zum Henker ist denn ein "E-Bike-Park"?
Seniorenresidenz, Bereich: betreutes Radeln. 70 ist das neue 30. Die Konsumenten werden immer älter und die Industrie stellt sich darauf ein.
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  • Anping Richter
    Andrea Reidl hat als Chemielaborantin gearbeitet sowie Soziologie- und Kulturwissenschaften studiert. Sie lebt in der Nähe von Hamburg und schreibt als freie Autorin über Fahrradthemen und Mobilität.