SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. Januar 2013, 09:44 Uhr

Winterbaden

Adrenalinschock neben der Eisscholle

Am 19. Januar feiert Russland traditionell die Taufe Jesu - mit einem Bad im eisigen Wasser. Auch in Deutschland findet das Eisbaden immer mehr Anhänger. Stresshormone lassen die Schwimmer aufgekratzt aus dem Wasser taumeln. Doch wie gefährlich ist die Extrem-Kneippkur?

Der Frost verklebt die nassen Wimpern, kleine Eiszapfen baumeln im Bart. Doch das kann sie nicht schrecken: Am 19. Januar feiern viele Russen traditionell die Taufe Jesu - mit einem Bad neben Eisschollen in Seen und Flüssen. Ursprünglich versuchten die Gläubigen so, ihren Körper und ihre Seele zu reinigen. Auch in Deutschland lockt die Kälte immer wieder Wagemutige in Seen und Flüsse. Manche suchen nur Spaß und Nervenkitzel, andere erhoffen sich von der Extrem-Kneippkur eine positive Wirkung auf ihre Gesundheit. Das kalte Bad sei ein Segen für Ausdauer, Potenz und das Immunsystem, schrieb auch der Gründer einer der ältesten Winterbadeclubs in den USA Bernarr MacFadden Anfang des 20. Jahrhunderts.

Das Eintauchen ins kalte Wasser schockt den Körper. Er schüttet Adrenalin und andere Stresshormone aus, auf diese Weise mobilisiert er alle seine Kräfte. Die Stoffe führen dazu, dass sich viele nach dem Baden aufgekratzt fühlen und euphorisch sind. Ebenfalls durch den Kälteschock beginnen die Schwimmer im ersten Moment, um Luft zu ringen. Die Blutgefäße an den Außenseiten ihres Körpers ziehen sich zusammen, das Blut schießt ins Innere des Körpers und durchflutet vermehrt die inneren Organe, um sie möglichst warm zu halten.

Gut für die Gesundheit?

Ein positiver Effekt auf die Gesundheit konnte bisher nicht eindeutig nachgewiesen werden. Klar ist allerdings, dass das Eiswasser für Menschen mit einem hohen Herzinfarktrisiko gefährlich werden kann. Der Kälteschock kann dazu führen, dass sich die Blutgefäße im Herzen einschnüren, die Betroffenen spüren einen Brustschmerz wie nach einem Herzinfarkt. Ringen sie dann um Luft, laufen sie Gefahr, das kalte Wasser zu verschlucken. Zudem reagieren die Muskeln im eiskalten Wasser mitunter langsamer als im warmen. Menschen mit Herzproblemen oder Bluthochdruck sollten deshalb lieber vom Ufer aus zugucken. Für alle anderen Ungeübten gilt, nur im flachen Wasser zu plantschen und auf jeden Fall eine Begleitung an der Seite zu haben.

Vor dem Bad absolvieren die meisten Extremsportler ein Aufwärmprogramm, mit dem sie ihren Kreislauf in Schwung bringen. Der beste Weg, ins Wasser zu gehen, überrascht nicht: Statt vom einen Steg zu springen, sollte man Schritt für Schritt in die Tiefen von See, Meer oder Fluss vordringen. Dadurch bekommt der Körper die Chance, sich auf den plötzlichen Temperaturabfall vorzubereiten. Da die Hände besonders auskühlen, hilft es, sie beim Baden in die Luft zu strecken. Auch der Kopf sollte nicht untergetaucht oder mit Wasser benetzt werden. Nach spätestens ein paar Minuten hat der Körper genug. Dann sollte es hinausgehen - möglichst genauso langsam wie hinein.

Geübte Winterschwimmer bereiten ihren Körper gezielt auf die Kälte vor. Wer sich regelmäßig kaltem Wasser aussetzt, erlebt die Kälteschock-Reaktion nur noch abgeschwächt. Tag für Tag das morgendliche Duschwasser von wohlig warm bis frostig kühl umstellen kann schon helfen. Und auch das Tauchbecken der nahegelegenen Sauna bietet sich als Trainingsplatz an. Dort lässt sich neben der Körperreaktion auch das Kälteschock-Schnaufen vor Publikum üben. Die Gefahr, negativ aufzufallen, läuft man dennoch kaum - unter all den anderen Freaks in der Sauna.

irb

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH