Pestizide auf Erdbeeren "Man kann nicht jedes Risiko ausschließen"

Pestizide und Keime auf Erdbeeren - wie gefährlich sind die Früchte wirklich? Georg Schreiber vom Bundesamt für Verbraucherschutz erklärt, wie man sich vor schädlichen Rückständen schützt.

Ein Interview von

Erdbeer-Genuss: "Jede Charge zu kontrollieren wäre nicht sinnvoll und nicht bezahlbar"
DPA

Erdbeer-Genuss: "Jede Charge zu kontrollieren wäre nicht sinnvoll und nicht bezahlbar"


ZUR PERSON
Georg Schreiber ist Biochemiker und Leiter der Referatsgruppe "Sicherheit der Lebensmittelkette" beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.
SPIEGEL ONLINE: Sind Erdbeeren oft mit Pestiziden belastet?

Schreiber: Die amtliche Lebensmittelüberwachung hat 2012 über 500 Erdbeerproben aus Deutschland untersucht und in keiner einzigen Probe eine Überschreitung der Höchstwerte gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es neuere Zahlen?

Schreiber: Nein, die Zahlen für das gesamte Jahr 2013 sind gerade in der Auswertung. Aber die Situation ist seit ein paar Jahren relativ stabil, so dass wir auch für 2013 ähnliche Zahlen erwarten. Neuere Zahlen gibt es in den Quartalsauswertungen, die auf unserer Homepage veröffentlicht sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es bei Erdbeeren aus, die nicht aus Deutschland kommen?

Schreiber: Bei Erdbeeren aus EU-Staaten, vor allem Spanien, Italien, Griechenland, finden wir zwar Überschreitungen des Grenzwerts, aber nur bei weniger als einem Prozent der Proben. Deutlich mehr Überschreitungen gibt es bei Erdbeeren aus Nicht-EU-Staaten. Bei 2,5 Prozent der Proben haben die Lebensmittelüberwachungsbehörden zu hohe Werte festgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Erdbeeren dann einen so schlechten Ruf?

Schreiber: Bis vor fünf Jahren war die Situation schlechter. Es gab damals noch keine harmonisierte Gesetzgebung in der EU. In Spanien durften andere Pflanzenschutzmittel mit anderen Höchstmengen als in Deutschland verwendet werden. Gleichzeitig gab es schon den Binnenmarkt, das heißt, es gab keine Kontrollen mehr an den Grenzen. So kamen Erdbeeren mit Pflanzenschutzmitteln nach Deutschland, die in Spanien erlaubt waren, in Deutschland aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich seitdem geändert?

Schreiber: Mittlerweile haben wir in allen EU-Staaten die gleichen gesetzlichen Höchstmengen. Und es ist jetzt sehr viel einfacher für die Erzeuger, die Pflanzenschutzmittel zu verwenden, die in der gesamten EU erlaubt sind - in der richtigen Dosierung. Zusätzlich hatten die Nichtregierungsorganisationen, die eigene Untersuchungen gemacht haben, einen großen Einfluss. Wenn es zu Überschreitungen der Grenzwerte kam, haben sie für Schlagzeilen in den Medien gesorgt. Dadurch wurde sehr viel Druck auf die Erzeuger, den Handel und Behörden ausgeübt - das hat gewirkt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Prozent der Erdbeeren werden kontrolliert?

Schreiber: Jede Charge zu kontrollieren wäre nicht sinnvoll und nicht bezahlbar. Die Bundesländer machen Stichproben. Sie kontrollieren dort häufiger, wo es schon öfter zu Problemen kam. Das reicht, um die Lebensmittelsicherheit auf einem hohen Niveau zu halten. Es ist nicht notwendig, jedes Lebensmittel zu kontrollieren. Zusätzlich führen auch die Erzeuger und der Handel Kontrollen durch, um sicherzustellen, dass die Grenzwerte eingehalten und Negativschlagzeilen vermieden werden.

SPIEGEL ONLINE: Allerdings kommt es auch bei uns zu Zwischenfällen - verseuchte Erdbeeren aus China haben vor zwei Jahren eine Brechdurchfall-Epidemie ausgelöst. Wie konnte das passieren?

Schreiber: Die Behörden machen Stichproben. Auch die Erzeuger und der Handel können nicht jedes Risiko trotz umfangreicher eigener Kontrollen ausschließen. Verursacher der Epidemie im vorletzten Jahr waren Noroviren auf Erdbeeren - die daraufhin auch von den Behörden intensiver kontrolliert wurden.

SPIEGEL ONLINE: Kann man aus dem Fall generelle Schlüsse ziehen?

Schreiber: Solche Hygieneprobleme gibt es gelegentlich bei Obst- und Gemüse aus Ländern, die geringere Hygienestandards haben als Deutschland. Zusätzlich ist es für Erzeuger in heißeren, südlicheren Ländern schwieriger, Zugang zu sauberen, mikrobiell unbelasteten Wasser zu bekommen. Das heißt, dort ist es sehr viel schwieriger, im Sommer gute hygienische Bedingungen hinzubekommen als bei uns.

SPIEGEL ONLINE: Ein Vorteil von deutschen Erdbeeren?

Schreiber: Ja, wir haben sauberes Wasser zur Bewässerung und generell in der Erzeugung sehr gute hygienische Bedingungen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man durch Waschen mit Wasser Keime entfernen?

Schreiber: Wir empfehlen, Obst und Gemüse immer zu waschen. Einige Viren wie Noroviren lassen sich allerdings kaum abwaschen - gegen sie hilft nur kochen. Aber wenn wir von deutschen Produkten reden, dann ist das nicht das Problem, auch bei europäischen nicht. Das betrifft eher Produkte, die aus Ländern mit niedrigen Hygienestandards kommen.

SPIEGEL ONLINE: Und Pestizid-Rückstände?

Schreiber: Einige Wirkstoffe sind wasserlöslich, deren Rückstände können durch Waschen mit Wasser reduziert werden. Die Grenzwerte für Pflanzenschutzmittelrückstände sind aber so fest gesetzt, dass Obst und Gemüse nicht gesundheitsschädlich ist, selbst wenn diese Grenzwerte weit überschritten werden.

Das Interview führte Frederik Jötten

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
kobl 08.05.2014
1. Deutscher Hygiene-Hochmut unangebracht
Auch im angeblich so vorbildlich hygienisch handelnden Deutschland kommt es vor, dass die nach Akkordleistung (schlecht) bezahlten Pflückerkolonnen auf den weiträumigen Erdbeerpflanzungen keine Toilette in Reichweite haben und sich daher vor Ort "erleichtern". Die hygienischen Gefahren dürften denen entsprechen, die die im Artikel angesprochene schlechte Wasserversorgung in südlichen Ländern hervorruft.
hermes69 08.05.2014
2. Aufpassen das man nicht an Paranoia stirbt
Das scheint mir weitaus wahrscheinlicher. In 10 Jahren ist ohnehin jeder Bezug zur Natur flöten gegangen. Aber sicher gibts dann eine Wald & Wiesen App die dem gestressten Großstädter das Gefühl von Natur vermittelt.
Untertan 2.0 08.05.2014
3. Standards
---Zitat--- Solche Hygieneprobleme gibt es gelegentlich bei Obst- und Gemüse aus Ländern, die geringere Hygienestandards haben als Deutschland. ---Zitatende--- Und deswegen ist ein Freihandelsabkommen mit den USA eine gute Idee. Nicht!
jujo 08.05.2014
4. ...
Zitat von sysopDPAPestizide und Keime auf Erdbeeren - wie gefährlich sind die Früchte wirklich? Georg Schreiber vom Bundesamt für Verbraucherschutz erklärt, wie man sich vor schädlichen Rückständen schützt. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/erdbeeren-pestizide-und-keime-bei-obst-aus-nicht-eu-staaten-a-967931.html
Ich bin bis in die Knochen konservativ was den Genuss von europäischen saisonalem Obst und Gemüse angeht. Spanische oder Ägyptische Erdbeeren oder grieschischen / türkischen Spargel oder gar argentinischen kaufen wir nicht! Weihnachtssüssigkeiten zu Beginn der Adventszeit nicht schon Anfang September ebenso Osterhasen / eier nicht schon im Januar.
schmusel 08.05.2014
5. Oho! 500 Proben!
500 Proben pro Jahr in ganz Deutschland - na das ist aber beruhigend wenig...
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