Immuntherapie und Probiotika Erdnussallergie könnte heilbar sein

Australische Ärzte haben Kinder mit einer Erdnussallergie erfolgreich behandelt - viele konnten die Erdnüsse auch vier Jahre später noch ohne Probleme essen. Möglich machten das unter anderem Milchsäurebakterien.

Erdnüsse
Getty Images

Erdnüsse

Von


Bei einer Erdnussallergie kann schon ein Kuss das Leben gefährden, so empfindlich reagieren viele Betroffene. Anders als etwa bei Eiern oder Milch bleibt die Allergie oft ein Leben lang, wenn sie sich einmal in der Kindheit entwickelt hat. Bislang gibt es noch keine Therapie, mit der sie geheilt werden kann. Doch eine kleine australische Studie macht Hoffnung.

18 Monate lang therapierten die Forscher ihre Versuchsteilnehmer mit einer Mischung aus Milchsäurebakterien und Erdnussproteinen, um den Körper an das Allergen zu gewöhnen. Das Experiment glückte, viele der Kinder konnten anschließend ohne Probleme Erdnüsse verzehren. Mittlerweile sind vier Jahre vergangen - und der Effekt hält bei einem Großteil der Kinder an, wie die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "Lancet Child and Adolescent Health" berichten.

"Die Bedeutung unseres Ergebnisses liegt darin, dass diese Kinder Erdnüsse essen konnten wie Kinder, die keine Erdnussallergie haben", erklärt die Leiterin der Studie, Mimi Tang vom australischen Royal Children's Hospital in Parkville. Die Untersuchung sei "der stärkste Beweis dafür, dass Erdnussallergien heilbar sein könnten". Innerhalb der vergangenen 20 Jahre ist die Zahl der Lebensmittelallergien bei Kindern stark gestiegen.

Allergien vermeiden
    Die Deutsche Leitlinie für Allergieprävention empfiehlt, Kinder in ihren ersten vier Monaten ausschließlich zu stillen oder Risikokinder in dieser Zeit mit einer hypoallergenen Säuglingsnahrung zu füttern - also einer Säuglingsnahrung mit wenigen Allergenen.

    Anschließend sollten Eltern beginnen, ihre Kinder mit Beikost zu füttern. Dabei hat es - anders als lange gedacht - keinen schützenden Effekt, gezielt auf Allergene zu verzichten. Im Hinblick auf Fisch ist sogar das Gegenteil nachgewiesen: Hier gibt es Belege, dass das Essen vor dem ersten Lebensjahr vor einer Allergie schützt.

Joghurtbakterien als Wirkverstärker

Bei ihrer Therapie setzten die Forscher unter anderem auf die Wirkung probiotischer Bakterien, die natürlicherweise in Joghurt vorkommen. Die Milchsäurebakterien des Typs Lactobacillus rhamnosus sind dafür bekannt, die Darmflora - also die natürlichen Darmbewohner - zu unterstützen. Daneben aktivieren sie jedoch auch verschiedene Immunzellen. Um diese Wirkung auszunutzen, gaben die Wissenschaftler den Kindern zeitgleich winzige, aber immer größer werdende Mengen an Erdnussproteinen.

So hofften sie, dass der Körper der Kinder irgendwann auch bei normalen Mengen der Erdnüsse nicht mehr überreagiert. Dieses Prinzip der Hyposensibilisierung nutzen Ärzte bereits seit Jahren, um Patienten mit Heuschnupfen zu behandeln. Auch bei den Erdnüssen ging der Plan auf, wie die Untersuchung zeigt. Direkt nach den 18 Monaten Behandlung hatte sich das Immunsystem von 80 Prozent der Kinder an die Erdnüsse gewohnt.

Der Effekt hielt bei vielen an:

  • Auch vier Jahre später waren 16 von 24 therapierten Kindern noch allergiefrei. Das entspricht 67 Prozent. Sie konnten noch immer Erdnüsse essen, ohne Probleme zu bekommen - viele taten das mehr als einmal pro Woche.
  • Zum Vergleich: In einer zweiten Gruppe mit 24 Kindern, die statt des Bakterien-Erdnuss-Gemischs ein wirkungsloses Placebo geschluckt hatten, war die Allergie am Ende der vier Jahre nur bei einem von 24 Kindern verschwunden.

Studien hatten in der Vergangenheit zwar schon eine Wirkung der Immuntherapie bei Erdnussallergien nachgewiesen. Dies sei jedoch der erste Versuch, bei dem die Teilnehmer über einen so langen Zeitraum begleitet wurden, schreiben die Forscher. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Methode auch langfristig sicher ist.

Nach den ersten positiven Ergebnissen sollten die Eltern ihren Kindern nach Belieben Erdnüsse geben. Selbst wenn die Allergie zurückkam, waren die Beschwerden anfangs gering. Einen lebensgefährlichen sogenannten anaphylaktischen Schock erlebte keines der Kinder. Noch handelt es sich jedoch nur um eine kleine Untersuchung, die nachweist, dass die Methode grundsätzlich funktioniert.

In einem nächsten Schritt wollen die Forscher die Therapie nun mit mehr Kindern erproben. Dabei soll auch untersucht werden, wie gut sich der Körper auch ohne die Unterstützung der Milchsäurebakterien an die Erdnüsse gewöhnt und ob die Bakterien wirklich notwendig sind.

Von Selbstversuchen raten die Forscher strikt ab - sie können sehr gefährlich sein. Auch Joghurtessen allein wird wohl wenig bringen. Denn die Bakterienmenge, die die Kinder täglich schluckten, entspricht der aus rund 20 Joghurtbechern.

mit Material von AFP



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fpa 17.08.2017
1. Eine Überraschung?
Nein. Ganz gewiss nicht! Nur die vielleicht erste von noch vielen folgenden Meldungen mit ähnlichem Inhalt. Hier geht es lang: http://www.gesundheits-lexikon.com/Allergien-PseudoallergienNahrungsmittel-unvertraeglichkeiten/Mikrobiologische-Therapie-Symbioselenkung/
permissiveactionlink 17.08.2017
2. Für die Betroffenen
zweifellos lebensrettend, für den Fernsehzuschauer ein Verlust. In dem am 21. Nov 2010 erstmalig gezeigten Tatort " Unsterblich schön" mit den Kommissaren Leitmayer und Batic tötet ein Mann, dessen Ehefrau angekündigt hat, sich von ihm scheiden zu lassen, seine an einer Erdnussallergie leidende Gattin, die gerade ein Schokoladen-Wellnessbad nimmt, indem er einige Erdnüsse knabbert und anschließend seiner Nochgattin einen garantiert letzten Kuss gibt, an dem sie dann röchelnd mit anaphylaktischem Schock dahinscheidet. Robert Atzorn in seiner besten Rolle ! Als Abschluss läuft dann Vera Lynns 2.Weltkriegs Tophit "We'll meet again, don't no where, don't no when..." Einfach wunderbar, dieser Tatort. Unbedingt anschauen !
franxinatra 18.08.2017
3. Bei mir machte sich eine Lactose-Unverträglichkeit breit
Auf einfachen Verdacht nahm ich vor kurzem Rohmilch zu mir, ohne dass es zu den sonst vertrauten Magenkrämpfen nach dem Genuß von Milchprodukten kam. Unsere Lebensmittel, so fürchte ich, sind mittlerweile dermaßen denaturiert, dass die meisten Allergien nach meiner Meinung Folge überindustrialisierter Verarbeitung sind. Allerdings weiß ich auch, wie der Umgang mit Rohmilch zu handhaben ist. Wie überhaupt mit vielen 'noch' natürlichen Lebensmitteln-
Fonso 18.08.2017
4. Nein, Frau Berres, nicht "zeitgleich"
"gaben die Wissenschaftler den Kindern zeitgleich winzige, aber immer größer werdende Mengen an Erdnussproteinen." Sie gaben die Proteine gleichzeitig, nicht "zeitgleich". Auch wenn das gerade viele falsch machen. Gerade als Journalistin, also als Sprach-Profi, sollte man sein Handwerkszeug beherrschen und nicht mit jeder Herde rennen. Lesen Sie mal den Ex-Spiegel-Kolumnisten Bastian Sick.
permissiveactionlink 18.08.2017
5. Oida Hut !
Jedenfalls für Immunologen ! In frühester Jugend lernt das Immunsystem körpereigen und körperfremd zu unterscheiden. Das ist überlebensnotwendig, da so einerseits körpereigenes Gewebe vor Angriffen des Immunsystems geschützt wird, aber lebensgefährliche Erreger als fremd erkannt und bekämpft werden. Man kann das nicht etwa von Geburt an. Leider hat das System zwei gewaltige Schattenseiten. Erstens kommt es hin und wieder zur Immunreaktion und Bekämpfung von körpereigenem Gewebe (z.B. bei. Diabetes Typ1), also zu Autoimmunkrankheiten, andererseits sind bestimmte Antigene, für die unser Körper möglicherweise Antikörper bildet, in der Natur und Umgebung häufig. Wir können uns ihnen kaum entziehen. (Blütenpollen, Nahrungsmittelbestandteile, tierische Proteine, tierische und pflanzliche Giftstoffe, etc.). Hat das Immunsystem besonders in der frühesten Jugend kein geeignetes Probematerial zur Verfügung, um zu erlernen, dass manche Antigene zwar körperfremd sind, aber toleriert werden müssen, insbesondere weil wir uns von ihnen ernähren, dann entstehen später im Leben häufiger Allergien mit zum Teil lebensbedrohenden Folgen. EIn Kleinkind in einer sterilen, hygienisch unbedenklichen Umgebung aufwachsen zu lassen, grenzt an Körperverletzung ! Das während der Phase der "clonal education" im Thymus stattfindende Kennenlernen gefährlicher und Tolerieren unbedenklicher Antigene kann so nicht mehr stattfinden; das Immunsystem kann dann seiner Aufgabe nicht mehr gerecht werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.