Ernährung und Sport Vitaminpräparate schwächen Trainingseffekte

Viele Sportler schlucken Vitamin C und E, um den Muskelaufbau zu fördern. Tatsächlich bewirken die Stoffe das Gegenteil: Neue Studien zeigen, dass sie Trainingseffekte sogar abschwächen können.

Vitaminpillen für das Training: Beliebt, aber scheinbar wirkungslos
Corbis

Vitaminpillen für das Training: Beliebt, aber scheinbar wirkungslos


Wenn es draußen ungemütlich wird und überall gehustet und geniest wird, greifen manche lieber zu Vitamintabletten als zu Obst und Gemüse. Studien haben in den vergangenen Jahren jedoch gezeigt, dass die Präparate besser in der Schublade bleiben sollten. Die Pillen können weder den Körper stärken noch Herz und Gehirn schützen - im schlimmsten Fall schaden sie sogar.

Trotzdem sind Präparate mit den Vitaminen C und E insbesondere bei Sportlern beliebt. Die Mittel, so hoffen sie, sollen Trainingseffekte verbessern, indem sie schädliche Sauerstoffradikale beseitigen. Diese entstehen vermehrt, wenn Bewegung die energieproduzierenden Kraftwerke in den Muskelzellen, die Mitochondrien, stark beansprucht. Es kommt zu sogenanntem oxidativen Stress, der - so war zumindest die Theorie - den Mitochondrien und damit dem Muskel schaden und Trainingseffekte verhindern kann.

Da Antioxidantien wie Vitamin C und E freie Sauerstoffradikale unschädlich machen, schlucken viele die Stoffe, um ihren Muskelaufbau zu unterstützen. Dies ist allerdings zu kurz gedacht, wie zwei Studien von Wissenschaftlern der Norwegischen Sporthochschule in Oslo zeigen.

Mehr Muskeln ohne Präparate

Die erste Studie zu Antioxidantien-Einnahme und Ausdauertraining veröffentlichten Goran Paulsen und sein Team Mitte 2014 im "Journal of Physiology", die zweite zu Antioxidantien und Gewichtheben erschien Mitte Dezember im selben Fachmagazin. Für beide Untersuchungen nahm jeweils die Hälfte der Probanden ein gängiges hochdosiertes Präparat, das 1000 Milligramm Vitamin C und 235 Milligramm Vitamin E enthielt, während die andere Hälfte ein Placebo schluckte.

Bei der jüngeren Studie besuchten 32 trainingserfahrene Männer und Frauen viermal pro Woche zehn Wochen lang ein Fitnessstudio, um Krafttraining zu machen. Die aufgelegten Gewichte wurden nach und nach erhöht. Zwischendurch entnahmen die Forscher kleine Proben Muskelgewebe, um herauszufinden, welchen Einfluss die Antioxidantien-Einnahme und das Training auf zellulärer Ebene haben.

Nach zehnwöchigem Training hatten sich die Muskeln in beiden Gruppen gleichermaßen vergrößert. Bei der Muskelkraft schnitt die Placebogruppe sogar besser ab. Die Forscher überraschte das Ergebnis nicht gänzlich: Die Untersuchung des Muskelgewebes hatte zuvor bereits ergeben, dass die Muskelzellen von allen Probanden, die Vitamine schluckten, weniger Proteine produzierten. Diese sind jedoch notwendig, um nach dem Krafttraining die Muskeln zu reparieren und aufzubauen.

"Die Antioxidantien fangen zwar freie Sauerstoffradikale weg", sagt Martin Halle vom Zentrum für Prävention und Sportmedizin am Klinikum der TU München. Gerade diese seien aber für bestimmte physiologische Prozesse notwendig, die die Eiweißproduktion im Muskel steigern und damit zu einer Zunahme der Muskelstärke führten.

Sogar negative Effekte treten auf

Ähnlich scheinen die Verhältnisse beim Ausdauertraining zu sein. Bei dieser Studie absolvierten 54 junge Männer und Frauen drei- bis viermal pro Woche ein Lauftraining kombiniert mit Intervalltraining. Die Antioxidantien machten die Probanden nicht schneller, aber auch nicht langsamer. "Die Untersuchung von Muskelproben zeigte jedoch, dass Vitamin-C- und E-Supplemente den Anstieg an Mitochondrien-Proteinen durch die Bewegung lahmgelegt haben", sagt Erstautor Paulsen laut einer Pressemitteilung der US-amerikanischen Physiologischen Gesellschaft. "Diese sind nötig, um die muskuläre Ausdauer zu erhöhen."

Paulsen schließt aus den Studienergebnissen, dass Vitamin C und E bei Ausdauertraining und Krafttraining zurückhaltend und vorsichtig eingesetzt werden sollten. "Ambitionierte Freizeitsportler und Menschen, die versuchen, durch körperliche Aktivität abzunehmen, sollten auf die Einnahme von Antioxidantien verzichten", rät Halle. "Ansonsten machen sie Trainingseffekte von vornherein zunichte."

Der Münchner Kardiologe und Sportmediziner schließt dennoch nicht aus, dass Leistungssportler bei sehr intensivem Training von der Einnahme von Antioxidantien profitieren können, weil der dann entstehende oxidative Stress ungewöhnlich hoch ist. Dabei handelt es sich jedoch nur um eine Vermutung. Auch in dieser Angelegenheit ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die Daten weisen durchaus darauf hin, dass auch für diese Gruppe der Trainingseffekt ohne Vitamintabletten größer ist.

Halles Fazit: Wer in seinem Fitnessplan auf einzelne Stoffe wie Vitamin E oder C setzt, wird damit nicht weit kommen. "Die Gesamtheit der in Obst und Gemüse enthaltenen Vitamine, Polyphenole, sekundären Pflanzenstoffe et cetera wirkt anders als einzelne Vitamine. Es ist deshalb wichtig und gesund, viel Obst und Gemüse zu essen, nicht nur, wenn man sportlich aktiv ist".

Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Torsten Schreiber 18.01.2015
1. Wissenschaftsjournalismus der Spitzenklasse
Die vollkommen isolierte Betrachtung von Vitamin-Präparaten unsinnig wild gemischt mit Analysen von Lauf- und Krafttrainingseinheiten geht zunächst einmal weit an der Realität vorbei, in der der mittelmäßig gebildete Hobby-/Leistungssportler sehr stark auf die konkreten Bedürfnisse seiner Sportart zugeschnittene Kombipräparate zur Ergänzung nimmt. Egal, on Läufer oder Kraftsportler: es findet massivste gegenseitige Ermutigung statt, durch Supplemente gesunde Ernährung (was immer genau das sein mag) zu (Achtung) supplementieren, vulgo ergänzen. Der immer wieder erzeugte Eindruck, viele Hobbysportler wären unintelligente Pillenschlucker ist schlicht zum Lachen. Im Übrigen ist anzumerken, dass die Einnahme von "Präparaten" (man muss es ja supergefährlich klingen lassen, um möglichst kein Vorurteil auszulassen, Ernährungsergänzung wäre viel sinnvoller) paradigmatisch zwischen Kraftsportlern und Läufern dramatisch unterschiedlich ist. Bekanntermaßen steht erstere Gruppe diesen Themen weitaus offener gegenüber. Abschließende Bemerkung: Egal, was die kluge Frau Wissenschaftsjournalistin mit Physikabschluss schreibt, nach einer Sporteinheit ultra sports refresher mit Zink, Selen, Magnesium und der patentierten Protein-KH-Mische (interessanterweise umgestellt auf eine trendigere niedrigere KH-Kombo) zu nehmen, ist grundsätzlich eine sehr gute Idee. Und im Übrigen weiß jeder vernünftige Mensch, dass ohnehin Gemüse durch nichts zu ersetzen ist, wenn man seinen Körper wirksam vor Übersäuerung schützen möchte.
marenghi 18.01.2015
2. Kommentar der Kreisklasse
Das einzige, was wild und unsinnig ist, ist Ihr Kommentar. Lesen Sie sich den nochmal durch und vergleichen Sie Ihre aus der Luft gegriffenen Spekulationen und Erfindungen mit dem, was die Wissenschaftler tatsächlich gemacht haben: Zwei saubere Studien zur Aussage "Vitamin C + E und Trainingseffekt", bei Ausdauer- sowie bei Kraftsportlern. Es ging um Antioxidantien und ihre Wirkung bei Training. Da steht nichts über Zink, Selen und Magnesium. Langsam geht mir dieses undifferenzierte wutbürgerliche Wissenschaftsbashing - am besten gemixt mit Aluhüten und anderen Verschwörungstheorien - auf den Senkel. Broscience ist keine Science.
Robeuten_II 18.01.2015
3.
Hallo, ich hatte schon vor Jahren ein seltsames Gefühl, wenn in der Muckibude Multivitaminsaft ausgeschenkt wurde; das ist keine neue Erkenntnis. Es wäre noch zu ergänzen, daß man den Trainingseffekt ebenfalls durch Einnahme von NSAR (Diclofenac, Ibuprofen, Aspirin usw.) deutlich reduzieren kann!!! Zum Vorschreiber: es ist nachgewiesen, daß bei extrem austrainierten Spitzensportlern bestimmte Nahrungsergänzungsmittel etwas bringen. Es ist ebenso nachgewiesen, daß Sie und ich davon nullkommanull profitieren!
walter_e._kurtz 18.01.2015
4. Marketing
Wenn der Hersteller sagt, es hilft, dann immer rinn damit! Werbung lügt doch nicht! :-)
o-w 18.01.2015
5. Ich finde,..
..dass 32 Probanden für eine saubere klinische Studie zu wenig Aussagekraft haben. Aber für eine erste wissenschaftliche Aussage ist das durchaus ausreichend. Bei einer Erhöhung der Probandenzahl und Verlängerung der Einnahmedauer wäre sie durchaus belegbar.
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