Ernährung: Fleisch-Liebhaber erkranken häufiger an Diabetes

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Wer Salami mag, muss jetzt ganz tapfer sein: Forscher empfehlen, den Konsum von Wurstwaren zu minimieren. Auch bei unverarbeitetem roten Fleisch raten sie zur Mäßigung. Sonst droht ein höheres Diabetesrisiko.

Wurst: Aufschnitt wie Mortadella und Salami enthält viel Natriumsalz, Nitrite und Nitrate Zur Großansicht
Corbis

Wurst: Aufschnitt wie Mortadella und Salami enthält viel Natriumsalz, Nitrite und Nitrate

Wer viel Fleisch isst, schadet seiner Gesundheit - das berichten Ernährungswissenschaftler seit vielen Jahren in immer neuen Facetten. Insbesondere das rote Fleisch von Rind, Lamm und Schwein gilt als wenig empfehlenswertes Lebensmittel. Das Risiko von Herz-Kreislaufleiden soll es ebenso steigern wie das von Krebserkrankungen - und damit auch die Gefahr eines frühzeitigen Todes. Weißes Fleisch, also Geflügel, wird in der Regel weniger kritisch gesehen.

Nun berichtet ein internationales Forscherteam im "American Journal of Clinical Nutrition" über eine weitere mögliche Folge hohen Fleischkonsums: Wer viel rotes Fleisch verzehrt - also etwa Rindersteaks oder Lammkoteletts - , erkrankt eher an Altersdiabetes. Der Konsum von verarbeitetem roten Fleisch, also Schinken, Salami, Mortadella und anderen Wurstwaren, ging mit einem noch höheren Risiko für Diabetes Typ 2 einher, zeigte die Studie mit mehr als 200.000 Teilnehmern.

Nachdem die Wissenschaftler sämtliche bekannten Risikofaktoren für Diabetes herausgerechnet hatten, zeigte sich: Eine täglich gegessene 100-Gramm-Portion unverarbeitetes rotes Fleisch war mit einem 8 bis 16 Prozent höheren Altersdiabetes-Risiko verknüpft. Mit jeder Tag für Tag verzehrten Wurst-Portion von 50 Gramm stieg das Risiko um 25 bis 40 Prozent.

Acht Millionen Zuckerkranke in Deutschland

In Deutschland leben laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO rund acht Millionen Menschen mit einem diagnostizierten Diabetes; weltweit sollen rund 346 Millionen Menschen betroffen sein - circa 90 Prozent davon haben Diabetes Typ 2.

Diabetes mellitus
Honigsüßer Durchfluss
Der Diabetes mellitus (wörtlich aus dem Griechischen: "honigsüßer Durchfluss"), umgangssprachlich Zuckerkrankheit genannt, ist eine chronische Stoffwechselstörung. Der Name bezieht sich auf den zuckerhaltigen Urin, an dessen Süße die Krankheit in der Antike erkannt wurde. Heute gilt Diabetes als Überbegriff für verschiedene Krankheitsbilder, die durch zu hohe Blutzuckerwerte, die Hyperglykämie, gekennzeichnet sind. Der Grund dafür ist, dass Traubenzucker (Glukose) wegen eines Insulinmangels nicht mehr in die Zellen aufgenommen werden kann und sich im Blut anreichert.
Typ-1-Diabetes
Beim Typ-1-Diabetes, von dem fünf bis zehn Prozent aller Zuckerkranken betroffen sind, zerstört das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Die Symptome des fortschreitenden Insulinmangels beginnen meist in der Kindheit oder der Jugend: Die Blutzuckerkonzentration steigt extrem an, es kommt zu starkem Wasser- und Nährstoffverlust, was ständigen Durst und häufiges Erbrechen zur Folge hat. Auch eine schnelle Gewichtsabnahme gehört zu den Symptomen. Als Therapie müssen die Diabetiker sich Insulin selbst spritzen. Als Ursache von Typ-1-Diabetes werden genetische Veränderungen vermutet.
Typ-2-Diabetes
Der Typ-2-Diabetes wurde früher als Altersdiabetes bezeichnet. Im Zuge wachsender Zahlen übergewichtiger Menschen insbesondere in den Industrieländern erkranken aber immer öfter auch junge Menschen und inzwischen sogar Kinder am Typ-2-Diabetes. Falsche Ernährung gilt als die Hauptursache der Krankheit: Die großen Mengen von Zucker, die dem Körper zugeführt werden, kann die Bauchspeicheldrüse in jungen Jahren noch durch eine verstärkte Insulinproduktion wettmachen. Im Laufe der Zeit versiegt aber die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse und auch die Zellen werden unempfindlicher für das Insulin, sodass die Glukose immer schlechter abgebaut wird und sich im Blut anreichert.

Im Unterschied zum Typ 1 gibt es beim Typ-2-Diabetes lange keine eindeutigen Symptome wie etwa verstärktes Wasserlassen oder Durstgefühl, sondern eher unspezifische Anzeichen wie ein ständiges Hungergefühl, Gewichtszunahme, Niedergeschlagenheit und Müdigkeit. Typ-2-Diabetes kann anfangs durch gesündere Ernährung, mehr Bewegung und Abnehmen bekämpft werden. Gelingt das nicht, sind später Medikamente zur Regulierung des Blutzuckers und auch eine Insulintherapie notwendig.
Verbreitung
Diabetes gehört schon heute zu den größten Volkskrankheiten und wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich dramatisch ausbreiten. Schätzungen zufolge gibt es weltweit mehr als 150 Millionen Zuckerkranke, Tendenz stark steigend.

In Deutschland lebten laut Einschätzungen der DEGS Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts 7,2 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 79 Jahren mit Diabetes, demnach sind 4,6 Millionen Personen betroffen. Bei den 70- bis 79-Jährigen ist mehr als jeder Fünfte an Diabetes erkrankt (21,9 Prozent). Die Zahl der Erkrankungen ist zwischen 1997 und 2010 um 38 Prozent angestiegen, davon sind nur 14 Prozent durch die Alterung der Bevölkerung zu erklären.
Dessen Entstehen hängt nicht nur mit einem vererbten Risiko sondern auch mit dem Lebensstil zusammen. Wer sich wenig bewegt, zu viel isst und übergewichtig ist, strapaziert seinen Stoffwechsel. Irgendwann reagiert der Körper nicht mehr auf das von der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttete Insulin: Der Blutzuckerspiegel steigt, was Gefäße und Nerven angreift. Langfristig drohen Folgen wie Herzkreislaufschäden, Nierenprobleme oder Erblindung.

Schon frühere Studien hätten gezeigt, dass ein erhöhter Konsum von Wurst und Schinken mit einem gesteigerten Altersdiabetes-Risiko einhergeht, schreiben jetzt die Wissenschaftler um An Pan von der Harvard Medical School in Boston. Beim roten Fleisch an sich war die Datenlage bisher unklar.

Die Harvard-Forscher stützen sich auf umfangreiches Datenmaterial dreier großer Langzeitstudien. In der ersten und zweiten "Nurses Health Study" geben seit 1980 beziehungsweise 1991 Krankenschwestern aus den USA regelmäßig Auskunft über ihren Lebensstil und ihre Gesundheit. In der "Health Professionals Follow-Up Study" werden seit 1986 im Medizinsektor tätige Männer - vom Optiker bis zum Fußpfleger - befragt.

Für ihre Studie werteten die Forscher Daten von rund 167.000 Frauen und 37.000 Männern aus, die 14 bis 28 Jahre lang an einer der Studien teilgenommen hatten. 13.759 erkrankten in dieser Zeit an Diabetes Typ 2.

Alle zwei Jahre hatten die Teilnehmer Fragebögen zu ihrem Essverhalten ausgefüllt. Zudem hatten die Forscher Informationen darüber, wie viel die Teilnehmer wogen, ob sie rauchten, Sport trieben, unter anderen Krankheiten litten oder ob sie an Diabetes leidende Verwandte hatten. So konnten die Forscher andere Risikofaktoren in der Analyse berücksichtigen.

Fleischesser nahmen zu

Das Resultat: Die Teilnehmer, die viel rotes Fleisch aßen, waren häufiger Raucher, nahmen insgesamt mehr Kalorien zu sich, hatten einen höheren Body-Mass-Index (BMI) und trieben weniger Sport. Der Fleischkonsum war also generell mit einem ungesünderen Lebensstil verknüpft. Allerdings zeigte sich auch nach dem Herausrechnen dieser Faktoren noch ein erhöhtes Diabetesrisiko für die Fleisch-Liebhaber.

Wenn die Forscher den steigenden BMI der Studienteilnehmer berücksichtigten, schwächte sich der Zusammenhang von Fleischkonsum und Diabetesrisiko ein wenig ab. Das deutet aus ihrer Sicht darauf hin, dass das höhere Risiko, zuckerkrank zu werden, teilweise darauf beruht, dass Menschen, die viel Fleisch essen, eher übergewichtig werden.

Sie nennen eine Reihe möglicher Erklärungen, wie ein hoher Fleischkonsum den Stoffwechsel in Richtung Diabetes treiben könnte:

  • Rotes Fleisch enthält viel Eisen. Es sei bereits bekannt, dass hohe Eisenvorräte im Körper mit einem gesteigerten Diabetesrisiko verknüpft seien, berichten die Mediziner. Das Eisen würde den oxidativen Stress in Zellen erhöhen und könne insbesondere die Insulin-produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse schädigen.
  • Laut einer finnischen Studie erkläre die hohe Konzentration von Natriumsalzen in Wurstwaren, warum diese das Diabetesrisiko erhöhten.
  • Wurst enthält höhere Mengen an Nitriten und Nitraten, die im Körper in Nitrosamine umgewandelt werden können. Diese wiederum wirkten in Tierversuchen toxisch auf Zellen der Bauchspeicheldrüse. Bei Erwachsenen mit höherem Nitritspiegel im Blut würde der Körper häufiger schlecht auf Insulin ansprechen.

Aufgrund ihrer Ergebnisse empfehlen die Forscher, den Verzehr von rotem Fleisch zu reduzieren - und den von Wurstwaren zu minimieren. Wenn möglich, sollte man statt dessen gesündere Lebensmittel verzehren - Vollkornprodukte, fettarme Milchprodukte, Fisch, Hülsenfrüchte oder Nüsse.

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