Ernährung für Kinder Vorsicht, bitter! Achtung, sauer!

Skepsis: Sanftmütige Kinder legen bei Tisch oft verblüffenden Starrsinn an den Tag
Corbis

Skepsis: Sanftmütige Kinder legen bei Tisch oft verblüffenden Starrsinn an den Tag

3. Teil: Suppenkasper - kein Problem


Aus evolutionsbiologischen Erwägungen müsste man nun postulieren, dass sich Kleinkinder mit stark eingeschränktem Speiseplan trotzdem gesund entwickeln, solange sie nur genug essen. Tatsächlich beobachteten Betty Carruth und Jean Skinner von der University of Tennessee (USA) im Jahr 2000, dass extrem wählerische Kinder genauso schnell wachsen wie andere.

Sollten wir die kindlichen Essvorlieben also einfach hinnehmen und warten, bis Leo und Lina früher oder später von selbst leckeren Salat probieren? Leider sind unsere evolutionären Schutzprogramme an eine Umwelt angepasst, die es so nicht mehr gibt. Neophobie und Aversion gegen Bitterstoffe sind heute, wo die Regale der Supermärkte garantiert tollkirschenfrei sind, eigentlich überflüssig, ja sogar lästig geworden. Evolutionsbiologen bezeichnen solche inzwischen ins Leere laufenden Voreinstellungen auch als Passungsproblem (englisch: mismatch).

Die ewig hungrigen Fettzellen etwa, die dem Menschen früher halfen, auch bei ausbleibendem Jagdglück zu überleben, sind in der Überflussgesellschaft zum Mismatch geworden: Übergewicht bei Kindern ist ein verbreitetes Problem. Und das gilt auch für die Schwäche für Süßes. Natürlich war diese Verhaltensdisposition einmal ein überlebenswichtiges Lockprogramm, das dafür sorgte, dass Kinder nur die reifen, kalorienreichen Früchte aßen. Nur lockt es heute unsere Kinder eben weniger zu den reifen Heidelbeeren als zu Schokolade und noch stärkeren Zuckerhämmern. Eltern sollten sich hier nicht wirklich auf die Weisheit der Natur verlassen.

Geduld führt eher zum Ziel

Wie also kann man insbesondere jüngere Kinder dazu bringen, doch einmal etwas Gesundes zu probieren? Klar ist, dass der Nachwuchs sich von meckernden, sorgenvollen Eltern nicht überreden lässt. Die englischen Psychologinnen Claire Farrow und Jacqueline Blissett beobachteten 2008 sogar: Sprösslinge, die beim Essen früh unter Druck gesetzt wurden, wogen im Alter von zwei Jahren weniger als jene, bei denen Mama und Papa nicht ständig genörgelt hatten.

Geduld führt da schon viel eher zum Ziel. Beispielsweise essen kleine Kinder, die Erbsen zunächst ablehnen, diese schließlich doch, wenn sie ihnen an aufeinander folgenden Tagen noch acht bis zehn weitere Male angeboten werden. Das zeigten bereits 1994 Experimente der Ernährungswissenschaftlerinnen Susan Sullivan und Leann Birch, damals an der University of Illinois in Urbana-Champaign (USA). Dabei reicht es aus, wenn die Kleinen zunächst nur ganz wenig probieren. Kinder essen bestimmte Nahrungsmittel also nicht nur, weil sie ihnen schmecken, sondern sie schmecken ihnen auch, wenn sie immer wieder davon essen!



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