Schwedische Studie Stärkt Milch die Knochen - oder nicht?

Milch soll gut für die Knochen sein. Doch eine schwedische Studie kommt zu dem Ergebnis: Milchtrinker erleiden im Alter genauso oft Brüche - und sterben sogar früher. Eine Ernährungsempfehlung geben die Forscher dennoch nicht.

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Milchtrinkerin: Kalzium ist gut für die Knochen, dennoch schützt Milch eventuell nicht vor Brüchen
Corbis

Milchtrinkerin: Kalzium ist gut für die Knochen, dennoch schützt Milch eventuell nicht vor Brüchen


Täglich Milch und Milchprodukte konsumieren - das empfiehlt unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Wegen des enthaltenen Kalziums gilt Milch als gesund für die Knochen. Älteren Menschen mit erhöhtem Osteoporose-Risiko wird unter anderem deshalb geraten, nicht an Milch zu sparen.

Eine schwedische Studie lässt jedoch Zweifel an dieser Empfehlung aufkommen. Menschen, die viel Milch tranken, hatten demnach kein geringeres Risiko für Knochenbrüche. Für Milchtrinkerinnen war das Risiko einer Hüftfraktur sogar erhöht. Zusätzlich hatten die Teilnehmer, die viel Milch konsumierten, ein gesteigertes Risiko für einen frühzeitigen Tod, berichtet das Forscherteam um Karl Michaelsson von der Universität Uppsala im "British Medical Journal".

Mit jedem täglichen Glas Milch (rund 200 Milliliter) erhöhte sich demnach das relative Risiko eines vorzeitigen Todes für Frauen um 15 Prozent und für Männer um drei Prozent. Im Schnitt nahmen die Männer circa 290 Milliliter Milch pro Tag zu sich, die Frauen 240 Milliliter. In Deutschland liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch pro Tag bei rund 250 Millilitern, also einem Viertelliter Milch.

Zahlen aus der Studie
In der Gruppe der Frauen, die weniger als ein Glas Milch pro Trag tranken, starben pro Jahr 10,7 von 1000 Teilnehmerinnen. Bei den Frauen, die pro Tag ein bis zwei Gläser Milch tranken, waren es 12,6. In der Gruppe, die zwei bis drei Gläser tranken, waren es 15,4. In der Gruppe mit dem höchsten Milchkonsum (mindestens drei Gläser beziehungsweise 600 Milliliter pro Tag) gab es 17,7 Todesfälle pro Jahr und pro 1000 Teilnehmerinnen.
  • Nach Einbeziehung aller weiteren erfassten Faktoren ergibt sich daraus ein um 15 Prozent erhöhtes Risiko eines frühzeitigen Todes für jedes zusätzliche tägliche Glas Milch.
Bei den Männern waren die Unterschiede in den Gruppen deutlich geringer. In der Gruppe, die weniger als ein Glas Milch pro Tag tranken, starben pro Jahr 18,2 von 1000 Teilnehmern. In der Gruppe mit dem höchsten Milchkonsum waren es 20,7.
Käse, Quark und Joghurt hatten einen anderen Effekt

Die schwedischen Wissenschaftler werteten Daten von insgesamt 61.433 Frauen und 45.339 Männern aus.

Die Frauen waren Teilnehmerinnen der schwedischen Mammografie-Kohorte und bei Studienbeginn zwischen 39 und 74 Jahre alt. Sie füllten einmal in den späten Achtzigern sowie im Jahr 1997 einen Fragebogen zu ihren Ernährungsgewohnheiten aus. Im Schnitt wurden sie 20 Jahre lang begleitet. In dieser Zeit starben 15.541 der Frauen. 17.252 erlitten einen Knochenbruch, 4259 davon brachen sich die Hüfte.

Die Männer waren Teil der sogenannten Kohorte schwedischer Männer und zu Beginn ihrer Teilnahme 1997 zwischen 45 und 79 Jahre alt. Sie füllten einmal einen Ernährungsfragebogen aus und wurden im Schnitt elf Jahre lang begleitet. In dieser Zeit starben 10.112 der Teilnehmer. 5066 hatten einen Knochenbruch, 1166 von ihnen erlitten eine Hüftfraktur.

In der Studie wurden zahlreiche Faktoren erfasst und mit eingerechnet, unter anderem Body-Mass-Index, Alkoholkonsum, vorliegende Krankheiten und der Bildungsgrad.

Zudem berechneten die Forscher, ob nicht nur der Milchkonsum, sondern auch der Verzehr fermentierter Milchprodukte (Käse, Joghurt, Quark und ähnliches) mit einem veränderten Risiko für Knochenbrüche oder einen frühzeitigen Tod verknüpft war. Hier zeigte sich: Bei den Frauen, die viele dieser Lebensmittel konsumierten, waren diese Risiken verringert. Bei den Männern war dies weder mit einem erhöhten, noch mit einem geringeren Risiko verknüpft.

Wer hat das bezahlt?
Die Studie wurde vom schwedischen Forschungsrat finanziert.
Die Studie kann nicht beantworten, ob der Milchkonsum die Ursache für die erhöhte Todesrate darstellt. Es ist zum Beispiel möglich, dass andere, in der Untersuchung nicht bedachte Faktoren die erhöhten Risiken der Milchtrinker erklären.

Liegt es an der Galaktose?

Die Wissenschaftler vermuten, dass die in der Milch enthaltene Galaktose die negativen Effekte des Getränks erklären kann. Der Milchzucker Laktose setzt sich aus den beiden Einfachzuckern Galaktose und Glukose zusammen. Milch ist die mit Abstand größte Galaktosequelle in der Nahrung.

In Tierversuchen sei die Gabe von Galaktose ein etabliertes Modell für vorzeitiges Altern, schreiben die Forscher. Menschen, bei denen sich aufgrund eines genetischen Defekts Galaktose in größeren Mengen im Blut und in Geweben sammle, hätten ein erhöhtes Risiko für chronische Krankheiten, darunter Osteoporose.

Die Studie könnte die Empfehlung infrage stellen, dass zum Schutz vor Knochenbrüchen im Alter ein hoher Milchkonsum sinnvoll sei, schreiben die Forscher weiter. Es sei jedoch wichtig, das Ergebnis in weiteren Studien zu überprüfen, bevor man es als Basis für Ernährungsempfehlungen nutze.



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insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
roland.vanhelven 29.10.2014
1. gaeeehn
osteoporose kommt fast ausschliesslich in milch trinkenden nationen vor. ausserdem sind in der milch 20 und mehr stoffe, die nicht gelistet sind. die uebersauerung wird wie ausgeglichen ? mit dem kalk der knochen. ergo doch nicht so gesund.
wiesnase111 29.10.2014
2. Milch
Milch schmeckt gut, das reicht mir was interessiert es mich was die Milch verursacht.Seit tausenden von Jahren hat sie die menschheit noch nicht ausgerottet Bier ist auch gut usw. wer sucht der findet alles macht krank im Ueberfluss.
Kreuzer 29.10.2014
3. Milch Kalzium
Kalziumzufuhr funktioniert nur wenn ein Gleichgewicht mit dem Magnesiumspiegel da ist. Bei Ungleichgewicht zieht der Körper, benötigtes, Kalzium aus dem Körper, mit bekannten Folgen, Knochen, Zähne etc. Magnesium ist ein Baustein des Lebens. Überschüßiges Kalzium lagert sich im Körper teilweise ab, Verkalkungen
soano 29.10.2014
4. Ursache und Wirkung
Kann es nicht sein, dass ohnehin Osteoporose-gefährdete kranke Menschen einfach mehr Milch trinken, weil die Gesellschaft für Ernährung gerade ihnen dazu rät?
olli08 29.10.2014
5. Wissenschaftliche Sorgfalt
Ob erhöhter Milchkonsum gut für die Knochen oder die Gesundheit im Allgemeinen ist, lässt sich mit nur einer Studie wohl schwerlich beantworten. Die Frage, ob ein erhöhter Milchkonsum gut für die massentierhaltende Milchindustrie und die umweltvernichtende Futtermittelindustrie lässt sich, leider, mit einem klaren JA beantworten. Ich jedenfalls trinke keine Milch ...
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