Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ernährung: Salz, Drogen und der Streit um den Blutdruck

Von Cinthia Briseño

Die Lust auf Salz ist ein Urinstinkt. Jetzt haben Forscher herausgefunden, dass er im Gehirn die gleichen Genmuster aktiviert wie die Drogensucht. Derweil streiten Mediziner weiterhin heftig, ob zu viel Salz wirklich krank macht - und ob ein Verzicht tatsächlich vor Herzerkrankungen schützt.

Pommes mit Ketchup: Salziges und Fettiges gehen oft einher Zur Großansicht
ddp

Pommes mit Ketchup: Salziges und Fettiges gehen oft einher

Es ist eine der einfachsten chemischen Verbindungen, leicht zu verstehen, leicht zu erklären: Natriumchlorid (NaCl), gewöhnliches Kochsalz, ist Grundstoff im Chemieunterricht - unter Medizinern sorgt das Mineral jedoch seit Jahrzehnten für heftigen Streit.

Salz ist ein Stoff, ohne den Leben nicht möglich wäre. Gleichzeitig aber steht Salz im Verdacht, den Blutdruck zu erhöhen, wenn man zu viel davon zu sich nimmt. Und so ist für viele Gesundheitsexperten Salz ein Übeltäter, der die Gefahr von Herzinfarkt und Schlaganfall erhöht.

Der Streit entfacht sich an der Interpretation der Daten Hunderter Studien, die den Zusammenhang zwischen der Salzzufuhr und dem Blutdruck ein für alle mal zu klären versuchen. Etliche Studien bestätigen jene Experten, die auf der Anti-Salz-Seite stehen. So zeigen beispielsweise Untersuchungen, dass der durchschnittliche Blutdruck einer Nation umso höher ist, je mehr Salz von der Bevölkerung konsumiert wird. Ein gutes Beispiel geben beispielsweise die Finnen ab: Nach einer groß angelegten Aufklärungskampagne wurde der Salzkonsum der Bevölkerung innerhalb von 30 Jahren um ein Drittel gesenkt. Die Folge: Der Blutdruck sank im Mittel - die Sterblichkeit durch Schlaganfälle und Herzinfarkte gleich mit, und die Lebenserwartung stieg.

Hunderte Studien - kein eindeutiges Ergebnis

Vor zwei Monaten stellten Ärzte diesen Zusammenhang jedoch auf den Kopf: Menschen, die wenig Salz zu sich nehmen, haben demnach sogar ein höheres Risiko, an einem Herz- oder Gefäßleiden zu sterben. Das war das Fazit, das die Forscher aus ihren Daten mit knapp 4000 Probanden zogen. Umgekehrt vergrößere ein hoher Salzkonsum nicht die Gefahr von Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

In die gleiche Richtung geht eine Publikation, die jüngst von der internationalen Cochrane Collaboration an die Öffentlichkeit gebracht wurde. Rod Taylor von der University of Exeter und sein Team analysierten sieben Studien, an denen knapp 6500 Patienten teilnahmen. Das Ergebnis ihrer Auswertung: Eine moderate Salz-Reduktion senkt zwar etwas den Blutdruck, einen Effekt auf die Sterblichkeit an Herzkrankheiten hat der Verzicht von Kochsalz jedoch nicht.

Es dauerte nicht lange, bis Kritik an dieser Veröffentlichung laut wurde: "Diese Arbeit von Taylor bereichert kaum unser Wissen über die gesundheitlichen Effekte einer Salzreduktion", sagte etwa Lawrence Appel von der Johns Hopkins University in Baltimore. Taylor selbst wies in seinem Papier darauf hin, dass die Probandenzahl der Metaanalyse zu gering sei, um einen klinisch relevanten Nutzen einer Salz-Reduktion erkennen zu können.

Studie um Studie entfacht sich der Streit neu - unklar ist, ob sich die Experten auf eine Meinung einigen werden, welchen Effekt eine Salz-Reduktion tatsächlich haben könnte.

100 Millionen Jahre alter Instinkt

Derweil hat ein amerikanisch-australisches Forscherteam einen ganz anderen Ansatz gewählt, sich dem Thema Salzkonsum zu nähern: Wolfgang Liedtke von der Duke University in North Carolina und sein Kollege Derek Denton von der University of Melbourne in Australien haben bei Mäusen entdeckt, warum der Hunger auf Salz womöglich auch in uns Menschen so präsent ist.

Der Drang, nach Salz zu suchen und aufzunehmen ist bei Tieren ein lebenswichtiger Instinkt, einer, der sich schon vor mehr als 100 Millionen Jahren entwickelte. Dieser Instinkt, das berichten die Forscher jetzt im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences", bildet auch die Basis für die Sucht nach Drogen.

"Der Appetit auf Natriumsalze ist mit dem Durst auf Wasser vergleichbar. Ähnlich wie beim Stillen des Durstes bringt auch das Trinken einer salzigen Lösung dann schnelle Befriedigung", erklärt Liedtke.

Drogen wie Kokain oder Opiate dagegen seien eine relativ neue Erfindung. Sie erzeugen Sucht und den Drang nach ihrer Befriedigung daher vermutlich, indem sie auf bereits vorhandenen Mechanismen aufsetzen: "Schon früher haben einige Wissenschaftler vermutet, dass die Drogensucht Schaltkreise alter Instinkte nutzen könnte. Mit unserer Studie haben wir demonstriert, dass ein klassischer Instinkt, der Hunger nach Salz, die neuronale Organisation liefert, die von der Sucht nach Opiaten und Kokain zweitverwertet wird", sagt Liedtkes australischer Kollege Denton.

Für ihre Studien nutzten die Neurobiologen Mäuse, die sie vorher durch eine extrem salzarme Kost besonders heiß auf Salz machten. Die genetischen Analysen der Wissenschaftler zeigten, dass sowohl dieser Salz-Hunger bestimmte Genmuster im Hypothalamus aktivierte. Dieses Zentrum im Zwischenhirn kontrolliert unter anderem das Gleichgewicht von Energie, Wasser und Salzen, ist aber auch Sitz des Belohnungssystems.

Dabei stellte sich heraus, dass die gleichen Genmuster aktiviert wurden, wie auch durch die Sucht nach Kokain oder Heroin. Zudem machte die Aktivierung dieser Gene einen Bereich des Hypothalamus empfänglicher für die Wirkung von Dopamin, jenem Botenstoff, der für das Gefühl der Befriedigung verantwortlich und eine Schlüsselsubstanz für das Sucht- und Belohnungssystem des Gehirns ist.

Hemmten die Forscher die Aktivität der Suchtgene, wirkte sich das umgekehrt auch auf den Salzinstinkt aus: "Wir waren überrascht zu sehen, dass die Blockade von Sucht-Schaltkreisen auch den Natriumappetit stark beeinträchtigte", sagt Liedtke.

Ihre Ergebnisse, so die Wissenschaftler, könnten nicht nur zu einem neuen Verständnis von Sucht führen. Vielmehr könnten sie auch Einblick in die negativen Folgen von dickmachenden, mit Salz überladenen Nahrungsmitteln geben.

Mit Material von dapd

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: