Eine Kolumne von Jan Spielhagen
Wer rotes Fleisch isst, bekommt Dickdarmkrebs. Oder Diabetes. Oder einen Infarkt. Jedenfalls ist sein Risiko viel höher als das des Weißfleischessers. Wer allerdings Geflügel verzehrt, muss damit rechnen, dass sein Körper mit multiresistenten Keimen verseucht wird, gegen die kein Antibiotikum mehr ankommt. Das kann auch tödlich ausgehen. Wer deshalb auf Bio umsteigt, der vermehrt den Hunger in der Welt, weil artgerechte Viehhaltung und Biolandbau so raumgreifend und ressourcenintensiv sind, dass sie niemals die sieben Milliarden Menschen auf unserer Erde ernähren könnten.
Wer deshalb vegetarisch lebt und seinen Bedarf an tierischem Eiweiß aus Eiern deckt, der unterstützt eine Industrie, die in Deutschland jährlich etwa 50 Millionen männliche Hühnerküken vergast oder schreddert, weil Hähne nun mal keine Eier legen (noch nicht einmal genetisch veränderte). Wer weder Fleisch noch Fisch noch Milchprodukte zu sich nimmt, dem fehlt schnell die Aminosäure Tryptophan, die im Körper zu Serotonin umgewandelt wird. Serotonin aber macht glücklich, und wer zu wenig davon hat, kommt bestenfalls schlecht drauf, im schlimmsten Fall ist er suizidgefährdet.
Bleibt also nur der Veganismus. Der macht aber nicht nur keinen Spaß, er fördert auch die Wahrscheinlichkeit an Arteriosklerose zu erkranken, weil es der Ernährung an Eisen, Zink und Vitamin B12 mangelt. Außerdem leiden viel mehr Menschen als gedacht nach dem Genuss von rohen Äpfeln an lästigen Blähungen, und bis heute ist unklar, wie man die in den persönlichen CO2-Fußabdruck einrechnet.
Verwirrung, Unsicherheit, Angst
All diese Thesen sind, zugegebenermaßen sehr zugespitzt formuliert, die Erkenntnisse seriöser Studien der letzten Monate. Sie sorgen für Verwirrung, Unsicherheit und Angst. Weil in der Überschrift solcher Studien meist ein Lebensmittel steht und im Ergebnis eine todbringende Krankheit. Oder wenigstens eine grausame Botschaft. Was für die Wissenschaft sinnvoll und zielführend ist, hilft dem Einzelnen nicht. Im Gegenteil: Es schadet. Weil nahe liegende und richtige Ernährungsweisen in Frage gestellt werden und durch Alles-oder-nichts-Regeln ersetzt werden. Was sollen wir denn nun nicht mehr essen? Rindfleisch, Eier, Äpfel?
Drehen wir den (natürlich laktosefreien) Spieß einfach mal um. Statt großer Studie: n = 1.
Fußabdruck ohne CO2, dafür Größe 37
Meine Nachbarin, 84 Jahre alt, äußerst schlank, sehr rüstig. Morgens isst sie Toast mit Marmelade und einen Joghurt - sogar einen von den bösen, mit Ecke. Mittags Fleisch oder Fisch, immer mit Gemüse und Reis oder Kartoffeln. Als Dessert Obst. Nachmittags ein Stück Kuchen. Abends Schnittchen mit Käse, dazu klein geschnitten Gurke, zwei Tomaten. Ostern gibt's Lammkeule, Weihnachten Fondue. Immer schön regelmäßig. Sie trinkt Kaffee, Tee, Wasser, manchmal Wein. Und das alles schon seit Jahrzehnten. Und einen Fußabdruck hat sie auch, aber ohne CO2, dafür Größe 37.
Was meine Nachbarin nie isst: Low Carb. Kohlsuppe. Vitaminpräparate. Sieben Gemüseeinheiten pro Tag (sie isst überhaupt keine Einheiten). Light-Produkte. Atkins? Montignac? Brigitte? Nie gehört!
Das Geheimnis meiner Nachbarin kann man in Studien nicht ergründen. Aber vor allem kann man kein Geschäft damit machen. Es lautet ganz simpel: Maß halten. Essen, was einem gut tut, und nur so lange man hungrig isst. Trinken, ja klar, und wenn's was zu feiern gibt, auch Alkohol. Fleisch gehört auch dazu, sogar sehr regelmäßig. Aber in kleinen Mengen. Kein Zwölf-Unzen-Chicago-Steak, sondern 100 Gramm Rind im Gulasch und 150 Gramm Schweinefleisch beim Schnitzel Wiener Art. Vor allem gehört zu allem das Gemüse dazu. Zwei ganze Paprika im Gulasch, Kartoffeln und Gurkensalat zum Schnitzel.
Leider hat's meine Nachbarin in letzter Zeit manchmal im Rücken und kürzlich eiterte ein Backenzahn. Sie ist aber guter Dinge, dass alles wieder im Lot ist, bevor sie sich in der Schweiz zum Wandern mit ihrer Schulfreundin trifft. n = 2.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war versehentlich von neun Milliarden Menschen die Rede. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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