Ernährungsreport Deutschland 2018 Die Maulhelden

Fast alle Deutschen wollen sich gesund ernähren, und ihnen liegt das Tierwohl sehr am Herzen. Das behaupten die Menschen in einer aktuellen Befragung. Zweifel sind angebracht.

Ob die Verbraucher wohl wirklich das Tierwohl im Blick haben?
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Ob die Verbraucher wohl wirklich das Tierwohl im Blick haben?


Verbraucher in Deutschland achten bei ihrer Ernährung besonders auf das Wohl der Tiere, kochen regelmäßig zu Hause und essen viel Gemüse. Das sind drei Ergebnisse des am Mittwoch von der Bundesregierung präsentierten Ernährungsreports. Demnach nannten 66 Prozent der Teilnehmer bei der Frage nach ihren persönlichen Erwartungen an die Landwirtschaft das Tierwohl auf Platz eins.

Für die Untersuchung befragte Forsa 1017 Bundesbürger ab 14 Jahren - und bereits darin liegt die große Schwäche der Untersuchung. Gerade beim Thema Ernährung neigen Menschen dazu, Antworten zu geben, die sozial erwünscht sind. So gaben auch 92 Prozent an, Wert auf gesundes Essen zu legen.

Dass das Wohl der Tiere beim Einkauf oft egal ist und die Pizza manchmal einfach verlockender als der Salat, geben wenige gern zu. Und so passen manche Antworten nicht zum Kaufverhalten der Menschen in Deutschland oder zu anderen Befragungen.

Drei Beispiele:

1. Fleischkonsum

Neun von zehn Bundesbürgern geben an, für Lebensmittel aus artgerechter Haltung auf jeden Fall oder eher mehr zahlen zu wollen. Geht es dann um einen konkreten Preis, ist die Bereitschaft, tief in die Tasche zu greifen, aber doch eher gering: Wenn ein Kilo Fleisch aus herkömmlicher Haltung zehn Euro kosten würde, wie viel würden sie dann für diese Menge mit besserem Tierwohl ausgeben? Bis zu 12 Euro für ein Kilo Fleisch würden nach eigenen Angaben 16 Prozent hinlegen, gut die Hälfte der Befragten würde bis zu 15 Euro zahlen. 29 Prozent würden noch mehr ausgeben.

Nun ist es schon heute möglich, eine großzügigere Tierhaltung zu fördern, indem man Biofleisch kauft. Das tun allerdings nur wenige Menschen. So liegt zum Beispiel der Bioanteil bei Geflügel-, Rind- und Schweinefleisch in Deutschland deutlich unter fünf Prozent des Gesamtmarktes, berichtet der Bund für ökologische Landwirtschaft. Am häufigsten greifen Verbraucher zu Bioeiern, laut dem Verband ist inzwischen rund jedes 10. in Hühnerei in Deutschland eines aus Biobetrieben. Fast zwei Drittel der Eier stammten 2016 dagegen aus Bodenhaltung - ob die Verbraucher hier wohl alle das Tierwohl im Blick hatten?

2. Zu Hause kochen

43 Prozent der Bundesbürger gaben an, dass sie so gut wie täglich zu Hause kochen. Die Zahl hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Weitere 38 Prozent kochen zwei- bis dreimal in der Woche selbst.

"Deutschland ist ein Volk von Köchen", sagte Ernährungs- und Agrarminister Christian Schmidt (CSU). Lediglich 14 Prozent der Männer und 3 Prozent der Frauen gaben zu, gar nicht zu kochen.

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Eine internationale Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) vom März 2015 kam in der Tendenz zu einem anderen Ergebnis. 30.000 Deutsche wurden damals befragt. Demnach kochen nur 34 Prozent der Verbraucher regelmäßig - 42 Prozent dagegen so gut wie nie. Eins zu eins vergleichen lassen sich die Zahlen selbstverständlich nicht. Die Unterschiede zeigen aber, wie schwierig es ist, hier verlässliche Informationen zu erhalten.

Immerhin gaben in der aktuellen Untersuchung rund ein Fünftel der Befragten zu, täglich oder mehrmals täglich zu Süßigkeiten zu greifen. Unter den 92 Prozent, die laut der Umfrage Wert auf gesundes Essen legen, finden sich also auch ein paar Naschkatzen.

3. Gern kochen

Fraglich ist auch, ob die Befragten mit ihrer Leidenschaft zum Kochen ehrlich sind. Laut Umfragen kochen von den 14- bis 18-Jährigen 83 Prozent gern, die Werte nehmen mit dem Alter leicht ab - bei den Über-60-Jährigen sind es 66 Prozent.

Die GfK-Umfrage lässt dagegen an der großen Kochleidenschaft zweifeln: Dort stimmten nur 26 Prozent der Befragten aus Deutschland zu, dass sie sich den Themen Lebensmittel und Kochen mit viel Leidenschaft widmen.

Auch die Absätze bei Fertiggerichten sprechen nicht für das "Volk von Köchen": 2005 konsumierten die Deutschen noch rund 570.000 Tonnen Fertiggerichte, 2014 waren es 964.000 Tonnen.

Forderung für Ernährung als Schulfach

Dass die Deutschen das Thema Ernährung trotz aller Diskrepanzen zwischen Theorie und tatsächlichem Verhalten als wichtig empfinden, zeigt ein weiteres Ergebnis: 91 Prozent der Bundesbürger stellten den Ernährungsunterricht in der Schule auf eine Stufe mit Fächern wie Mathematik, Deutsch und Englisch.

Schmidt sprach sich daraufhin für eine Stärkung des Themas im Unterricht aus. "Ich möchte ein Schulfach Ernährung." Dabei sind es oft gerade von der Politik geschaffene Hürden, die das verhindern. Ernährungswissenschaftler Hans Hauner sieht ein Fach Ernährung mit Praxisanteil in Deutschland nicht kommen. "Der Aufbau von Schulküchen wäre kostenintensiv. Hinzu kommen unsere zahlreichen und mitunter unsinnigen Vorschriften als weitere Hürde", sagte er in einem Interview.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisierte das von Landwirtschaftsminister Schmidt angekündigte Tierwohl-Label, das auf Freiwilligkeit beruhen sollte - und bislang auch nicht umgesetzt wurde. Die Verbraucherschützer halten gesetzliche Vorgaben für alle Produzenten für sinnvoller. Ähnlich sehen das Tierschutzorganisationen wie der Bund für Umwelt und NaturschutzDeutschland (BUND): Die Vorgaben, die Produzenten für das Tierwohl-Label einhalten müssten, seien zu lasch. Schmidt sagte, er bedauerte, dass die Zeit vor der Bundestagswahl nicht mehr gereicht habe, das Label einzuführen.

Anmerkung der Redaktion: Die Aussage von Foodwatch wurde im Text präzisiert.

wbr/jme/dpa/AFP



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Seite 1
ingnazwobel 03.01.2018
1.
Bestes Beispiel: Traue keiner Statistik die Du nicht selbst manipuliert hast oder jeder Statistik ist eh für den Allerwertesten. Natürlich will sich jeder gesund ernähren. Aber was schmecken doch die Hamburger im Fast Food so gut, auch will man den Hasen das Futter nicht wegessen -zudem es ohne das ungesunde Dressinh eh nicht schmeckt. Fertigfutter ist günstig und geht schnell. Auch beim Rumpsteak für 60 Euro das Kilo extra abgehangen und aus biologischer Zucht hört es spätestens auf mit dem Tierwohl. Natürlich will sich jeder bewußt ernähren, aber die Zeit und das Geld hat nicht jeder, was auch gewollt ist - denn der Mehrbedarf wäre überhaupt nicht lieferbar. Zudem ist das Leben zu kurz um etwas zu essen was einem nicht schmeckt- wenn es daduch etwas kürzer wird - what happens!
corny2 03.01.2018
2. Mein Ziel: bewusster Fleisch-Konsum, einschränken und ersetzen
Ich versuche: - nur einmal pro Woche am Sonntag und an Feiertagen Fleisch zu essen. Dann gibt es keine Konflikte mit meinen Eltern. - nur Tiere zu essen, die ich auch selber töten und zubereiten würde; und die (in Summe) nicht umweltschädlich sind. Fische habe ich schon einmal gefangen, getötet, ausgeweidet und zubereitet. Bestimmte Insekten esse ich ebenfalls - Insekten sind nämlich der perfekte Fleisch- und Milch-Ersatz aufgrund der Inhaltstoffe und können gut gewürzt sehr lecker schmecken. Nur leider sind sie derzeit noch zu teuer und nicht im Supermarkt zu kaufen...
haarer.15 03.01.2018
3. Maulhelden
Beim Thema Ernährung sind (zu) viele nicht ehrlich. Und dass die young generation so gerne kocht, finde ich aberwitzig. Von einigen Ausnahmen abgesehen. Deutschland (das ist schon lange der Trend) wird immer dicker und voluminöser und die Wohlstandskrankheiten nehmen zu. Da gibt es nur eine Konsequenz: Das Fach Ernährungslehre muss verpflichtend in den Lehrplan der Schulen. Auch der Sportunterricht darf kein Randfach mehr sein.
frankfurtbeat 03.01.2018
4. der Landwirtschaftsminister ...
der Landwirtschaftsminister Schmidt ist eine Fehlbesetzung die seinesgleichen sucht ... man schaue sich die verkorkste Industrieproduktion an! Holland gibt den Landwirten Geld damit diese die holländische Gülle auf den deutschen Acker bringen. Glyphosat ist unbedenklich und wird wie viele andere unnötige Chemikalien ausgebracht. Der Verbraucher bekommt das Nitrat in Form von Trinkwasser wieder auf den Tisch. Antibiotika wird in rauhen Mengen verfüttert, Masttierhaltung ist Standard. Die Äcker strahlen erhöht radioaktiv aufgrund des permanenten Ausbringens von Mineraldünger ... Monokulturen zwecks Energiegewinnung ... was fehlt noch um das meisterhafte Bild des Landwirtschaftsministeriums zu vollenden?
yofreak 03.01.2018
5. Aber
Ich selber bin bereit beim Metzger aus dem Familienbetrieb mehr Geld für das Fleisch aus zu geben. Nur weil im Supermarkt bio drauf steht. Da hört man leider zu viel negatives.
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