Umstrittenes Training: Kinder an der Kraftmaschine

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Im Verein ausgelacht, in der Schule gemobbt - viele übergewichtige Kinder scheuen den Sport. In Hamburg hat für sie die erste Fitnessanlage eröffnet. Experten streiten darüber, ob das Training der richtige Weg ist.

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Es ist wenig los an diesem Nachmittag in der Hamburger AlsterCity. Nur Laura-Sophie Behling läuft mit ihrem Bruder und ihren Eltern durch die verlassene Eingangshalle von Hausnummer 122b. Direkt um die Ecke, im selben Gebäude, befindet sich ein verwinkelter, bunt eingerichteter Raum mit Fitnessgeräten im Mini-Format, einem kleinen Trampolin und winzigen gelben Hürden. "Tatendrang", so heißt die erste Fitnessanlage für Kinder in Deutschland.

"Wir wollen Kinder und Jugendliche für Bewegung begeistern, die in Vereinen und im Schulsport zu kurz kommen", sagt Inhaber und Trainer Frank Kratschke. "Dort bleibt meist keine Zeit, sich um Defizite Einzelner zu kümmern." Wer nicht mitkommt, habe kaum eine Chance aufzuholen und verliere die Lust an der Bewegung. Wie die neunjährige Laura-Sophie sind die meisten Kinder hier übergewichtig. Andere haben einen krummen Rücken oder werden aus sonstigen Gründen im Schulsport oder Sportverein ausgegrenzt und gemobbt.

Lange war Kraftsport bei Kindern umstritten. Bis in die achtziger Jahre rieten Fachleute bei Kindern ausdrücklich davon ab. "Inzwischen wissen wir, dass das Training, wenn es richtig umgesetzt wird, die Gesundheit und das Selbstbewusstsein stärken kann", sagt Michael Fröhlich von der Universität des Saarlandes. Wissenschaftler von acht Sportinstituten kommen in einem Übersichtspapier zu dem Ergebnis: "In Deutschland wird die Legitimation eines frühzeitig begonnenen Krafttrainings in keiner Weise mehr angezweifelt."

Krafttraining ist nicht gleich Body Building

Krafttraining stärkt Knochen, Sehnen und Muskeln. Das kann etwa vor Rückenschmerzen im Alter schützen. Auch eine krumme Haltung lässt sich im Kindesalter durch gezieltes Training verbessern. "Eine gut ausgeprägte Skelettmuskulatur entlastet die Wirbelsäule", erklärt Fröhlich. Dadurch, dass vermehrt Muskelmasse aufgebaut wird, braucht der Körper zudem mehr Energie, auch wenn er in Ruhe ist. Das erleichtert das Abnehmen.

Es gibt aber auch negative Seiten: Wird der Körper an den Geräten falsch be- oder gar überlastet, können Knorpel, Muskeln und Sehnen langfristig geschädigt werden. Ohne einen gut ausgebildeten Trainer sollten Kinder daher nicht an die Geräte gehen.

"Wenn Jugendliche sich eine Karte für ein Fitnessstudio holen und ohne adäquate Einweisung mit dem Training loslegen, ist das problematisch", so Fröhlich. Der Sportwissenschaftler legt Wert darauf, Bodybuilding und Fitnesskrafttraining klar zu unterscheiden. "Beim begleiteten Kinderkraftsport geht es nicht darum, Kindern überproportionale Muskeln anzutrainieren, sondern ihren Körper gezielt zu stärken und eventuell vorhandene Schwächen zu beheben."

Bewegung für die Psyche

Fitnesstrainer Kratschke wählt die Gewichte seiner Schützlinge so aus, dass jedes Kind seine Übung für eine Minute durchhält. "Das ist viel länger, als Erwachsene aushalten, die mit schweren Gewichten arbeiten", erklärt er. Zudem haben die meisten Geräte auf der Anlage keine Sitze. "Die Kinder können die Maschinen nicht bewegen, wenn sie zu schwer eingestellt sind, weil sie sich nicht abzustützen können."

Viele unsportliche oder übergewichtige Kinder sind so schwach, dass sie es nicht schaffen, wie oftmals empfohlen, mit ihrem eigenen Körpergewicht zu trainieren. "Mit Hilfe der Geräte lässt sich die nötige Kraft dafür langsam aufbauen", sagt Kratschke. Positiver Nebeneffekt des Gerätetrainings: Während bei Klimmzügen, Handständen und Liegestütz schwache Kinder zuschauen müssen, können hier alle die gleichen Übungen mitmachen.

Lieber draußen spielen

"Die Kinder haben durch das Training Erfolgserlebnisse und das Gefühl, etwas erreicht zu haben", sagt Fröhlich. Das Körpergefühl verbessert sich, die Haltung wird gerader. "Mit einem positiven Selbstbild ändert sich die Außenwirkung automatisch." Einige Untersuchungen haben auch gezeigt, dass Fitness und Koordinationsfähigkeit die Leistung in der Schule verbessern.

In ein teures Fitnessstudio muss man dazu allerdings nicht unbedingt gehen. Spielen und Toben im Freien oder Sportarten im Verein wie Turnen, Judo und Karate sind gut geeignet, um Skelettmuskulatur, Körperbeherrschung und Sozialverhalten zu üben.

Auch Kratschke muss zugeben: "Kinder, die sich wohlfühlen, aktiv und sportlich sind, brauchen eine Einrichtung wie unsere nicht." Derzeit trainierten dort zwei Jungs, die genauso gut in einen Verein gehen könnten. Für einige stark übergewichtige Kinder scheint das Studio jedoch der letzte Notanker zu sein, sich zu bewegen - ohne verspottet und ausgegrenzt zu werden. Sportangebote in Vereinen gibt es für diese Zielgruppe bisher nur wenige.

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insgesamt 90 Beiträge
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1.
barlog 31.05.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIm Verein ausgelacht, in der Schule gemobbt - viele übergewichtige Kinder scheuen den Sport. In Hamburg hat für sie die erste Fitnessanlage eröffnet. Experten streiten darüber, ob das Training der richtige Weg ist. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/erste-fitnessanlage-fuer-kinder-in-deutschland-bietet-krafttraining-an-a-900455.html
Ganz sicher melden sich in Kürze Menschen, die dieses Angebot als lächerlich brandmarken, sich an ihre eigene Jugend mit über-den-Zaun-und auf Bäume-krabbeln etc. erinnern und den Kindern raten werden, einfach im Wald zu tollen oder Völkerball zu spielen . .. Ich halte dieses Angebot für übergewichtige/schwache Kinder für sehr sinnvoll, denn in so einer Gruppe macht solchen Kindern Bewegung bzw. Sport gewiss seit langer Zeit mal wieder Spass und, wie im Text beschrieben kann diese Übungen jeder mitmachen und niemand muss unfähig daneben stehen. Allerdings sind Kraftübungen recht monoton und man darf sich fragen, wie lange es dauert, bis die lieben (sowieso oft reizübersättigten) Kleinen sich langweilen . ...
2. Fitnessstudio für Kinder sei unnatürlich...
kdknmh 31.05.2013
ja und? Die Kritik halte ich für unberechtigt, denn das kann für übergewichtige, träge Kinder durchaus ein optimaler Weg sein, aus dem Teufelskreis heraus zu kommen. Wenn sie sich in ihrer Haut wieder wohlfühlen, werden sie sicherlich automatisch andere Sportarten probieren wollen.
3. *--*
bidebotchi 31.05.2013
die sollen fußball- oder volleyball spielen, reiten, schwimmen oder fahrrad fahren. und nicht in irgendwelche fitnesscenter.
4. ?
heineborel 31.05.2013
"Viele unsportliche oder übergewichtige Kinder sind so schwach, dass sie es nicht schaffen, wie oftmals empfohlen, mit ihrem eigenen Körpergewicht zu trainieren. " Diese Aussage impliziert, dass der Schwierigkeitsgrad bei Übungen mit dem eigenen Körpergewicht (body weight training, BWT) nicht variert werden kann, was Unfug ist! Wer "normale" Liegestützen nicht schafft, kann sich z.B. entweder auf den Knien abstützen oder die Übungen mit den Händen eröht (Bettkante, Tischkante) durchführen. Wen normale Liegestützen zu einfach sind kann die Beine hochlegen oder die Hande näher zusammen halten, oder beides :) Der Vorteil von BWT ist zudem, dass keine Muskelgruppen isoliert trainiert werden und zusätzlich auch Balance, Koordination und Körpergefühl mittrainiert werden. Bei hinreichender Betreuung ist gegen einen Besuch im Kraft/Fitnessstudio jedoch auch nichts einzuwenden...
5. Besser:
christophe_le_corsaire 31.05.2013
Ernährungs- und Erziehungskurse für die Eltern.
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Zur Autorin
  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.

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